Kindheit hinter Gittern

  • Santa Cruz de la Sierra - 30.06.2015

Wenn der Papst in wenigen Tagen Bolivien besucht, steht auch die berüchtigte Gefangenenstadt von Palmasola auf seinem Programm. Dort sind die Insassen und deren Angehörige größtenteils sich selbst überlassen. Steyler Missionsschwestern betreuen eine Kindertagesstätte hinter den Mauern der Haftanstalt.

Etwa zwanzig Kilometer südlich des Stadtzentrums von Santa Cruz de la Sierra springt Schwester Magdalena aus dem Bus. Ein Trampelpfad mündet in eine bolivianische Mustersiedlung, in der Hunde streunen und Babys schreien. Wenige Augenblicke später taucht sie plötzlich am Horizont auf: Die riesige Festungsanlage mit ihren 14 Wachtürmen, für die der Name des Stadtteiles inzwischen Pate steht: Palmasola.

Als Schwester Magdalena vor vielen Jahren beschloss, Missionarin zu werden, schwebte ihr ein Einsatz in Afrika oder Australien vor, gerne auch in ihrem Heimatland: Indonesien. Aber die Ordensleitung hatte andere Pläne mit der heute 48-Jährigen, schickte sie zunächst nach Bolivien, dann nach Palmasola. So muss man es wohl formulieren, denn das zwei Quadratkilometer große Gefängnis, abgesichert mit Stacheldraht und einer doppelten Mauer, hat wenig mit bolivianischem Alltag zu tun, es ist eine anarchische Parallelwelt, ein Staat im Staat: Über 5.000 Gefangene verwalten sich hier selbst – unter Ausschluss der Strafvollzugsbehörden, die sich weitgehend auf die Bewachung von außen beschränken.

Schwester Magdalena vor den Gefängnismauern von Palmasola Achim Hehn / SVD

„Centro de Rehabilitacion“ künden verklärte Großbuchstaben über dem großen Eingangstor. Schwester Magdalena reiht sich in die Schlange der Wartenden ein. „Viele der Gefangenen sitzen wegen Verstößen gegen das ‚Ley 1008‘, das bolivianische Anti-Drogen-Gesetz ein“, sagt die Steyler Missionarin. „Aber auch Diebe, Vergewaltiger und Mörder zählen zu den Häftlingen.“ Ein resoluter Polizist ist nicht gerade zimperlich, als er Schwester Magdalena abtastet. Dann trägt sich die Ordensschwester routiniert ins Besucherbuch ein – und betritt das größte Gefängnis Boliviens, dessen Infrastruktur einer Kleinstadt gleicht: Es gibt Wohnblocks und Restaurants, Werkstätten und Friseursalons, ein Fitnessstudio und sogar einen Fußballplatz.

Proteste und Hungerstreiks an der Tagesordnung

Heute ist es ruhig. Das ist nicht immer so: Proteste und Hungerstreiks sind in Palmasola keine Seltenheit. Viele Häftlinge warten seit Jahren vergeblich auf ein Gerichtsverfahren, laut einer Schätzung sitzen in Palmasola 70 Prozent der Häftlinge ohne Urteil ein. Manchmal greift auch die "Disciplina" durch, eine Truppe aus Gewaltverbrechern mit roten Aufseher-Leibchen, der ein sogenannter "Präsident" vorsteht. In Palmasola gibt ein Regiment aus Bandenbossen den Ton an.

Manchmal eskaliert die Lage. So wie im Sommer 2013, bei einem Machtkampf unter den Häftlingen. Mit Macheten, Schlagstöcken und Flammenwerfern gingen Gefangene auf jene Rädelsführer los, die bei Neuankömmlingen regelmäßig abkassieren, für Schutz und einen Schlafplatz in einem überfüllten Gefängnis – auf rund 40 Quadratmetern schlafen bis zu 50 Menschen. Die strohgefüllten Matratzen der Insassen fingen Feuer, ein Inferno brach aus. 700 Polizisten versuchten zwei Stunden lang, die Kontrolle zu erlangen und den Brand zu löschen.

Die Bilanz des Tages: Mindestens 50 Verletzte und 30 Todesopfer, unter Letzteren ein Kleinkind von 18 Monaten. „Das Gesetz erlaubt den Häftlingen leider, alle Kinder unter sechs Jahren mit ins Gefängnis zu nehmen“, erklärt Schwester Magdalena. „Diese Kinder leiden sehr. Sie tragen keine Schuld an den Verbrechern ihrer Eltern.“

Kinderbetreuung hinter Gittern

Eben dies ist der Grund dafür, dass die Steyler Missionsschwester beinahe jeden Wochentag im Gefängnis verbringt, von 8.30 Uhr am Morgen bis 16 Uhr am Nachmittag. Ihr Arbeitsplatz: Ein kleiner Bau gleich in der Nähe des Eingangs, dort, wo bunte Klettergerüste dem monotonen Grau der Mauern trotzen. In der Kindertagesstätte von Palmasola betreuen Schwester Magdalena und ihr Team rund 100 Kinder zwischen null und sechs Jahren. Ihre Chiquititos, sagt sie. Ihre kleinen Lieblinge.

Rund 100 Kinder betreuen Sr. Magdalena und ihr Team in der Kita von Palmasola. Steyler Missionare

Katlen ist eine davon. Zitternd sitzt die Dreijährige in einer Ecke – und schaut erschrocken auf, als Schwester Magdalena den Raum betritt. „Ihre Mutter sitzt zum zweiten Mal wegen Drogenbesitzes“, erklärt die Ordensschwester. „Die Frau ist äußerst aggressiv und schlägt ihre Kinder. Deshalb ist die Kleine stark verhaltensauffällig.“

Schwester Magdalena begegnet Katlens Trauma, indem sie beruhigend auf sie einredet und Körperkontakt sucht. Aber oft ist es wie heute: Als die Missionarin sie umarmen will, stößt Katlen sie schreiend weg und tritt nach ihr. „Sie trägt extrem viel Wut in sich“, sagt die Schwester und gönnt Katlen eine Ruhepause. „Sie ist gezeichnet von der Angst vor ihrer Mutter und vom Alltag hinter Gittern.“

Die Steyler Missionarin und ihr Team versuchen der Konfusion der Kinder eine Art Alltags-Oase entgegenzustellen. Einen Ort, an dem gemalt und gebastelt, gesungen und gelacht wird. „Zusätzlich bekommen die Kinder bei uns dreimal täglich eine frisch zubereitete Mahlzeit“, sagt Schwester Magdalena und deutet in Richtung Kita-Küche. „Die Gefangenen werden lediglich mit gekochten Schlacht- und Lebensmittelabfällen versorgt. Darunter leidet die Gesundheit der Kinder sehr.“

Schwester Magdalena zur Seite stehen zwei Lehrerinnen, eine Psychologin und eine Ärztin, aber auch drei inhaftierte Frauen. 2011, als die Steyler Schwestern nach Palmasola kamen, bauten sie zunächst einen Gesprächskreis auf, im PC2, dem Frauentrakt. Sie trafen dort auf Verbrecherinnen, aber auch auf viele augenscheinlich unschuldig Einsitzende, die sich regelmäßig zu Tanz- und Handarbeitsgruppen zusammenfanden und gemeinsam für das jährliche Muttertagsfest kochten. Mit diesen „guten Seelen“ der Gefängnisstadt sind die Schwestern seither gemeinsam unterwegs. Auch in der Knast-Kita.

Ein Hoffnungsschimmer

„Wir sind uns bewusst, dass unser Einfluss begrenzt ist“, bilanziert Schwester Magdalena abgeklärt. „Die stärkste Prägung erhalten die Kinder durch ihre Eltern und das Leben in Palmasola. Sie wachsen nicht behütet, sondern Seite an Seite mit Drogendealern und Vergewaltigern auf.“ Nicht selten komme es zu Übergriffen. Das Lieblingsspiel der Kinder sei ‚Räuber und Gendarm‘, wobei alle Kinder Räuber sein wollten, denn das entspreche der Lebenseinstellung, die ihnen ihre Eltern vermittelten.

„Die stärkste Prägung erhalten die Kinder durch ihre Eltern und das Leben in Palmasola. Sie wachsen nicht behütet, sondern Seite an Seite mit Drogendealern und Vergewaltigern auf.“

— Schwester Magdalena

Und doch lässt sich das Team der Kindertagesstätte nicht entmutigen. „Wir haben die Hoffnung, dass die Kinder mit Gottes Hilfe eine gute Zukunft erfahren können“, zeigt sich Schwester Magdalena überzeugt. „Wir setzen alles daran, dass die Kinder lernen, mit sich und mit anderen besser umzugehen – und menschlicher zu werden.“

Inspiration für ihren Einsatz findet die Ordensschwester in der Heiligen Schrift. „ ‚Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen‘ heißt es im Hebräerbrief“, sagt die Missionsschwester und ihr Blick wirkt entschlossen. „Ich bin davon überzeugt: Wer Menschen hinter Gittern besucht, der begegnet Jesus Christus. Denn ich sehe ihn hier in Palmasola täglich in den Augen der Kinder.“

Von Markus Frädrich

© Steyler Missionare