Hunger auf Land

  • Nürnberg - 29.01.2015

Isabella Hirsch lebt mit ihrem Mann, 130 Rindern und vier Katzen in Heilbronn, einem Dorf in der Nähe von Feuchtwangen in Mittelfranken. Die Tiere bekommen Futter ohne Gentechnik, das Fleisch verkauft die Bäuerin an eine bäuerliche Erzeugergemeinschaft. Sich auf das Regionale rückzubesinnen und in eine andere Richtung zu gehen statt weiter zu wachsen – das war nicht immer so. Es gab Zeiten, da gab Isabella Hirsch ihren Tieren Soja – und machte sich keine Gedanken darüber, woher der billige Energieträger kam.

Regine Kretschmer hat viele Jahre in Paraguay gelebt, unter anderem mit Bauern, die ihr Land an Großgrundbesitzer und Unternehmer verloren. „Die Menschen dort werden vertrieben, das Recht auf Nahrung wird verletzt“, erzählt sie. Die landwirtschaftliche Produktion konzentriert sich in Lateinamerika seit einigen Jahren auf wenige Produkte wie Soja, Mais, Reis oder Zuckerrohr. „Die Menschen werden durch Soja von den Feldern vertrieben“, sagt die Lateinamerikareferentin bei FIAN Deutschland, einer Menschenrechtsorganisation, die sich weltweit gegen Hunger einsetzt.

Isabella Hirsch und Regine Kretschmer kommen nicht nur an diesem Mittwochabend im Rahmen der Lateinamerikawochen in Nürnberg zusammen, um über Landkonzentration, Monokulturen und Ernährungssouveränität unter dem Motto „Die Welt isst ungerecht“ zu diskutieren. Sie beide sind Teil einer globalen, wachstumsgetriebenen Nahrungsmittelindustrie. „Die Strukturen sind sehr groß geworden“, sagt Biobäuerin Hirsch. „Es gibt eine enorme Machtkonzentration in den Bereichen Handel, Verarbeitung und Einzelhandel.“

Inzwischen wird 73 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Paraguay für den Sojaanbau verwendet - eine Katastrophe für die örtlichen Kleinbauern, die von ihren Ländern vertrieben werden. Kopp/Misereor

Monopole und Machtkonzentration

Durch den technischen Fortschritt in Sachen Zucht, Dünger und Pestizide kann auf Böden in Deutschland mittlerweile alles angebaut werden. Bauern sind nicht mehr ans Umland gebunden, sie können immer größere Flächen mit immer weniger Angestellten bewirtschaften. Monopole bilden sich – auch in Sachen Viehzucht. Und durch den zunehmenden Fleischkonsum wächst auch in Deutschland der Hunger nach billigen Futtermitteln, die überwiegend aus Lateinamerika importiert werden. „Was macht ihr denn mit so viel Soja?“ wurde Regine Kretschmer schon von so manchem Bauer in Paraguay erstaunt gefragt.

Die Auswirkungen für die Kleinbauern in Paraguay, Argentinien oder Chile sind massiv. „Bauer zu sein, heißt in diesen Ländern in einer Gemeinschaft zu leben“, erklärt Regine Kretschmer den besonderen Bezug dieser Menschen zu ihrem Land. Wer sich gegen die Vertreibung wehrt, verliere seine Existenz und werde kriminalisiert. „Die Räumungen von Land haben massiv zugenommen. Ganze Dörfer werden von der Polizei vertrieben.“ Ein Hunger auf Land, der weiter wächst. Und vor drei Jahren im Massaker von Curuguaty, im Nordosten von Paraguay, einen traurigen Höhepunkt fand. Mindestens 17 Menschen wurden getötet, weil sie sich gegen Polizisten widersetzten, die sie von einem 2.000 Hektar großen Gut vertreiben wollten.

Bauern setzen auf die Macht der Masse

Doch die Bauern setzten sich zur Wehr – und nutzen die Mittel des digitalen Zeitalters. „Nur organisierte Bauern, die Lobbyarbeit betreiben, haben eine Chance“, weiß Kretschmer. Mittlerweile verbündeten sie sich mit anderen Ländern, es gebe „sehr viel Austausch“. Die Bauern hätten heute viel mehr Zugang zu Informationen. Und sie setzen auf die Macht der Masse und auf internationale Unterstützung. „Agrarreformen und Menschenrechte lassen sich aber nur durchsetzen, wenn es Druck von der Straße gibt.“

Und was kann der Verbraucher tun? Isabella Hirsch setzt sich weiter innerhalb der Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft für eine nachhaltige und regionale Denke ein. Sie spricht viel vor anderen Bauern, aber versucht auch, Menschen, die fern dieser Thematik sind, zu sensibilisieren. „Welche Lebensmittel wollen wir kaufen und essen? Diese Frage müssen wir uns stellen.“ Dabei freut sie sich über Trends, die den Menschen die eigene Lebensmittelerzeugung wieder näher bringen, etwa das „Urban Gardening“. „Wir werden die Welt nicht anhalten, aber wir versuchen, immer mal wieder was zu machen.“

Von Julia Grimminger (KNA)

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