Trügerische Idylle

  • Sansibar - 04.02.2015

Die Insel Sansibar ist mit ihren makellosen Sandstränden und der pittoresken Altstadt für zahllose Urlauber ein Sehnsuchtziel. Doch hinter dem schönen Schein lauert der Terror: Eine fundamentalistische Gruppe verübt Anschläge auf Priester und liberale Muslime und fordert islamische Rechtsprechung und die Autonomie vom tansanischen Festland.

Das Meer liegt noch einmal im fast unwirklich schönen Licht der Abendsonne. Halbwüchsige Jungen in Badehosen nehmen Anlauf und schlagen unter dem anfeuernden Gejohle ihrer Altersgenossen Saltos vom Pier hinab in die Fluten. Um sie herum sind Trauben von Urlaubern. Verrenkt, vorgelehnt, kniend und kauernd warten sie auf den richtigen Moment. Riesige Objektive, Kleinkameras und Handys sind in Bereitschaft, um die perfekte Idylle einzufangen. Der Junge läuft, springt, schlägt den Salto. Und macht ein unflätiges Handzeichen. Für einen Augenblick liegt die Aggression spürbar in der Luft. Das Bild ist kaputt. Ein paar Touristen zucken zurück, gehen weiter. Am Ende des Strandes joggt eine Frau in kurzer Hose und Bikinioberteil am Strand entlang. Immer hin und her. Ihr blonder Pferdeschwanz schwingt im Takt der Schritte. Ein paar einheimische Frauen in bodenlangen Gewändern und mit Kopftuch sehen betreten zur Seite. Eine murmelt etwas vor sich hin. Freundlich klingt es nicht.

Der Terror nimmt zu

„Es brodelt unter der schönen Oberfläche“, sagt Jonathan L., ein weißer Tansanier der dritten Generation, der als Meeresbiologe auf Festland und Insel arbeitet. Er hat Mittagspause und bringt über einem Teller Fisch und Pommes Frites die Probleme Sansibars auf den Punkt: „Den billigsten Schuss Heroin weltweit bekommen Sie hier. Der Menschenhandel blüht. Und der Terror nimmt zu.“ Zuletzt ging Mitte Juni eine Bombe hoch, mitten im Geschäftsviertel von Stonetown, der als Weltkulturerbe ausgezeichneten historischen Altstadt Sansibars. Nahe einer Moschee, in der die Menschen ihr Abendgebet verrichtet hatten. Ein Toter und viele Verletzte waren zu beklagen. Eine Bombe im Februar vor der anglikanischen Kirche verletzte glücklicherweise niemanden.

Father Damas Mfoi (rechts) arbeitet eng mit dem Mufti von Sansibar zusammen. Jörg Böthling

Genau ein Jahr zuvor wurde ein katholischer Priester erschossen, ein anderer mit Säure verätzt. Zuletzt traf es Fr. Anselm Mwang‘amba, den Unbekannte mit Säure übergossen, als er ein Internetcafe verließ. Sheik Fadhil Suleiman Soraga, dem Sprecher des Muftis von Sansibar, verätzten Unbekannte das Gesicht, als er morgens beim Joggen war. Am Tag zuvor hatte der liberale Muslim auf einem Fest zum friedlichen Zusammenleben zwischen Christen und Muslimen und zur Einheit von Insel und tansanischem Festland aufgerufen. „Dafür hat er den Preis bezahlt, denn es gibt Kräfte, die beides nicht wollen“, sagt Fr. Damas Mfoi. Der 59-jährige Priester leitet das Referat für den interreligiösen Dialog und arbeitet mit dem Sprecher des Mufti zusammen. „Wir stehen alle auf der Abschussliste. Die Bedrohung ist alltäglich.“

„Wir stehen alle auf der Abschussliste.“

— Fr. Damas Mfoi, Leiter des Referats für den interreligiösen Dialog

Christen und Muslime im Visier

Die Bedrohung trägt den Namen Uamsho, zu Deutsch „Erwachen“. Eigentlich eine politische Bewegung der Oppositionspartei, haben sich seit 2010 radikale, gewaltbereite Kräfte gesammelt. Damals schloss sich die Oppositionspartei Civic United Front (CUF) mit der ehemaligen nationalen Einheitspartei Chama Cha Mapinduzi (CCM) zusammen. Die Bevölkerung der halb autonomen Insel stimmte zu. Aber die, die gegen die Einheit waren, radikalisierten sich. „Alle hier kennen die Moscheen, in denen Hassprediger auftreten“, sagt Fr. Damas im Auto auf dem Weg zum Mufti. Die Scheiben des Wagens sind verdunkelt, um nicht zum leichten Ziel für Attentäter zu werden. Auf dem Weg durch die Stadt ist alles wie immer: Einheimische machen ihre Einkäufe, Touristen schlendern fotografierend durch die Gassen, Händler versuchen sie in ihre Geschäfte zu locken. Die Bedrohung ist unterschwellig. Und zielgerichtet: Anschläge auf Priester und liberale muslimische Führer.

Markstände auf Sansibar Jörg Böthling

2013 der Säureanschlag auf zwei 18-jährige Britinnen, die in einer christlichen Organisation mithalfen. Eine Bombe in der Bar, die Freddie Mercury gewidmet ist. Dem Sohn der Insel, der bei Fundamentalisten so gar keinen Anklang findet. Ebenso wenig wie die, die ihm zu Ehren ganz gern ein Bier zu viel dort trinken. Der Alkohol. Der Westen. Die Christen. Und die Muslime, die das durchgehen lassen.

Die Angst wächst

„Die Uamsho-Leute fordern Autonomie vom Festland, das gemischt-religiös ist. Hier wollen sie die Scharia einführen. Und statt auf den Tourismus setzen sie auf Geldquellen aus reichen arabischen Ländern.“ Allenthalben entstehen Moscheen, das zeigt die Autofahrt. Welche Art von Predigern wird darin auftreten? „Wenn die, die uns hassen, die Oberhand gewinnen, wird es kaum mehr möglich sein, hier zu leben“, sagt Fr. Damas. Dass der Mufti Fr. Damas empfängt, ist ein Zeichen der Ehrerbietung – und des Mutes. Sheik Soraga ist auch da. Sein Gesicht haben indische Ärzte so gut es geht wieder zusammengeflickt. Er betont, dass sein Chef und er selbst sich weiterhin einsetzen wollen für Frieden und Verständigung. Er weiß, dass ihn das das Leben kosten kann. Man kennt hier die Drahtzieher. Die, die den arbeitslosen jungen Männern 20 Dollar in die Hand drücken, damit sie jemanden mit Säure übergießen. Der Druck ist enorm, die Angst wächst. Drohbriefe flattern ein, Gerüchte werden gestreut, wer als nächster dran ist. Die vom Festland gesandte Polizei versucht, die Mörder und die Dunkelmänner dahinter zu fassen. Immer wieder wandern einige der Strippenzieher ins Gefängnis.

„In der kommenden Woche kommen ein paar Uamsho-Leute frei. Jeder hat nun Angst vor Racheattentaten.“ Im Büro des Mufti, in den Büros um die Kathedrale bei Bischof Augustine Shao – überall ist die Stimmung gedämpft, als wäre der Ton um einige Dezibel heruntergedreht. Die Ordensschwestern machen weiter mit ihrer Arbeit gegen Menschenhandel und fahren in die Dörfer zu den Leuten: „Das sind gute, einfache Menschen, die uns respektieren und dankbar sind, dass wir kommen“, sagt Sr. Yusta Tesha, 49. Auch die Schwestern sind im Visier der Radikalen. An Weihnachten kamen die Drohbriefe.

„Wir werden unsere Koffer nicht packen.“

— Bischof Augstine Shao
Gläubige in der katholischen Kathedrale St. Joseph. Rund 12 000 Katholiken leben auf Sansibar. Jörg Böthling

Wachmänner vor der Kathedrale

Rund 12 000 Katholiken leben unter den rund 1,2 Millionen Einwohnern Sansibars. „Wir werden unsere Koffer nicht packen“, sagt Bischof Augstine Shao, der weiß, dass ihn jeder Spaziergang durch Stonetown das Leben kosten kann. „Wir bündeln unsere Kräfte und stärken die jungen Leute, die sich für ein friedliches Miteinander einsetzen.“ Es sind dann auch überwiegend junge Leute, die am Sonntag zum Gottesdienst kommen. Wachleute stehen vor der Kathedrale St. Joseph Spalier und öffnen Handtaschen. Viele hier sind Christen, die vom Festland nach Sansibar gekommen sind, wie der Tauchlehrer Matthew Mongi. Hier hat er bei einer Tauchschule angeheuert, sein Chef ist Australier. Auch das ist ein Dorn im Auge der Uamsho. Sansibar den Sansibaris, lautet die schlichte Parole.

Ein paar Meter weiter steht Laura Selemi. Sie ist einheimische Christin, ihre Familie lebt seit vielen Generationen auf der Gewürzinsel: „Manche Familienmitglieder haben zum Islam konvertiert, um ein leichteres Leben zu haben“, sagt sie. „Einfach ist es für uns Christen nicht. Wer eine Wohnung oder Arbeit sucht, hat es schwer. Manchmal gibt es schon für die Kinder auf dem Schulweg Ärger.“ Dabei sind Plätze in den Schulen in katholischer Trägerschaft auch bei muslimischen Familien begehrt. Die Francis-Maria-Liebermann-Schule wurde gerade als beste von den 46 Schulen der Insel ausgezeichnet. Laura, angehende Pharmazeutin, will auf ihrer Insel und bei ihrem Glauben bleiben.

„Touristen, die Sonnencreme und Mückenlotion in meiner Apotheke kaufen, wird es dann trotz der Radikalen hoffentlich immer noch geben“, sagt sie. Schließlich bringt der Tourismus Sansibar rund 80 Prozent seiner Devisen.

Von Barbara Brustlein

Quelle: Missio magazin 5/14 . Mit freundlichen Dank für die Genehmigung.

© Missio München

Sansibar

Vor 50 Jahren schlossen sich die zwei unabhängigen ostafrikanischen Staaten Tanganjika und Sansibar zusammen. Die Anfangssilben beider Länder bildeten den Namen des neu gegründeten Staates: Tansania. Die Union zwischen dem Festland und seinen vorgelagerten Inseln Unguja, Pemba und den kleinen Latham-Inseln, gemeinsam Sansibar, hat trotz unterschiedlicher Geschichte und Kultur ein halbes Jahrhundert überdauert: Arabische Sultane hatten die Inseln beherrscht, bis sie 1890 britisches Protektorat wurden. Wie freiwillig die Union mit dem Festland wirklich war, die Sansibar ein Jahr nach Erringung der Unabhängigkeit und Vertreibung arabischer Funktionäre einging, ist dabei fraglich: Die USA übten Druck aus, um ein „afrikanisches Kuba“ zu vermeiden. Julius Nyerere, der Präsident Tanganjikas, wollte keinen fremden Staat vor der Haustür, und Sansibar war zu klein, um funktionierende staatliche Strukturen auf die Beine zu stellen. Die Hypothek bleibt bis heute: Im teilautonomen Inselstaat werden die Stimmen, die Unabhängigkeit fordern, lauter. Fundamentalistische Gruppen gewinnen Einfluss, und gewaltbereite Mitglieder verüben Terrorakte. Zugleich wird an einer neuen Verfassung gearbeitet, die das Miteinander neu regeln soll.

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Monat der Weltmission 2015

Tansania steht im Oktober 2015 im Mittelpunkt des Monats der Weltmission, den in Deutschland das Internationale Katholische Missionswerk Missio organisiert. Weitere Informationen zum Land finden Sie auf den Missio-Webseiten:

www.missio-hilft.de

www.missio.com

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