Mitten ins Herz

  • San Salvador

Ein wenig fassungslos habe ich diese vier Tage in San Salvador erlebt. Was für ein Land. Es trägt den Namen spanischen „Heiland“ und ist gleichzeitig so heillos. Wenn ich zusammenfassen soll, was mir der eine und andere zugeraunt haben, dann bleibt übrig:

  • Fast die Hälfte der Salvadorianer lebt in den USA, die meisten ohne Dokumente; und sie helfen ihren Familien zu Hause beim Überleben. Der Dollar ist inzwischen die gebräuchliche Währung auch in El Salvador.
  • Es fehlt an Sozialsystemen, die den Armen Sicherheit gewähren.
  • Gewalt und Korruption beherrschen das Land.
  • Chancenlosigkeit frustriert besonders die junge Generation.

Mit offenen Armen

Und doch werden wir mit offenen Armen empfangen. Es warten so viele Helfer auf die Gäste, die zur Seligsprechung von Erzbischof Romero anreisen, dass man bald nicht mehr weiß, an wen man sich halten soll. Überbordende Gastfreundschaft. Fünf Kardinäle, und sechzig Bischöfe und über tausend Priester haben sich aus aller Welt auf den Weg nach San Salvador gemacht.

1.300 Priester aus El Salvador und Mittelamerika nahmen am Gottesdienst zur Seligsprechung von Oscar Romero teil. Pohl/Adveniat

Neben mir im Flugzeug sitzt ein Ehepaar, die Zeugen der letzten Heiligen Messe von Oscar Romero geworden sind. Die Frau bricht in Tränen aus. Noch immer hört sie den schrecklichen Schuss, der das Herz des Erzbischofs zerreißt und ihn tot am Altar zusammensinken lässt. Ihr Mann ergänzt: „Ein Lichtball erfüllte die Krankenhauskapelle. Ich bin nach vorne gestürzt. Der Bischof liegt vor mir, in sich zusammengesunken. Blut strömt aus Mund und Ohren. Ich denke, da kommt jede Hilfe zu spät. Das ist das Ende.“

Aber es ist der Anfang.

Ein Land und viele Christen werden wach und begreifen Schritt für Schritt den Weg dieses neuen Seligen und seinen Einsatz für Gerechtigkeit und Wahrheit. Oscar Romero ist 1917 in der Kleinstadt Ciudad Barrios geboren. Die erste Erfahrung heißt Armut. Er muss sich das Bett mit seinem Bruder teilen. Drei Jahre dauert die Volksschule. Eine kleine Caféplantage ernährt die Familie. Der Vater leitet das Telegrammbüro in der Gemeinde. Oscar muss die Telegramme, das einzige Kommunikationsmittel damals, austragen. Der Vater stirbt früh. Der Bürger-feister wird aufmerksam auf den kleinen Jungen, der so vorzüglich die Flöte spielt und besorgt ihn einen Platz im Kleinen Seminar in der Nachbarstadt. Zehn Zentner Café kostet die Pension. Ein teurer Preis für die arme Familie. Oscar weiß, was Armut heißt und er kennt die Armen. Das ist Last und Reichtum für seine Leben.

Die Würde und der innere Wert der Armen sind sein „Kapital“. Sein Weg und seine Berufung sind gekennzeichnet vom Kreuz. Aber er glaubt an die Auferstehung. Während des zweiten Weltkrieges darf er in Rom studieren. Aber es sind Hungerzeiten. Dort empfängt er 1942 die Priesterweihe. Als er endlich in die Heimat zurückkehren kann, wird er bei der Zwischenlandung in Kuba verhaftet und zum Kriegs-Gefangenen erklärt. Als er nach so viel Irrfahrt endlich zu Hause ankommt, erhält er eine Pfarrei und wird gleichzeitig zum Sekretär des Bischofs ernannt. Zwanzig Jahre ist er der geschätzte Pfarrer.

Die Bischofsernennungen

Er wird 1970 zum Weihbischof in San Salvador ernannt. Verantwortlich ist er für die Publikationen der Erzdiözese. Damals durfte ich ihn besuchen und eine neue Druckmaschine besorgen Das sind schwere Zeiten für ihn, weil er aus den politischen Spannungen heraushalten will. Sie sprechen verächtlich von ihm. Er versucht Neutralität und Konzentration auf das Wesentliche. Wird er abgeschoben, als er vier Jahre später zum Bischof der Diözese Santiago de Maria ernannt wird. Dann geschieht das Schreckliche. Fünf Kleinbauern werden ermordet. Als sie zu Boden sinken fallen ihnen die Bibeln aus den Händen. Sie kommen von Gottesdienst. Romero stellt sich auf die Seite der Ermordeten und kämpft für die Aufklärung des Massakers. Er bewahrt die Familien vor noch größerem Elend. Zum ersten Mal wird seine Stimme in ganz Salvador gehört. 1977 wird er zum Erzbischof von San Salvador berufen. Der Nuntius und die politisch Mächtigen hoffen auf einen friedlichen und geduckten Kirchenführer.

Gottesdienst zum Beginn der 3. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe vom 27. Januar bis zum 13. Februar 1979 in Puebla / Mexiko. KNA

Morddrohungen

In der großen lateinamerikanischen Bischofsversammlung von Puebla 1979 sitze ich eine Woche lang an seiner Seite. Er ist der Schweigende. Sein Gesicht erinnert mich an einen Bauern, der auf die Ernte bedacht ist. Heute erst ahne ich, was ihn in den letzten Jahren seines Lebens bewegte. Ich denke an den Telefonanruf, der mich mitten in der Nacht aufschreckte. Es war ein Mitarbeiter von Misereor : „Wir haben Gewissheit, dass man einen Anschlag auf das Leben von Oscar Romero plant. Bitte warnen Sie ihn.“ Als ich am nächsten Tag Oscar Romero auf diesen Anruf aufmerksam mache, verzog er keine Miene. Sogar das Lächeln bleibt in seinem Gesicht. „Das weiß ich schon lange. Aber es gibt kein zurück. Es ist wie in einem Strom. Man muss kämpfen, sonst wird man fortgerissen.“ Romero will die Gerechtigkeit auf den Acker bringen. Aber der ist mit Blut getränkt. Die Liste der Ermordeten und Verschwundenen ist lang in El Salvador. 75.000 Bürgerkriegsopfer sind eine entsetzliche Bilanz.

Erzbischof Oscar Romero verkündet Sonntag für Sonntag das Evangelium vom Leben, aber er nennt auch die Toten und Verschwundenen. Jeder Gottesdienst wird vom bistumseigenen Radio übertragen. Die Situation spitzt sich zu. Am 24. März wird Erzbischof Oscar Arnulfo Romero in der Krankenhauskapelle bei der Abendmesse ermordet. Alles ist dokumentiert. Der rote Volkswagen, der bärtige Schütze, der nur einen Schuss abfeuert. Mitten in das Herz dessen der vorausgesagt hat: „Wenn sie mich töten, werde ich in meinem Volk auferstehen.“

Die Seligsprechung

Heute am Pfingstsamstag 2015 ist Auferstehung. 350.000 Gläubige versammeln sich. Das Volk Gottes hat sich erhoben. 1.300 Priester aus El Salvador und Mittelamerika ziehen feierlich mit den Bischöfen und Kardinälen mitten im Zentrum von San Salvador zum Seligsprechungsgottesdienst. Die Zeremonie nimmt ihren Verlauf.

Ein Zeichen des Himmels: Ein Strahlenglanz legte sich während des Gottesdienstes zur Seligsprechung von Oscar Romero um die Sonne. Pohl/Adveniat

Als das riesige Bild von Oscar Romero enthüllt wird, stößt mich der Bischof an meiner Seite an und sagt: „Sehen Sie doch, ein Regenbogen“. Ich suche den Himmel ab nach dem Regenbogen. Das ist kein Regenbogen, dass ist ein Strahlenglanz der sich um die Sonne gelegt hat. Ein Zeichen des Himmels. Andere sagen: ein Wunder. Hätte ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen, ich würde es nicht glauben.

Die Reliquie des neuen Seligen, sein blutgetränktes Hemd, das an den Mord erinnert wird in einer Glasvitrine langsam in Tanzschritt von zwölf Priestern durch die Reihen der Gläubigen auf die Altarinsel getragen und vor den angereisten Staatsoberhäuptern und Mächtigen in Mittelamerika abgestellt. Ob einer der an der Ermordung Romeros Schuldigen dort steht? Niemand weiß es. Das Gericht und die Machthaber schweigen. Der jetzige Präsident hat wenigstens eine Entschuldigung ausgesprochen. Auf alle Fälle haben sie die Seligsprechung 35 Jahre lang torpediert. Heute ist Erzbischof Romero auferstanden

Die Völkerwanderung

Da mein Rückflug auf den Pfingstdienstag gebucht ist, verbringe ich den Pfingstmontag in der Krypta der Kathedrale von San Salvador in der Nähe des Grabdenkmals des neuen Seligen. Die schwere Bronzeplatte erinnert an das Messgewand des Bischofs die Ränder steigen auf zu vier Bronzefiguren, Frauengestalten die das Evangelium in ihren Händen halten. Oder sind es auch die Predigten von Bischof Romero, seine Anklageschriften und seine Verteidigung der Wahrheit. Das markante Gesicht des Seligen schaut zum Himmel. Die Mitra weist nach Vorne. Es ist, als ob sich ein Totenschiff in Bewegung gesetzt hat, unaufhaltsam. Die Gläubigen kommen und gehen. Sie klammern sich an vier Frauengestalten. Sie legen die Hände auf die Mitra Ich kann die geneigten Gesichter nicht erkennen. Aber ich sehe die Schuhe, die Sandalen. Sie sind ausgetreten und zeigen die Wunden des Lebens.

Auch ich stelle mich in die Reihe und lege meine Hände auf die Mitra des Ermordeten Erzbischofs und übergebe meine Bitten, und das sind viele. Da entdecke ich den Bergkristall auf der offenen Brust des Seligen Oscar Romero. Die Heiligsprechung wird folgen. Der Himmel hat es kundgetan.

Von Weihbischof em. Leo Schwarz

Quelle: Paulinus – Wochenzeitung im Bistum Trier . Ausgabe Nr. 23. Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

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