Die Befreiungstheologie rechts außen

  • © Bild: KNA
  • Vatikanstadt - 13.05.2015

Die Frage verschlug Gustavo Gutierrez buchstäblich die Sprache: Ob denn die Verurteilungen der Befreiungstheologie durch die vatikanische Glaubenskongregation in den 1980er Jahren „nötig“ gewesen seien, möchte ein Journalist wissen. Der „Vater der Befreiungstheologie“ versucht es zunächst mit Englisch, das er eben noch flüssig gesprochen hatte – und stockt; wechselt ins Italienische – und stockt erneut. Die Antwort, die er dann mit einiger Verzögerung gibt, verschlägt wiederum manchem Anwesenden beinahe die Sprache: Die Glaubenskongregation habe die Befreiungstheologie niemals verurteilt; es habe nur einen „bisweilen sehr kritischen Dialog“ gegeben, so Gutierrez.

Der Theologe aus Peru war am Dienstag der eigentliche Star in einer Pressekonferenz, deren offizieller Anlass die Vorstellung der 20. Generalversammlung von Caritas Internationalis war. Schließlich geschah es das erste Mal, dass einer der Gründer der Befreiungstheologie zu einer offiziellen Pressekonferenz im Vatikan eingeladen war. Mit seinem 1971 veröffentlichten Buch „Theologie der Befreiung“ hatte der heute 86 Jahre alte peruanische Theologe dieser Bewegung ihren Namen gegeben. Die Objektive der Fotografen und Kameraleute richteten sich im vatikanischen Presseamt daher zunächst auf den einfachen Dominikaner – und erst dann auf den Präsidenten von Caritas Internationalis, Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga. Eine Ironie: Gutierrez, Vertreter einer Theologie, die unter Marxismus-Verdacht stand, saß rechts außen auf dem Podium.

Bei der Pressekonferenz im Vatikan zur 20. Vollversammlung von Caritas Internationalis: von links: Haridas Varikottil, Landwirtschaftsexperte von Caritas Indien; Michel Roy, Generalsekretär von Caritas Internationalis; Oscar Rodriguez Maradiaga, Präsident von Caritas Internationalis; Federico Lombardi, Vatikansprecher; und Gustavo Gutierrez, Mitbegründer der Befreiungstheologie. KNA

Diskussion um die „Rehabilitation“ der Befreiungstheologie

Der Vatikan selbst hatte stets Wert darauf gelegt, dass gegen eine in seinem Sinne richtig verstandene Befreiungstheologie nichts einzuwenden sei, ja das sie ein berechtigtes Anliegen in Lateinamerika aufgreife. Zu beanstanden sei aber die Übernahme marxistischer Modelle von Teilen dieser theologischen Richtung. In zwei Schreiben hatte die Glaubenskongregation 1984 und 1986 marxistische Tendenzen in der Befreiungstheologie verurteilt. Kritiker verliehen dem damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, wegen seines aus ihrer Sicht harten Vorgehens den Titel „Panzerkardinal“.

Als „Rehabilitation“ der Befreiungstheologie war Gutierrez‘ Auftritt vor diesem Hintergrund bezeichnet worden. Er selbst druckste am Dienstag herum. Die Befreiungstheologie sei ja gar nicht verurteilt worden; deshalb könne sie auch nicht rehabilitiert werden. Aber so ganz widersprechen mochte Gutierrez dieser Deutung offensichtlich auch nicht. Entscheidend sei doch schließlich, erklärt er, dass das Evangelium rehabilitiert worden sei. Angesprochen darauf, welche Rolle Papst Franziskus hierbei gespielt habe, antwortet er schlicht, das „Klima“ habe sich gewandelt.

Der Klimawandel kam freilich nicht aus heiterem Himmel. Franziskus war bereits im September 2013 nach einer Morgenmesse kurz mit dem peruanischen Theologen zusammengetroffen. Zudem veröffentlichte Gutierrez 2014 gemeinsam mit dem Präfekten der vatikanischen Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, ein Buch. Müller ist seit vielen Jahren ein persönlicher Freund von Gutierrez. Vor wenigen Tagen erschien dann zum zweiten Mal ein Artikel des peruanischen Theologen in der vatikanischen Tageszeitung „Osservatore Romano“. Darin hob er die fortwährende Aktualität des Armutsbegriffs hervor, den die Befreiungstheologie entwickelt hatte.

Gutierrez‘ eigene, in kämpferischem Ton vorgetragene Botschaft für die Generalversammlung verband am Dienstag Befreiungstheologie und Caritas Internationalis: „Wir brauchen keine Wohltätigkeit, sondern Gerechtigkeit“.

Von Thomas Jansen (KNA)

© KNA

Zur Person

Gustavo Gutierrez (86) gehört zu den Begründern der sogenannten Theologie der Befreiung. Mit ihr reagierten Theologen seit den 1960er Jahren auf wachsende soziale Missstände in Lateinamerika. Gutierrez‘ 1971 erschienenes und in zahlreiche Sprachen übersetztes Buch „Theologie der Befreiung“ gab der Bewegung ihren Namen. Die Befreiungstheologie führte auch zum Ansatz der sogenannten Basisgemeinden.

Der am 8. Juni 1928 in Lima geborene Gutierrez studierte in Lima, Löwen und Lyon Medizin, Philosophie, Psychologie und Theologie. Lange lehrte der Priester als Professor an der Katholischen Universität in Lima. In den vergangenen Jahren arbeitete er – auch kritisch – die Geschichte und Spiritualität der Befreiungstheologie auf.

Während Rom Mitte der 80er Jahre gegen die Befreiungstheologen Leonardo und Clodovis Boff vorging, lehnte die Peruanische Bischofskonferenz 1984 Maßnahmen gegen Gutierrez ab. Ab 1990 wurden seine Schriften von der Glaubenskongregation und den peruanischen Bischöfen untersucht, ohne dass es zu Konsequenzen kam. Er selbst räumte „Übertreibungen, sogar einige Irrtümer“ der Befreiungstheologie ein. Wiederholt distanzierte er sich vom Marxismus. (KNA)

Weitere Inhalte