„Wir lassen uns nicht unterkriegen“

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  • Bonn - 12.05.2015

Fast fünf Monate lang lieferten sich Einheiten der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und kurdische Milizen erbitterte Kämpfe um Kobane. Nach dem Ende der Gefechte liegt die nordsyrische Stadt in Schutt und Asche. Trotzdem verliert Nassan Ahmad nicht die Hoffnung. Er ist Gesundheitsminister der Kantonalregierung in Kobane.

Frage: Herr Ahmad, wie sieht es nach der Rückeroberung von Kobane in der Stadt aus?

Ahmad: Es war ein sehr erbitterter Kampf um Kobane. Trotz der gelungenen Vertreibung des IS aus der Stadt ist das Resultat verheerend: Viele junge Frauen und Männer ließen bei dem Kampf ihr Leben. Bis zu 80 Prozent der Stadt sind zerstört worden. Die Infrastruktur ist komplett lahmgelegt: Weder Wasser noch Strom funktionieren. Zu allem Überfluss wurden auch die Baumaschinen und Nutz- und Personenfahrzeuge, die für den Wiederaufbau dringend benötigt werden, entweder mitgenommen oder zerstört. Auch die vier Krankenhäuser und elf Schulen, die es in Kobane gab, wurden dem Erdboden gleich gemacht. Die umliegenden Dörfer wurden zerstört oder sind vermint.

Trotzdem sind nach der Befreiung Kobanes im Januar 70.000 bis 90.000 Menschen in die Stadt zurückgekehrt. Die Verwaltung bemüht sich, die medizinische Versorgung für die Bürger unter schwierigsten Bedingungen wieder herzustellen. Sie versucht, trotz der verzweifelten Lage für die Kinder eine Art Normalität zu schaffen, was alles andere als einfach ist. Unter den Trümmern in der Stadt und in umliegenden Dörfern sind immer noch Leichen verborgen. Daher ist die Gefahr von Seuchen und der Verbreitung von Krankheiten sehr groß.

Rauch über der umkämpften syrischen Stadt Kobane nach einem US-Luftangriff auf IS-Kämpfer am 18. Oktober 2014. KNA

Frage: Wo kommen die zurückgekehrten Familien unter und wie werden sie versorgt?

Ahmad: Die Unterbringung der Rückkehrer ist ein riesiges Problem, da ein Großteil der Häuser zerstört ist. Die Menschen nutzen die beschädigten Gebäude als Grundschutz oder versuchen, in provisorischen Zelten und Unterkünften ein neues Leben aufzubauen. In den umliegenden Dörfern kommen die Vertriebenen in den noch bewohnbaren Häusern unter. Mehrere Familien leben dann dicht gedrängt in einer Wohnung. Insgesamt sind von den 431 Dörfern nur noch 70 in der Hand der IS-Banden.

Auch die Versorgung der Rückkehrer mit Lebensmitteln ist eine große Herausforderung. In unregelmäßigen Abständen werden Hilfspakete über die türkische Grenze geliefert. Wenn die Türkei allerdings den Grenzübergang sperrt, müssen Umwege nach Kobane in Kauf genommen werden. Das kostet wertvolle Zeit. Neben den Familien, die nach Kobane zurückgekehrt sind, brauchen auch die Flüchtlinge, die sich noch in Nord-Kurdistan auf der türkischen Seite befinden, dringend Unterstützung.

Frage: Bei der Notversorgung der Flüchtlinge werden Sie unter anderem von dem Kölner Verein Pro Humanitate und der Missionszentrale der Franziskaner unterstützt. Wie sehen die Hilfsmaßnahmen konkret aus?

Ahmad: Nach dem Angriff der IS-Terroristen auf Kobane und die umliegenden Dörfer mussten etwa 200.000 Menschen fliehen und haben sich in Nord-Kurdistan in Sicherheit gebracht. Etwa 50.000 haben in der türkischen Grenzstadt Suruc, rund 15 Kilometer von Kobane entfernt, Zuflucht gefunden. Die Vertriebenen wurden dort von der kurdischen Bevölkerung herzlich empfangen und unterstützt.

Der Verein „Pro Humanitate“ war die erste europäische Hilfsorganisation, die uns von Anfang an kontinuierlich unterstützt hat. Sie hat unsere Kinder in den Zeltlagern mit Babynahrung versorgt und Gummistiefel sowie Winterjacken verteilt, so dass die Kinder gegen Kälte und Nässe geschützt waren. „Pro Humanitate“ hat die Grundnahrung von 1.400 Familien für mehrere Wochen gesichert. Jüngst lieferte der Verein Anfang April 150 Tonnen Mehl nach Kobane, damit die Rückkehrer täglich warmes Brot für ihre Familien und Kinder backen konnten. Für all diese Unterstützung ist die Kantonalregierung von Kobane sehr dankbar.

Frage: Obwohl Kobane offiziell „befreit“ ist, ist die Lage alles andere als sicher. Medienberichten zufolge starben unlängst Dutzende Menschen in der Nähe von Kobane bei einem US-Luftangriff auf Stellungen des IS. Ist angesichts dieser unsicheren Lage überhaupt an Wiederaufbau zu denken?

Ahmad: Auch wenn Kobane immer noch in der Gefahrenzone der IS-Banden liegt, möchten wir die Stadt und die umliegenden Dörfer wieder aufbauen. Wir wollen uns nicht unterkriegen und uns nicht von den Ängsten, die der IS verbreitet, beherrschen lassen. Stattdessen setzen wir alles daran, Kobane wieder zu der Stadt aufzubauen, die sie vorher war. Mit dem Wiederaufbau und dem neu gewonnen Ruhm des Widerstandes werden wir ein starkes Zeichen setzen. Wir leben in Kobane friedlich und demokratisch mit all unseren kulturellen, ethnischen und religiösen Unterschiedlichkeiten. Diese Werte möchten wir weiterleben und verbreiten.

Von Lena Kretschmann

© weltkirche.katholisch.de

Pro Humanitate

Der Kölner Verein „Pro Humanitate“ wurde 1996 gegründet. Er leistet humanitäre Nothilfe für kurdische Familien, die aus ihren Siedlungen und Dörfern vertrieben wurden. Seit Gründung des Vereins konnten nach eigenen Angaben über 45.000 kurdische Familien mit Grundnahrungsmitteln und Heizmaterial versorgt werden. Die Arbeit von „Pro Humanitate“ wird unter anderem von der Missionszentrale der Franziskaner und vom Kindermissionswerks „Die Sternsinger“ gefördert.

www.pro-humanitate-koeln.de