Wenig Hoffnung für die Schülerinnen von Chibok

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  • Abuja - 14.04.2015

Noch immer fehlt von den Mädchen aus Chibok jede Spur. Dabei ist es heute genau ein Jahr her, als die Terrorgruppe Boko Haram die knapp 300 Schülerinnen aus ihren Schlafsälen einer Schule im Nordosten Nigerias entführte. Die Wahrscheinlichkeit, sie noch lebend zu finden, schwindet mit jedem Tag. Trotzdem bleibt ein wenig Hoffnung, dass die Mädchen doch noch zurück zu ihren Familien finden.

Das Rot der Plakate, T-Shirts und Kappen ist grell, nirgends zu übersehen; und es wirkt fast anklagend. Es ist zum Markenzeichen der Aktivisten der Kampagne #BringBackOurGirls geworden, die seit Ende April 2014 eine einfache wie prägnante Forderung haben: Die Schülerinnen von Chibok sollen unverzüglich und unversehrt zu ihren Familien zurückgebracht werden.

Doch das wird immer unwahrscheinlicher. Von den meisten der knapp 300 Mädchen im Alter von 16 bis 18 Jahren, die in der Nacht zum 15. April von Mitgliedern der Terrormiliz entführt worden waren, fehlt jede Spur. Jene, die freigelassen wurden oder fliehen konnten, waren krank und stark geschwächt oder wurden nach Vergewaltigungen schwanger.

Spekulationen über Verbleib der Mädchen

Über die 219 Mädchen, die weiter in der Gewalt der Terroristen sind, hieß es, sie seien ins Nachbarland Tschad verschleppt und dort zwangsverheiratet worden. Das hatte zumindest Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau wenige Wochen nach dem Überfall in einer Videobotschaft angedroht.

Später vermutete man die Mädchen dann im Sambisa-Wald, der lange als Rückzugsgebiet der Terrorgruppe galt. Vergangene Woche hieß es in Nigeria, eventuell seien viele der Mädchen bereits tot. Denn Boko Haram befindet sich nach mehreren groß angelegten Militäreinsätzen der Armee nun auf dem Rückzug – und könnte dabei zu besonders entsetzlichen Taten fähig sein.

#BringBackOurGirls startet Aktionswoche

Trotzdem müsse weiter auf das Schicksal der Mädchen aufmerksam gemacht werden, fordert Rotimi Olawale, Sprecher von #BringBackOurGirls . Derzeit findet eine Aktionswoche mit Vorträgen und Protestmärschen in Nigeria statt. Auch in den USA sind Aktionen geplant. „So lange wir nicht sicher sind, dass die Mädchen umgebracht wurden, läuft unsere Kampagne weiter“, erklärt Olawale. „Damit stellen wir sicher, dass sich die Regierung weiterhin um die Befreiung der Schülerinnen kümmern muss.“

Vor allem Untätigkeit ist der Regierung des scheidenden Staatspräsidenten Goodluck Jonathan im vergangenen Jahr bescheinigt worden. So dauerte es allein drei Wochen, bis sich der Präsident überhaupt zu dem Vorfall äußerte. Im Süden des riesigen Landes – etwa in der Wirtschaftsmetropole Lagos – wurde anfangs sogar vermutet, dass die Entführung nur ein Mythos sei; es habe sie nie gegeben. Geplante Besuche in der Region wurden mehrfach abgesagt.

Kein Einzelfall

Dabei ist Chibok kein Einzelfall. Lange vor dem 14. April 2014 kam es im Norden Nigerias wiederholt zu Entführungen. Der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen sprach in der vergangenen Woche von „zahllosen“ Fällen. Die Massenkidnappings sind eine so brutale wie wirksame Einschüchterungsstrategie der Bevölkerung. Bei Überfällen auf Dörfer lässt sich häufig erst Tage oder Wochen später sagen, ob es auch Entführungen gab. Schließlich könnte es auch sein, dass sich die Verschwundenen irgendwo versteckt halten. Den Tätern verschafft das einen großen Vorsprung.

Auch Oliver Dashe Doeme, katholischer Bischof der Diözese Maiduguri, kennt die Ausmaße im Nordosten seines Heimatlandes. „Wir beten jeden Tag für alle Opfer“, sagt er. Er bleibt verhalten optimistisch – denn auch er teilt die Meinung, dass Boko Haram mittlerweile auf dem Rückzug sei. „Wir hören jetzt sehr oft, dass die meisten besetzten Gebiete zurückerobert sind.“ Ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht für die Mädchen ist, muss sich noch zeigen.

Von Katrin Gänsler (KNA)

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