Christlich-jüdischer Dialog belastet

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  • Frankfurt - 22.06.2015

In Deutschland ist eine neue Debatte über die 2008 von Papst Benedikt XVI. eingeführte Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte im außerordentlichen Messritus entbrannt. Bei einer Diskussion am Sonntagabend in Frankfurt forderte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, die katholische Kirche auf, die Neuformulierung wieder zurückzunehmen.

Der Vorsitzende der Unterkommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Heinrich Mussinghoff, äußerte großes Verständnis für dieses Anliegen und wünschte sich ebenfalls eine Zurücknahme der Neuformulierung und zugleich einen endgültigen Schlussstrich unter die Verhandlungen mit der traditionalistischen Piusbruderschaft.

Heinrich Mussinghoff, Bischof von Aachen. KNA

Mit Blick auf Belastungen im christlich-jüdischen Verhältnis sagte Schuster, die Neufassung der Karfreitagsfürbitte durch Papst Benedikt XVI. habe bei vielen Juden den Verdacht aufleben lassen, die Kirche wolle „letztlich doch die alte Judenmission fortsetzen“ und ein „Überlegenheitsgefühl“ gegenüber den Juden betonen. Ähnliche Formulierungen hätten über Jahrhunderte „christlichen Anti-Judaismus gefördert. Und was daraus wurde, das wissen wir ja alle“, sagte Schuster im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Auch Mussinghoff betonte, er könne die Neuformulierung „nicht verstehen und nachvollziehen. Wir haben eine wunderbare Formulierung im ordentlichen Ritus, und ich würde es sehr begrüßen, wenn die neue Form der Fürbitte im außerordentlichen Ritus zurückgezogen würde.“ Sie sei eine «Belastung» für die christlich-jüdischen Beziehungen, die man aber auch leicht wieder zurücknehmen könne. Er habe „nie verstanden, warum Papst Benedikt diese Fürbitte in den alten Ritus wieder eingefügt hat“, sagte Mussinghoff der KNA: „Das war mit Verlaub gesagt und bei allem Respekt keine gute Sache.“

Josef Schuster ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. KNA

Ausdruck eines katholischen Antijudaismus

Die Karfreitagsfürbitte zu den Juden war Jahrhunderte lang Ausdruck eines katholischen Antijudaismus. Gebetet wurde unter anderem für die „verblendeten“ und für die „treulosen“ Juden. Im Zuge der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hieß es dann im volkssprachlichen Gottesdienst: „Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“ Diese Fürbitte ist bis heute die am Karfreitag in deutschsprachigen Gottesdiensten allgemein verwandte Formulierung.

Für jüdische Proteste sorgte dann 2008 Papst Benedikt XVI., der die Karfreitagsfürbitte für die lateinische Messe erneuerte und als außerordentliche Form zuließ. In diesem selten praktizierten Ritus wird seitdem in lateinischer Sprache sinngemäß darum gebetet, dass die Herzen der Juden erleuchtet werden mögen, damit sie Jesus Christus als Retter und Heiland aller Menschen erkennen. Viele Juden werten das als neuerlichen Ausdruck eines katholischen Überlegenheitsgefühls und als Aufforderung zur Judenmission, auch wenn die Kirche dies immer wieder dementiert.

Schuster und Mussinghoff äußerten sich bei einer Diskussion zum 50. Jahrestag der Verabschiedung der Konzilserklärung „Nostra aetate“ über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Dabei bewerteten beide die christlich-jüdischen Beziehungen insgesamt als sehr gut, was aber nicht den Blick auf kleinere Belastungen dieser Beziehungen verstellen dürfe. (KNA)

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