„Industrienationen müssen teilen“

  • © Bild: KNA
  • Bamberg - 23.04.2015

Am 7. und 8. Juni 2015 treffen sich im bayrischen Elmau die Staatenlenker der sieben größten Industrienationen. Ganz oben auf der Tagesordnung stehen Klimaschutz und die neue Entwicklungs- und Nachhaltigkeitsagenda , die die Vereinten Nationen im September 2015 verabschieden wollen. Im Interview formuliert der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick, seine Erwartungen an den G7-Gipfel .

Frage: Am zweiten Gipfeltag, so hat Bundeskanzlerin Angela Merkel angekündigt, werden auch afrikanische Staats- und Regierungschefs in Elmau erwartet. Mit ihnen wollen die G7-Staaten „einen umfassenden Dialog zu Afrika und weltpolitischen Themen führen“, wie es seitens der Bundesregierung heißt. Welche Hoffnungen verknüpfen Sie mit dieser Ankündigung?

Schick: Ich finde es sehr gut, dass die G7-Staaten afrikanische Staats- und Regierungschefs einladen. Damit zeigen sie, dass sie Verantwortung für die ganze Welt übernehmen wollen. Dabei habe ich den Wunsch, dass tatsächlich etwas für die afrikanischen Staaten herauskommt und für die Entwicklung dieser Länder getan wird. Anders als in den vergangenen Jahren wird es in Elmau endlich nicht mehr nur um das Wohlergehen der G7-Staaten und um deren Wirtschaftsbeziehungen zueinander gehen. Die afrikanischen Staaten sollten von den G7-Staaten unterstützt werden, die Entwicklung ihres Kontinents voranzubringen.

Frage: Es gibt derzeit etliche Krisenherde auf der Welt. Glauben Sie, dass ein Forum wie der G7-Gipfel ausreichend Möglichkeiten hat, hier erfolgreich – also im Sinne der Menschen – einzugreifen?

Schick: Man muss ganz klar fordern: Die G7-Staaten müssen sich stärker für die Weltgemeinschaft engagieren! Für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden braucht man Langstreckenläufer, keine Sprinter: Die Krisenherde etwa in Afrika sind über Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte, entstanden.

Das Ziel aller Bemühungen: Zwei Mahlzeiten am Tag – für alle! Schwarzbach/Misereor

Die Ursachen dafür kann man nicht von heute auf morgen beseitigen. Aber es muss heute damit begonnen werden. Der Hunger in vielen Ländern ist eine Ursache für Flucht , Vertreibung und kriegerische Konflikte. Man muss dafür sorgen, dass die Menschen ihre Nahrungsmittel selbst anbauen und produzieren können. Dazu gehört unbedingt auch Bildung , damit die Menschen die landwirtschaftlichen Ressourcen möglichst optimal nutzen. Maßnahmen, die die Umweltverschmutzung und die Erderwärmung stoppen, sind notwendig. Die Ausbreitung der Wüsten in Afrika zerstört den Lebensraum vieler Menschen und verursacht Flucht und Verbreibung. Beseitigung von Hunger und Krankheiten, Bildungsmaßnahmen und Klimaschutz benötigen Zeit, Geld und Anstrengung. Die G7-Staaten tun dabei nicht genug.

„Für Entwicklung, Gerechtigkeit und Frieden braucht man Langstreckenläufer, keine Sprinter.“

Frage: Was also würden Sie den Gipfelteilnehmern mit auf den Weg geben?

Schick: Sie sollten sich darum bemühen, dass es zwischen allen Staaten weltweit mehr Ausgleich und Gleichberechtigung gibt und dass das Nord-Süd-Gefälle abgebaut wird. Letztlich können wir in einer globalen Welt nur gemeinsam existieren. Wir müssen auch Gerechtigkeit, Menschenwürde und Menschenrechte sowie Solidarität globalisieren. Dazu sollten die G7-Staaten den ersten Schritt tun. Das wären mein Wunsch und meine Hoffnung für den Gipfel.

Frage: Große Gipfel sind stets auch begleitet von Protesten. Haben Sie Verständnis dafür?

Schick: Wir als Kirchen beteiligen uns an einem „Alternativgipfel“, er wird in diesem Jahr in München im Vorfeld des G7-Gipfels stattfinden, ich werde daran auch teilnehmen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, was in der heutigen Welt gefordert ist und wofür die G7-Staaten sich einsetzen sollen. Das ist auch eine Form von Protest! Das Demonstrationsrecht ist ein verbürgtes Recht, und alle Menschen sollen sagen dürfen, was sie für richtig und wichtig halten. Es gibt aber Grenzen: Es dürfen keine Menschen angegriffen und verletzt und keine materiellen Güter zerstört werden.

Frage: Den westlichen Industriestaaten wird häufig Egoismus vorgeworfen – dass sie nur ihre eigenen Interessen und die Mehrung des eigenen Wohlstands im Blick haben und andere Länder vergessen oder sogar ausbeuten. Was müssten die Staaten hier ändern?

Schick: Wir spüren zurzeit Veränderungen. Den G7-Staaten ging es tatsächlich jahrelang nur um ihren eigenen Wohlstand. Aber sie bemerken, dass sie ihren Wohlstand nur bewahren können, wenn sie andere teilhaben lassen. Beispiel: Flüchtlinge. Wenn sich die Länder in Afrika und Asien nicht entwickeln können, werden die Flüchtlingsströme noch größer. Die Klimaveränderung muss gestoppt werden, es muss mehr in Friedensinitiativen als in Waffen investiert werden, etc. Mehr fairer Ausgleich und Solidarität sind notwendig. Das geht nur, wenn die Industrienationen bereit sind, zu teilen und von ihrem Reichtum abzugeben.

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg, www.dpa.de

© dpa