Der Straflosigkeit ein Ende setzen

  • Saltillo - 03.02.2015

Der mexikanische Bischof Raul Vera Lopez (69) zählt zu den schärfsten Kritikern seiner Regierung. Bei seinem Deutschland-Besuch, der am Montag begann, will der Menschenrechtsaktivist für ein stärkeres Engagement Europas in der Menschenrechtspolitik werben. Im Interview spricht der Bischof von Saltillo über die Situation in seinem Heimatland, seine Hoffnung auf eine neue Verfassung und die Rolle der Europäer in Lateinamerika.

Frage: Herr Bischof, was wollen Sie während ihres Aufenthaltes in Deutschland erreichen?

Vera: Wir wollen über die Lage der Menschenrechte in Mexiko informieren, insbesondere über die Situation im Bundesstaat Guerrero. Es geht um konkrete Fälle schwerer Menschenrechtsverletzungen, um Hinrichtungen und um die Gefahr, die von der organisierten Kriminalität ausgeht. Uns geht es nicht nur um die 43 verschwundenen Studenten von Iguala, sondern um zahlreiche Fälle, die auch miteinander verwoben sind. Wir möchten die Regierungen in Europa bitten, den Druck auf die mexikanische Regierung zu erhöhen, damit die Straflosigkeit ein Ende hat.

Frage: Der Fall der 43 verschwundenen Studenten hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Stehen Sie mit den Eltern in Kontakt?

Nach dem Verschwinden der 43 Studenten nahmen die Proteste gegen den mexikanischen Präsidenten Enrique Pena Nieto zu. KNA

Vera: Ja, ich tausche mich ständig mit den Familien aus. Wir unterstützen schon seit langer Zeit die Angehörigen von Verschwundenen. Viele glauben den offiziellen Ermittlungsergebnissen nicht. Sie sind überzeugt, dass am Ende die Regierung dahintersteckt. Es wäre nicht der erste Fall von staatlicher Gewalt und von einem Zusammenwirken von Bundesbehörden und den Drogenkartellen.

Frage: Wo liegen die Ursachen, und was sind die größten Probleme, unter denen Mexiko derzeit leidet?

Vera: Die Regierung und das politische System in Mexiko bevorzugt vor allem jene, die viel Geld haben. Mexiko leidet unter dem Einfluss neoliberaler Politik, die multinationalen Unternehmen erlaubt, den Arbeitern erbärmliche Löhne zu zahlen und das Land auszubeuten, ohne Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen. Den indigenen Völkern wird das Land weggenommen, ohne ihre Rechte zu achten. Es gibt in Mexiko eine strukturell organisierte Ungerechtigkeit.

Frage: Aber was können Europa und Deutschland tun, damit sich daran etwas ändert?

Vera: Es wäre eine große Hilfe, wenn die Europäer darauf drängten, dass Mexiko die bereits bestehenden Rechte von Arbeitern und die geltenden Menschenrechte auch tatsächlich einhält. Europa muss bei künftigen Abkommen darauf bestehen, dass die Grundrechte der Menschen respektiert werden. Das wäre schon ein riesiger Fortschritt.

Frage: Sie gehören zu den Befürwortern der Idee, eine neue Verfassung für Mexiko zu erarbeiten. Was genau schwebt Ihnen vor?

Vera: Die mexikanische Zivilgesellschaft soll eine neue Verfassung erarbeiten, die einen politischen Neuanfang ermöglicht. Die derzeitige politische Klasse zeichnet sich durch einen Mangel an moralischen Werten und durch Zynismus aus. Es gibt in Mexiko einen großen Willen zu politischer Veränderung. Wir laden dazu ein, dass sich alle Mexikaner an dieser Debatte beteiligen.

Das Interview führte Tobias Käufer (KNA).

© KNA

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