Wahlkampf statt Terrorbekämpfung

  • Aachen - 21.01.2015

In Nigerias Nordosten ermordet, vertreibt und entführt die islamistische Terrorgruppe Boko Haram immer mehr Menschen und zerstört ganze Dörfer und Städte. Auf nennenswerten Widerstand treffen sie nicht. In einem Interview mit dem Hilfswerk Missio kritisiert der Vorsitzende der nigerianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Ignatius Kaigama, die Uneinigkeit der nigerianischen Regierung, gegen Boko Haram entschieden vorzugehen, und erklärt, wie die Islamisten von dem aufgeheizten Wahlkampf für die Parlamentswahlen 2015 profitieren.

Frage: Boko Haram gewinnt im Nordosten Nigerias immer mehr an Boden. Wie würden Sie die Situation der Christen dort beschreiben?

Kaigama: Die Christen im nordöstlichen Teil Nigerias sind viel Leid ausgesetzt, das zuvor undenkbar war. Tausende sind aus ihren Häusern vertrieben und zu Flüchtlingen in ihrem eigenen Land geworden, weil die militante islamistische Gruppe Städte und Dörfer eingenommen hat. Man hat die Menschen gezwungen, zu konvertieren, zu flüchten oder zu sterben, und sie haben ihren gesamten Besitz verloren und sind nun heimatlos, hilflos und am Verhungern. Manche entkommen in Höhlen und in Wälder und nehmen damit die Gefahr von Krankheit und Hungertod auf sich. Die Christen in vielen Teilen des Nordostens leben in Angst und mussten daher an sicherere Orte umgesiedelt werden. Die Diözesen Maiduguri und Yola in unserer Kirchenprovinz Jos sind besonders schlimm betroffen.

Frage: Welche Agenda verfolgt Boko Haram? Hat sich daran im letzten Jahr eigentlich etwas verändert?

Kaigama: Nach meiner Einschätzung verfolgt Boko Haram eine an zwei Zielen orientierte Agenda: die Lähmung der Regierung und die Terrorisierung der Christen. Darüber hinaus verkündeten Mitglieder der Sekte deutlich, dass sie danach streben, Nigeria zu islamisieren. Tatsächlich hat Boko Haram im vergangenen Jahr zwar ihre Strategie gewandelt, nicht aber ihre Agenda. Die Terroristen haben ihre „Hit and Run“-Strategie der überfallartigen Angriffe hin zu einer offensichtlichen „Holding Ground“-Strategie verändert, bei der sie Städte und Dörfer einnehmen und diese zu islamischen Kalifaten erklären. Dabei überfallen und töten sie nicht nur Christen, sondern auch Muslime, die anderer Meinung als sie selber sind. Eigentlich überfallen und morden sie wahllos und willkürlich. Ihr ursprüngliches Ziel haben sie dabei anscheinend aus den Augen verloren.

Die Regierung von Präsident Goodluck Jonathan scheint machtlos gegen den Terror im Land. KNA

Frage: Sie haben sich vor kurzem mit dem nigerianischen Präsidenten getroffen. Was haben Sie ihm gesagt?

Kaigama: Wir haben ihn lediglich an das erinnert, was er bereits selber weiß. Nichts von dem, was wir sagten, war neu. Wir haben Wert auf die Feststellung gelegt, dass wir uns über die wachsende Unsicherheit im Land Sorgen machen. Der Präsident tut schon seine Pflicht; er hat uns versichert, dass er die Situation im Griff habe. Er sagte, man prüfe Strategien und dass dieser Terrorismus, den wir derzeit erleben, durch die Gnade Gottes bald der Vergangenheit angehören werde. Die effektive Verteilung von Hilfsgütern war eines der Themen, das wir ebenfalls angesprochen haben. Für die Vertriebenen ist zwar häufig genug vorhanden, doch die Mittel werden veruntreut. Wir berichteten ihm von der überaus effizienten Form, mit der die katholische Kirche Vertriebene erfasst und die wenigen von den Kirchen gesammelten Hilfsgüter durch die Kommission für Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung erfolgreich verteilt.

Frage: Ist die nigerianische Regierung unfähig oder nicht willens, die Krise im Nordosten zu bewältigen?

Kaigama: Die Regierung verfügt über die Fähigkeit, ein Ende der Kampfhandlungen herbeizuführen und einen positiven Wandel zu vollziehen. Dazu müssten die diversen Staatsorgane geschlossen und entschieden vorgehen. Es scheint jedoch, dass sie terroristische Angriffe einfach nur verurteilen und wirkungslose Maßnahmen ergreifen.

Frage: Tragen denn die Parlamentswahlen im Februar 2015 zu der Eskalation im Nordosten bei? Ist es überhaupt möglich, Wahlen durchzuführen, wenn Teile des Landes der Regierung der Kontrolle entglitten sind?

Kaigama: Ja. Die Wahlen spielen eine große Rolle bei der Eskalation der Gewalt. Ich meine, sie lenken geradezu davon ab. Obwohl Boko Haram sich territorial ausweitet und Menschen aus ihren Häusern vertreibt, sind unsere Entscheidungsträger und Politiker ganz wild mit Wahlkampagnen beschäftigt. Sie greifen sich gegenseitig an und beleidigen sich, beschuldigen sich gegenseitig und zeigen mit dem Finger auf den anderen, veranstalten und feiern alle möglichen Zeremonien.

Gleichzeitig arbeitet die Nationalversammlung derzeit an einem Gesetzentwurf, durch den es vertriebenen Wahlberechtigten ermöglicht werden soll, ungeachtet ihres Aufenthaltsortes wählen zu können. Wenn das gelingt, könnten auch die Vertriebenen ihr Wahlrecht ausüben. Die Möglichkeit, Wahlen in solchen Krisenregionen durchzuführen, besteht also, wenn gegen die Terroristen entschlossen eingeschritten wird, die Regionen zurückerobert und für eine Rückführung der Menschen gesichert werden. Eine aufgeschlossene Regierung kann das mithilfe der Nigeria zur Verfügung stehenden Mittel durchaus erreichen.

Von Bettina Tiburzy, Missio Aachen

Quelle: Missio-Blog „Bedrängte Christen“

© Missio Aachen

Hilfe für Flüchtlinge in Nigeria

Das Internationale Katholische Missionswerk Missio unterstützt die Kirche in Nigeria in ihrem Kampf für Frieden und Versöhnung. Mehr Informationen erhalten Sie auf der Missio-Webseite:

www.missio-hilft.de