Neu ist das alles nicht ...

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  • Tübingen - 22.06.2015

Papst Franziskus veröffentlichte in der vergangenen Woche seine erste Sozialenzyklika: Mit dem Beginn des Sonnengesangs des Franziskus´, „Laudato si´ (... mi´ Signore)“ („Gelobt seist du, mein Herr“) beginnt das Rundschreiben „über die Sorge für das gemeinsame Haus“. Der Papst sieht die ganze Welt in einer gemeinsamen Sorge über den Zustand des Planeten Erde, den man gemeinsam zu einer „unermesslichen Mülldeponie“ hat verkommen lassen.

Um ein würdevolles Leben auf diesem Planeten für alle Menschen, aber auch für alle Geschöpfe zu gewährleisten, wirbt er darum, dass sich „die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung [...] vereinen“ möge. Er drängt auf einen weltweiten „Dialog [...] über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten“, mehr noch: darüber, wie die Menschheit dem Planeten Erde eine lebensfreundliche Zukunft geben kann.

Über schlechte Presse kann sich Papst Franziskus seit seinem Amtsantritt vor über zwei Jahren nicht beschweren. Wenn auch diesmal durch die ungehörige Vorabveröffentlichung in der italienischen Zeitschrift „L''Espresso“ zeitlich unkoordiniert, bekam er auch mit seiner neuen Enzyklika eine große und wohlwollende Aufmerksamkeit. Allerdings fragten einige wenige Journalisten – nicht kritisch, eher verblüfft –, was in seiner Ökologie-Enzyklika denn so neu sei, dass man darüber in Kirche und Welt so begeistert ist. Ihnen wird man zugestehen müssen: Neu ist einzig die Enzyklika, nicht aber das, was in ihr steht. Papst Franziskus tritt man mit diesem Zugeständnis nicht zu nahe. In seinem Lehrschreiben soll nicht gesagt werden, was noch nie gesagt wurde; vielmehr soll aus dem Vatikan und damit aus dem Zentrum der katholischen Kirche heraus gesagt werden, was alle in der Welt schon wissen, zumindest wissen können – und was sie endlich gemeinsam tun sollen: In die Sorge um das „gemeinsame Haus“ treten und dazu nationale und anderweitig partikulare Egoismen für das „weltweite Gemeinwohl“ zurückstellen.

Ökologischer Konsens der katholischen Kirche

Auch der eigenen Kirche hat die Enzyklika nichts Neues zu sagen – und beansprucht dies auch nicht. Im Gegenteil: Durch seine zahlreichen Zitate vor allem aus Dokumenten der unterschiedlichen lokalen und regionalen Bischofskonferenzen bietet der Papst seiner Kirche einen Konsens über die ökologischen Verwerfungen in der Gegenwart und die gemeinsame ökologische Verantwortung an. Als ein kirchlicher Konsens bereinigt die Enzyklika allerdings die Situation in der Kirche etwas – und verschweigt etwa die Versuche aus konservativen und wirtschaftsliberalen Kreisen, vor allem wohl aus den USA, eine Ökologie-Enzyklika zu unterbinden, zumindest aber deren Endtext zu beeinflussen und das „Schlimmste“ zu verhindern. Unbekannt ist, ob und was diese Kreise haben tatsächlich verhindern können.

Doch ganz zufrieden werden sie nicht sein. So wurde nicht gestrichen, dass der Klimawandel „vor allem aufgrund des menschlichen Handelns angestoßen“ wurde, dass er die wichtigste aktuelle politische Herausforderung ist und man sich weltweit bei der Nutzung fossiler Energieträger massiv einschränken muss. Gestrichen wurde auch nicht, dass den „armen Ländern“ ein Vorrecht auf wirtschaftliches Wachstum zugesprochen, den „reichen Ländern“ des Nordens hingegen eine „ökologische Schuld“ auferlegt und ihnen abverlangt wird, die „armen Länder“ des Südens mit Geld, Infrastruktur und „Know how“ auf einem eigenen, ihnen gemäßen nachhaltigen Entwicklungsweg zu unterstützen. Die Enzyklika selbst spricht allenfalls in vagen Andeutungen von abweichenden Positionen in der Kirche – und gibt sich damit als kirchlicher Konsens über die „Bewahrung der Schöpfung“ aus. Zumindest die bisherige Rezeption bestätigt sie darin. Diejenigen, die widersprechen, haben zumindest bisher dazu noch nicht den öffentlichen Mut gefunden. Damit steht mit „Laudato si“ der ökologische Konsens der katholischen Kirche erst einmal in aller Öffentlichkeit. Es dürfte schwer sein, ihn wieder aufzubrechen.

In der Enzyklika werden ökologische Verwerfungen – zum Teil in starken Worten – angesprochen, die Vernutzung ökologischer Ressourcen, die Belastung des Planeten mit Emissionen und der Verlust an biologischer Vielfalt. In Antwort darauf wird an die Menschheit appelliert, ihre gemeinsame Verantwortung für das gemeinsame Haus wahrzunehmen – und zwar auf allen Ebenen, auf denen sich die Menschheit politisch organisiert, von der lokalen bis zur internationalen Ebene. Dabei verknüpft die Enzyklika in Analyse und Therapie ökologische und soziale Fragen. So werden in der Analyse ökologische Verwerfungen als Folge einer ungleichen und dabei auch ungerechten Vernutzung ökologischer Ressourcen begriffen; zudem wird angesprochen, dass die Ärmsten auf dem Planeten Erde, dabei auch die Ärmsten in den jeweiligen Gesellschaften, am stärksten von den Folgen der ökologischen Verwerfungen betroffen und beeinträchtigt werden. Ökologische Verwerfungen bedingen gesellschaftliche Verwerfungen und dies auch zunehmend auf internationaler Ebene. Aber auch andersherum gilt: Gesellschaftliche Verwerfungen, wie das Machtungleichgewicht in den privatwirtschaftlich verfassten Ökonomien, verursachen ökologische Verwerfungen.

Enzyklika schwächelt auf den letzten Seiten

„Laudato si“ ist damit – im wahrsten Sinne dieses Wortes – eine Sozialenzyklika: Sozial ist dieses Rundschreiben, weil es die angesprochenen ökologischen Probleme als Folgen einer unzureichenden oder gar ungerechten Ordnung von sozialen Verhältnissen sieht, weswegen es eine andere, eine gerechte Ordnung eben dieser Verhältnisse und dazu: eine entsprechende Veränderungspolitik einfordert. Auch in einem zweiten Sinn ist „Laudato si“ eine Sozialenzyklika: Adressiert ist sie an all die Menschen und all die Einrichtungen, die Politik machen können und sollen – und deshalb in der Verantwortung für das „gemeinsame Haus“ stehen. Traditionell stand dafür in der Ansprache päpstlicher Sozialenzykliken: „an alle Menschen guten Willens“. Die Enzyklika bemüht sich entsprechend auch um eine Sprache, die außerhalb von Kirche und kirchlicher Binnenkommunikation verständlich ist, und um Argumente, die auch außerhalb von religiösen Überzeugungen und Einstellungen geprüft werden können.

„Wirksamen Umweltschutz gibt es für die Enzyklika nur dann, wenn die Politik das Primat gegenüber der Wirtschaft hat.“

— Matthias Möhring-Hesse

Wenn man einmal die letzten zwanzig, dreißig Seiten der Enzyklika weglässt, ist dieses Unternehmen in „Laudato si“ gelungen. Deshalb kann sie die ganze Menschheit um einen Dialog über die gemeinsame Verantwortung für die Erde bitten, nein: diesen Dialog einfordern. Dass „Laudato si“ in diesem Sinne eine Sozialenzyklika ist, wird man auch deshalb erfreut begrüßen, weil die letzte Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI., „Caritas in veritate“ (2009), genau dies nicht war. Papst Franziskus rehabilitiert von daher eine gute vatikanische Tradition seit „Rerum novarum“ (1891), wenngleich auch er auf den letzten Seiten seiner Enzyklika darin schwächelt.

Als eine maßgebliche Ursache für die ökologischen Verwerfungen macht die Enzyklika die weltweit herrschende Art des Wirtschaftens aus, sofern privatwirtschaftliche Akteure ihre Vorteile suchen – und dies eben nicht nur zu Lasten derjenigen Menschen, die dabei nicht mithalten können und deswegen ins Abseits gedrängt werden, sondern auch zu Lasten der ökologischen Ressourcen, die sie vernutzen, und des Planeten, den sie mit ihren Emissionen „verschmutzen“. Im Gegenzug traut die Enzyklika „der Wirtschaft“ auch nicht sonderlich viel zur Bewahrung des „gemeinsamen Hauses“ zu. Deshalb ist Franziskus auch kein Freund des Emissionshandels, dem marktwirtschaftlichen Instrument zur ökologischen Bändigung von Marktwirtschaften. Er plädiert vielmehr dafür, der Wirtschaft und den privatwirtschaftlichen Akteuren, zumal den Großen und Mächtigen unter ihnen, wirksame Grenzen zu setzen – und dies auf dem Wege von staatlichem und internationalem Recht.

Papst wirbt für einen neuen Lebensstil

Wirksamen Umweltschutz gibt es für die Enzyklika nur dann, wenn die Politik das Primat gegenüber der Wirtschaft hat. Weil Politik dieses Primat aber zurzeit nicht hat, plädiert sie dafür, genau dieses Primat erst einmal herzustellen und die neoliberal entfesselte Weltwirtschaft politisch wieder einzuhegen. Wirksamer Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung brauchen funktionierende Staaten und wirkmächtige internationale Institutionen, braucht allerdings auch den zivilgesellschaftlichen Druck „von unten“. Denn nur dann werden Staaten und internationale Organisationen der ihnen zufallenden Verantwortung nachkommen, – und nur durch entsprechende Bereitschaften „von unten“ können sie diese Verantwortung auch wahrnehmen.

Zum Ende seiner Enzyklika wirbt Papst Franziskus für einen neuen Lebenstil der Einfachheit. Als eine Quelle bietet er dazu die reichhaltigen Traditionen christlicher Spiritualität an. Erste Kommentare haben darin eine letztlich „unpolitische Botschaft“ gesehen. Diese Interpretation ist zumindest nicht zwingend: Veränderte Lebensstile sieht die Enzyklika als Bedingung für die geforderte Politik; zugleich wird eine entsprechende „Erziehung“ als Aufgabe von Politik ausgewiesen. Der Papst unterläuft also nicht das Wechselverhältnis von Gesellschaft und Individuen – und löst dieses keineswegs zugunsten der Individuen auf. Er erwartet also nicht von den Einzelnen, dass sie – jede und jeder für sich – das „gemeinsame Haus“ über die Runde bringen werden. Die Enzyklika nimmt aber die Menschen auch als einzelne – unter anderem als Konsumenten – in die Pflicht; und empfiehlt in allen politischen Anstrengungen, die Einzelnen im Blick zu behalten. In diesem Sinne erscheint in der Enzyklika – trotz der Dramatik und des Ernstes der ökologischen Verwerfungen – die geforderte Politik ein im Wesentlichen lokal verankertes und als ein partizipatives Unternehmen. Auch wenn internationale Anstrengungen dringend notwendig sind – und Franziskus sie wohl auch mit Hinblick auf den diesjährigen Klimagipfel in Paris energisch einfordert.

Für die Lebensstile der einzelnen, ähnlich auch für die privatwirtschaftlich verfassten Ökonomien besteht der Papst auf Beschränkungen. Durch die Vorgaben einer nachhaltigen Politik werden Handlungsmöglichkeiten begrenzt und dadurch ausgeschlagen, erwartete Renditen etwa auf fossile Energieträger werden beeinträchtigt. Damit wird aber weder die Freiheit und Lebenslust der einzelnen, noch die Dynamik privatwirtschaftlich verfasster Ökonomien stillgestellt. Sie werden, so die Enzyklika, nur auf andere Bahnen gelenkt, sie werden in eine andere, in eine für das „gemeinsame Haus“ verträgliche Richtung gelenkt – und dies mit der Aussicht darauf, dass auf diesen Bahnen eine Vielfalt neuer Lebensmöglichkeiten wahrgenommen und eine entsprechende Kreativität gelebt werden kann, dass auf diesen Bahnen auch unternehmerisch gearbeitet werden kann und wirtschaftliche Dynamik in ganz neue Richtungen hin möglich wird. So fordert Franziskus nicht nur „Weniger“, sondern verspricht zugleich, dass das geforderte „weniger mehr ist“.

Zugegeben: Neu ist das alles nicht. Aber deshalb ist es nicht überflüssig, als Kirche die gemeinsame, politische Verantwortung für das „gemeinsame Haus“ mit Nachdruck und päpstlicher Autorität in die Welt hinein zu sagen. Im Gegenteil!

Von Matthias Möhring-Hesse

Der Autor

Matthias Möhring-Hesse ist seit 2011 Professor für Theologische Ethik/Sozialethik an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er forscht unter anderem zur Rolle der Umweltverbände in den demokratischen und umweltethischen Lernprozessen der Gesellschaft.

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