„Mission: Sustainability“

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  • Frankfurt - 31.03.2015

Vom 25. bis 27. März fand in der Aula der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main die fünfte Jahrestagung des Instituts für Weltkirche und Mission (IWM) in Kooperation mit dem Hilfswerk Misereor statt. Sie stand im Zeichen gegenwärtiger Nachhaltigkeitsdebatten .

Unter der Überschrift „Mission: Sustainability. Theologie und Kirche als Impulsgeber für eine nachhaltige Entwicklung“ setzten sich etwa 70 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer in Vorträgen, Plenumsdiskussionen und Arbeitsgruppen mit den Herausforderungen des globalen Bevölkerungswachstums, der sozialen Ungleichheit und des Klimawandels auseinander. Kompetente Referenten und „ressource persons“ aus Sozial- und Umweltethik, Klimaforschung, Entwicklungszusammenarbeit und Theologie, aber auch das lebhafte Interesse der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgten für eine intensive und inhaltlich kreative Tagungsatmosphäre.

Die Frage, wie eine sozial, demografisch und ökologisch nachhaltige Entwicklung der Weltgesellschaft gestaltet werden kann, wurde dabei theologisch immer wieder mit den „Zeichen der Zeit“ in Verbindung gebracht, von denen in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes die Rede ist. Als handfestes Indiz für eine solche Interpretation des Nachhaltigkeitsdiskurses kann auch die auffallende Heterogenität der Tagungsgäste gelten, die in zahlreichen Gesprächen bereichernd, aber auch kontrovers spürbar wurde. Die bei Jahrestagungen des IWM übliche Einladung zum gemeinsamen Gottesdienst wurde von den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern gern angenommen. Das Gebet war insbesondere vor dem Hintergrund der im Verlauf der Tagung eintreffenden Nachricht vom absichtsvoll herbeigeführten jüngsten Flugzeugabsturz für viele ein heilvoller Ort, um aufkommende Fragen und Emotionen vor Gott zu bringen.

Rund 70 Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer diskutierten auf der Jahrestagung über theologische Impulse in der Nachhaltigkeitsdebatte. IWM

Debatte um die „große Transformation“

Auch in puncto Nachhaltigkeit war von Ohnmachtserfahrungen die Rede, vor allem angesichts der Dilemma-Struktur, die sich bei den konträr erscheinenden Problemen von Klimawandel und Armutsbekämpfung, von Weltgemeinwohl und ökologischer Nachhaltigkeit (Georg Stoll, Misereor) abzeichnet.

Es wurden aber auch konkrete technische, ethische und politische Ansätze für eine Vereinbarkeit von ökologischen, demografischen und ökonomisch-sozialen Nachhaltigkeitszielen breit diskutiert. Ob es sich bei der „Oase“ (Ottmar Edenhofer, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung) einer den Prinzipien starker Nachhaltigkeit (Konrad Ott, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel) verpflichteten Menschheit um eine selbstreferentielle Utopie (Hans-Joachim Sander, Universität Salzburg) handelt, oder ob der Klimawandel als Heterotopie verstanden werden muss, die dazu auffordert, den Habitus des dividing durch eine Kultur des sharing (Sander) zu ersetzen, blieb dabei offen.

Inwieweit die gegenwärtigen Probleme technologisch gelöst werden können und/oder inwieweit sie gewaltige politisch-kulturelle Veränderungen notwendig machen, prägte die Tagungsdebatten ebenso wie die Frage, wie das hierfür notwendige gemeinschaftliche Handeln überhaupt global organisiert werden könne.

Die Verantwortung der Kirchen

Die Chancen, Forderungen und Anfragen, die sich daraus für Kirche und Religionen ergeben, wurden vielfach thematisiert, wobei die Meinungen darüber auseinander gingen, wie überzeugend Kirche ihre Gestaltungsmöglichkeiten bereits wahrnimmt und welche Rolle sie darüber hinaus bei der Durchsetzung nachhaltiger Gerechtigkeitsziele überhaupt spielen kann.

In seinem Abschlussstatement bezog sich der Jesuitenpater Markus Luber (links), Direktor des Instituts für Weltkirche und Mission, auf Franziskus'' Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“. IWM

Einerseits wurde das Engagement der Kirchen auf dem Feld der politischen Advocacy gewürdigt, etwa bei der „Wertschätzung und In-Wertsetzung“ nachhaltiger Lebensentwürfe von marginalisierten indigenen Gruppen. Auch ihre Rolle als Teil der Zivilgesellschaft bei der Überwachung der politischen und wirtschaftlichen Akteure wurde hervorgehoben. Dagegen diene Kirche bisher viel zu wenig als kreatives Experimentierfeld für alternative Handlungskonzepte und Lebensweisen. Die internationale Präsenz und lokale Verankerung der Weltkirche, die Möglichkeiten des interreligiösen Dialogs und die potentielle Rolle der Kirche bei der Förderung des für die anstehenden Veränderungsprozesse notwendigen gesellschaftlichen Vertrauens wurden von den Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmern wiederum als Stärken gewürdigt. Einige warnten eindringlich davor, die Rolle der Kirchen zu überschätzen, andere sahen in ihnen „schlafende Riesen“. Als zentral bewerteten mehrere Tagungsbeiträge die Notwendigkeit zur Förderung einer Spiritualität der Nachhaltigkeit, die zu alternativen Mentalitäten ermutigt, etwa einer positiven Bewertung des „Unterwegsseins“ (Pirmin Spiegel, Misereor).

Weltkirche als Motor globaler Veränderung

In der Abschlussdiskussion fanden sich mehrere überraschend originelle Wortmeldungen: Ein vertieftes Nachdenken über das Sozialpotenzial der Weltkirche als Motor globaler Veränderungsprozesse wurde angeregt. Eine bessere Seelsorge für Ingenieure und Erfinder wurde gefordert, da diesen oft eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung von Zukunftstechnologien zukomme und sie sich dabei mit ihren ethischen Fragen oft allein gelassen fühlten. Die sich in der Zerstörung und Belastung der Umwelt konkretisierende theologische Kategorie der „Erbschuld“ könne nur vor dem Hintergrund eines „Erbheils“ spirituell fruchtbar gemacht werden. Die Bereitschaft, von cultural creatives über Formen nachhaltigeren Lebens zu lernen, böte einiges Potential, ebenso wie der Blick auf die vielen „ungehobenen Schätze“ der im ökumenischen Rahmen des Konziliaren Prozesses gefundenen Einsichten. In seinem Abschlussstatement wies der Direktor des Instituts für Weltkirche und Mission, Pater Luber SJ, darauf hin, wie Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben Evangelii Gaudium die für die Armen schlimmste Form der Diskriminierung als Mangel an religiöser Zuwendung charakterisiere (EG 200). Die Bedeutung der Religionen dürfe daher vor dem verengten Horizont säkularer Gesellschaftsdiskurse nicht unterschätzt werden.

Wie in den vergangenen Jahren werden alle Beiträge der Referenten in einem Tagungsband veröffentlicht. Außerdem kann eine Kurzzusammenfassung des Tagungsverlaufs von unserer Tagungswebseite heruntergeladen werden.

Von Simon Neubert, Institut für Weltkirche und Mission

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