In greifbarer Nähe

  • Köln - 15.04.2015

Fröhliche Musik, blinkende Lichter: So beginnt die Dokumentation von Valentin Thurn. Menschen auf Motorrollern tuckern an Straßenständen vorbei, irgendwo in Thailand. Die Händler preisen ihre Waren an – zum Beispiel frittierte Insekten. Nicht jedermanns Sache, gibt der Regisseur zu. „Doch vielleicht werden wir alle schon bald nicht mehr wählerisch sein können.“

Die bunten Lämpchen verschwinden, die Musik wird leiser. Denn das Thema des Films ist ernst: Bis Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden anwachsen. Gleichzeitig schrumpft die weltweite Agrarfläche. Laut dem katholischen Hilfswerk Misereor hungern schon heute 900 Millionen Menschen weltweit. Wie soll es da erst 2030 oder 2040 aussehen? Auf der Suche nach Lösungen hat Regisseur Thurn verschiedene Länder bereist. Seine Dokumentation „10 Milliarden“ kommt am Donnerstag in die Kinos.

Hierzulande beschäftigten die Menschen derzeit ganz andere Sorgen im Hinblick auf Ernährung, sagt Liam Condon, Vorstandsvorsitzender der Bayer CropScience – Übergewicht und Fettleibigkeit. Die Musik wird düsterer, Condon warnt: Beim nächsten Weltkrieg könnte es um die globale Verteilung von Lebensmitteln gehen. Die Agrarindustrie versucht, das Problem technisch zu lösen, etwa mit dem Einsatz von Gentechnik.

Kleinbauern vs. Großfarmen

In Europa gebe es zwei Lager, erklärt Thurn im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): die Verfechter der industriellen Produktion und die Befürworter einer ökologischen Landwirtschaft.

Bereits in seinem ersten Kinofilm „Taste the waste“ befasste sich Valentin Thurn mit dem Thema Ernährung. KNA

Bei seinen Recherchen sei ihm klargeworden, dass diese Sichtweise außerhalb Europas kaum eine Rolle spiele. „Da gibt es einen anderen Gegensatz, der da lautet: Kleinbauern gegen Großfarmen.“ Kleinbauern könnten dem Boden pro Hektar mehr entlocken als die maschinell betriebene Großproduktion. Einschränkungen durch Saatgutkonzerne und Dumpingpreise in den reichen Ländern machen ihnen jedoch das Leben schwer.

Es könne nicht allein darum gehen, künftig immer mehr zu produzieren, so Thurn. Er plädiert vielmehr für nachhaltige Produktion und die Investition in regional erzeugte Lebensmittel. Beides hört wohl kaum ein Zuschauer zum ersten Mal. Die Bilder aus aller Welt rücken das Problem jedoch in greifbare Nähe – die indische Landwirtin, die über ihr Saatgut sagt, sie liebe es beinahe so wie ihre Kinder, ebenso wie die Schafherde, die über eine idyllische hessische Koppel zieht.

Szenen wie diese verleihen dem Thema besonderen Nachdruck, ohne moralisierend daherzukommen. „Der erhobene Zeigefinger würde beim Thema Ernährung gar nichts bringen“, weiß der Regisseur. Menschen würden ihre Ernährungsweise nicht verändern, weil andere Menschen darunter leiden – das täten sie ja noch nicht einmal der eigenen Gesundheit zuliebe. „Man ändert nur dann etwas, wenn man selber einen Gewinn an Lebensqualität hat“, so Thurns nüchterne Einschätzung.

„Der erhobene Zeigefinger würde beim Thema Ernährung gar nichts bringen.“

— Valentin Thurn, Regisseur

Vorsichtiges Umdenken

Momentan gebe es stellenweise bereits ein Umdenken. „Wenn etwa Leute in Städten Gemeinschaftsgärten gründen, dann klingt das vielleicht erstmal niedlich“, sagt er. Doch genau in diese kleinen Bausteine setzt er große Hoffnungen: „Ein globales Problem hat lokale Lösungen.“ Nach seinem vorigen Film „Taste the Waste“ habe er zudem die Erfahrung gemacht, dass die verloren gegangene Esskultur und der unachtsame Umgang mit dem Essen viele Menschen beschäftigten. „Insofern war die jetzige Dokumentation ein Auftrag des Publikums“, sagt Thurn. Verschiedene Partner unterstützten das Projekt, darunter Misereor.

Das Ergebnis bietet Hintergrundinformationen und lebhafte Eindrücke, lässt Raum für verschiedene Perspektiven. Patentlösungen gibt es ohnehin nicht – auch im persönlichen Bereich nicht. Thurn selbst berichtet, sein Fleischkonsum sei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Fleisch sei heute etwas Besonderes für ihn. Sein Lieblingsessen bleibe jedoch das donauschwäbische Juwetsch seiner Großmutter aus Reis, Lammfleisch und Tomaten. „Ein Sommergericht“, sagt der Regisseur und lächelt, „und eine Kindheitserinnerung.“

Von Paula Konersmann (KNA)

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