Willkommen und im Stich gelassen

  • Sao Paulo - 19.06.2015

Bis vor kurzem war Brasilien kein sonderlich attraktives Ziel für Flüchtlinge: 2010 kamen nach offiziellen Angaben 566 Schutzsuchende an. Doch ihre Zahl hat sich binnen vier Jahren verzwanzigfacht: 2014 waren es mehr als 12.000. Im laufenden Jahr erwartet die staatliche Flüchtlingsbehörde Conare bis zu 17.000 Neuzugänge, hauptsächlich aus Syrien (23 Prozent), Kolumbien, Angola und der Demokratischen Republik Kongo. Ende 2014 lebten laut Conare 7.289 anerkannte Flüchtlinge aus 81 Ländern in Brasilien. Mehr als 8.000 warten auf ihre Anerkennung.

Zwar garantiert ein 1997 erlassenes Gesetz jedem Flüchtling das Recht auf Arbeitspapiere; Hilfsorganisationen berichten jedoch von Problemen bei der Ausstellung. Und selbst mit den nötigen Dokumenten finden sie kaum Lohn und Brot. Sprachprobleme und Ausländerfeindlichkeit sind schuld daran: „Die Vorurteile sind groß, besonders gegenüber uns dunkelhäutigen Afrikanern“, sagt Charlly Kongo, der vor sieben Jahren aus dem Kongo nach Brasilien floh. „Die Leute meinen, dass wir alle Drogenhändler und ungebildet sind. Das spüren wir tagtäglich.“

Da Kongos Diplom als Krankenpfleger von den brasilianischen Behörden nicht anerkannt wurde, suchte er zwei Jahre lang vergeblich Arbeit. Seit fünf Jahren putzt er nun in einem Hotel.

„Die Leute meinen, dass wir alle Drogenhändler und ungebildet sind. Das spüren wir tagtäglich.“

— Charlly, Flüchtling aus dem Kongo

Nicht in die Statistiken finden Flüchtlinge aus Haiti. Meist mit Hilfe von Schlepperbanden in den nordbrasilianischen Bundesstaat Acre gelangt, sitzen sie dort oft monatelang in überfüllten Lagern fest. Haitianer haben in Brasilien einen humanitären Sonderstatus, der ihnen ein automatisches Bleiberecht und Arbeitspapiere garantiert. Seit dem verheerenden Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 suchten rund 40.000 Haitianer dort Schutz.

Kampf mit Arbeitslosigkeit und Vorurteilen

Doch trotz der erleichterten Aufnahmebedingungen haben auch Haitianer mit Arbeitslosigkeit und Vorurteilen zu kämpfen. Die meisten hoffen in den Wirtschaftsmetropolen Südbrasiliens Arbeit zu finden. Berichte über rassistische Anfeindungen sind jedoch an der Tagesordnung. Die brasilianische Wirtschaftskrise macht es Haitianern besonders schwer, einen Job zu bekommen.

„Wenn es keinen Plan für die humanitäre Hilfe gibt, ist sie nicht mehr human.“

— Paolo Parisi, Mitarbeiter der Migrantenpastoral in Sao Paulo

Sowohl Bund wie Länder haben sich aus Sicht des katholischen Flüchtlingsexperten Paolo Parisi unzureichend auf die Betreuung der Flüchtlinge vorbereitet. „Wenn es keinen Plan für die humanitäre Hilfe gibt, ist sie nicht mehr human“, sagt der Priester und Mitarbeiter der Migrantenpastoral in Sao Paulo.

„Wir zerbrechen uns den Kopf, wie wir den Haitianern eine warme Suppe organisieren können, eine Aufgabe, die eigentlich der Staat übernehmen müsste“, meint Parisi. Die Migrantenpastoral im Zentrum Sao Paulos ist mit 160 haitianischen Bewohnern derzeit hoffnungslos überbelegt. Ende Mai gingen Fotos durch die Medien, die zeigten, wie Insassen aus Mangel an Waschgelegenheiten Pinkelbecken für die Körperreinigung benutzten.

In Sao Paulo leben Hunderte Haitianer auf den Straßen. Ohne die Landesregierung von Sao Paulo zu informieren, hatte die Regierung von Acre wöchentlich bis zu 1.000 Haitianer per Bus herangekarrt. Man sei dazu gezwungen gewesen, da der Bund immer noch nicht die seit Jahren versprochenen Hilfsgelder bereitgestellt habe, erklärte die Landesregierung.

Appell zum Weltflüchtlingstag

Deshalb ruft die katholische Kirche zum Weltflüchtlingstag an diesem Samstag zu Bürgerengagement für die Hilfesuchenden auf. „Die Position der Kirche war stets, den Ärmsten und Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen; dies war das Beispiel, das Jesus uns gegeben hat“, sagt Rio de Janeiros Erzbischof Orani Joao Tempesta. „Und dies ist auch die Linie, die Papst Franziskus in seinem Pontifikat verfolgt.“

Zum Auftakt des Weltflüchtlingstags plant die Kirche am Freitag einen feierlichen Akt: Am Fuß der Christus-Statue wollen sich Kirchenvertreter mit Flüchtlingen treffen. Die Christusfigur mit den gütig ausgebreiteten Armen, das Wahrzeichen von Rio de Janeiro, soll dann in Blau erstrahlen – der Farbe der Hoffnung und des Hohen Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR).

Von Thomas Milz (KNA)

© KNA

Fast 60 Millionen Flüchtlinge weltweit

Knapp 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Dies ist die höchste Zahl, die das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) jemals verzeichnet hat, wie die Organisation am Donnerstag in Genf mitteilte. Laut ihrem Jahresbericht „Global Trends“ werden die Zahlen auch weiterhin rasant ansteigen.

Ende 2014 waren demnach 59,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Das sind 8,3 Millionen Menschen mehr als Ende 2013 – die höchste jemals dokumentierte Steigerung. Vor zehn Jahren gab es weltweit 37,5 Millionen Flüchtlinge. Besonders alarmierend ist laut UNHCR, dass die Hälfte aller Betroffenen Kinder sind. (KNA)

zum UNHCR-Bericht „Global Trends 2014“

Aktion „23.000 Glockenschläge für Flüchtlinge“

Mit der Aktion „23.000 Glockenschläge für Flüchtlinge“ am heutigen Freitag will der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki ein Zeichen für die Schutzsuchenden an den Grenzen Europas setzen. Um 20 Uhr werden 230 Kirchen gleichzeitig 100 Mal läuten, um an die 23.000 Menschen zu erinnern, die seit dem Jahr 2000 ihr Leben im Mittelmeer verloren haben.

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