Zwangsprostitution statt „besseres Leben“

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  • Berlin - 04.03.2015

Robert – so hieß ihre ganze Hoffnung. Jener Deutsche, der Sarima (Name geändert) scheinbar eine echte Perspektive bot. In einem ostafrikanischen Touristenparadies hatte sich die damals 20-Jährige in ihn verliebt. Sie glaubte seinen Versprechungen, und er nahm sie mit nach Deutschland. Dort verflogen alle Träume von einem besseren Leben jäh. Robert vergewaltigte die Frau, die nie aus der Wohnung heraus durfte, und er zwang sie zum Sex mit zahlenden Männern.

Wenn die beiden Comboni-Missionsschwestern Mabel Mariotti und Margit Forster von Sarima erzählen, verfinstern sich ihre Mienen. Denn was sie berichten, wirft kein gutes Licht auf die Berliner Freier, die einfach die „please, please help“-Rufe der jungen Frau ignorierten, ebenso wie die Fesselspuren an ihren Handgelenken. Niemand half der Afrikanerin.

Mit Schicksalen wie dem von Sarima werden die beiden Ordensfrauen täglich konfrontiert. Die gebürtige Mailänderin Mabel Mariotti (51) und die aus Oberfranken stammende Margit Foster (60) leiten seit 2008 die Beratungsstelle des Hilfswerks SOLWODI – Solidarität für Frauen in Not. Im vergangenen Jahr wandten sich 228 Frauen erstmals an die Beratungsstelle in Berlin-Neukölln, eine von deutschlandweit 17.

Die letzte Zuflucht

Die Hilfsorganisation unterstützt Frauen, die Opfer von Zwangsprostitution, Menschenhandel, Beziehungsgewalt, Zwangsheirat, Ausbeutung und anderen Formen von Menschenrechtsverletzungen geworden sind. Osteuropäerinnen, vor allem aber Afrikanerinnen, viele aus Nigeria oder Kenia, suchen die Beratungsstelle auf – meist auf Empfehlung anderer Frauen.

Manche sind schon mit 14, 15 Jahren nach Deutschland gekommen, haben von einer Arbeit als Kindermädchen geträumt. Einige wurden von gutaussehenden Europäern hinters Licht geführt, andere von eigenen Landsleuten angeworben. In Deutschland angekommen, müssen die Frauen ihre Pässe abgeben, anschaffen und das meiste Geld an die Peiniger abliefern. Schwester Margit berichtet, dass der Voodoo-Glaube in Ländern wie Nigeria sehr wirkmächtig ist. Daher werden viele Opfer magischen Voodoo-Ritualen unterzogen und müssen schwören, nicht zu fliehen und darüber zu sprechen. „Sie sind gläubige Christinnen, aber die Kraft dieser Zauber ist enorm und erzeugt einen großen Druck“, berichtet Schwester Margit.

In der Falle

Eingesperrt und zum Sex gezwungen - Frauenhandel und Zwangsprostitution in Europa. Ein Film von Inge Bell und Ales Pickar.

Inge Bell und Ales Pickar

So ist es eher die Ausnahme, dass die verängstigten Opfer sich an die Polizei wenden. Tun sie es doch, müssen sie jahrelange Verfahren durchstehen. „Bei einer der wenigen Frauen, die eine Aussage gemacht haben, wurde aus Rache ihr Vater getötet“, sagt Schwester Mabel. Trotz solch widriger Umstände wollen die Ordensfrauen nicht resignieren. „Manchmal haben die Frauen mehr Glauben und mehr Hoffnung als wir, das motiviert uns“, sagt Schwester Margit.

Vielfältiges Hilfsangebot

Was Hoffnung gibt, sind die vielfältigen Hilfsangebote von SOLWODI, die von der Beratung über Nachhilfe-, Sprach- und Computerkurse bis zu Koch- und Theaterprojekten reichen. Sie sollen den Frauen wieder Perspektiven eröffnen, betont Schwester Mabel.

Perspektiven, Chancen – die Hoffnung hatte auch Sarima nicht ganz verloren. Nach einem Monat des Leids gab es endlich einen Freier, der auf ihre Hilferufe reagierte. Er bezahlte den Zuhälter für einen ganzen Tag, woraufhin er sie mitnehmen durfte. Aus dem Auto ließ er sie entkommen. Die Polizei ermittelte zwar gegen Zuhälter „Robert“, doch da Sarima weder den richtigen Namen noch die Adresse kannte, wurden die Nachforschungen eingestellt.

Immerhin erhielt Sarima eine Perspektive: Die Comboni-Schwestern vermittelten ihr einen Deutschkurs und einen Berufsorientierungskurs, und „sie ist eine der wenigen uns bekannten Fälle, in denen der Asylantrag Erfolg hatte“, erklärt Schwester Mabel.

Vermutlich begann Sarima danach mit einer Ausbildung; das SOLWODI-Team hat sie mittlerweile aus den Augen verloren. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Schwester Margit, denn es zeige, dass sie auf eigenen Füßen stehe. Vergessen ist die junge Afrikanerin aber nicht: „Nur der Gedanke an sie bringt mich innerlich zum dankbaren Lächeln“, sagt die Ordensfrau.

Von Michael Merten (KNA)

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