Sandinist, Marxist und Christ

  • Granada - 20.01.2015

Auch im hohen Alter verfügt er über große Präsenz. Als er im November wieder mal durch den deutschsprachigen Raum tourte und aus seinen Werken las, war es wie immer: Eine treue Zuhörerschaft kam und hörte seinen Gedichten und Geschichten zu. Heute wird Ernesto Cardenal, der Priester, Mystiker, Widerstandskämpfer, Revolutionär, Marxist und Ex-Kulturminister von Nicaragua 90 Jahre alt.

Der Mann mit den langen weißen Haaren und der Baskenmütze ist eine der schillerndsten Figuren Lateinamerikas. Er nennt sich selbst „Sandinist, Marxist und Christ“. Für Linke war er seit dem Sturz der Somoza-Diktatur 1979 der Beweis dafür, dass sich Christentum und Marxismus nicht widersprechen. Damals hatte ein Bündnis den seit 1936 an der Macht klebenden Familien-Clan aus dem Land getrieben. Erstmals in der Geschichte erkämpften Christen und Kommunisten gemeinsam einen Machtwechsel. Katholische Konservative sehen in Cardenal indes den gefährlichen Vorkämpfer einer falschen Bibelauslegung.

„Mein Priesteramt ist von anderer Art, deshalb ist es nicht nötig, die Aufhebung der Sanktion zu betreiben.“

— Ernesto Cardenal

Weil er – wie zwei weitere Priester – ein Ministeramt in der Revolutionsregierung übernahm, verbot ihm Papst Johannes Paul II. 1985 die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Das nennt Cardenal auch drei Jahrzehnte danach „völlig ungerecht“. Schließlich habe die Bischofskonferenz seines Heimatlandes den Schritt genehmigt. Er weiß, dass er seine Situation ändern könnte, nachdem im Vorjahr Ex-Außenminister Miguel D''Escoto Papst Franziskus gebeten hatte, wieder das Priesteramt ausüben zu dürfen, und der Papst dem Wunsch sofort entsprochen hatte. Doch Cardenal reagierte, wie es seine Art ist – stoisch-stur und auch immer ein bisschen provozierend: „Mein Priesteramt ist von anderer Art, deshalb ist es nicht nötig, die Aufhebung der Sanktion zu betreiben.“ Punkt.

‚Dieser Papst praktiziert die Befreiungstheologie‘

Der Befreiungstheologe Ernesto Cardenal erklärt, wie Papst Franziskus die Kirche auf den Kopf stellt.

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Bedeutender Literat

Doch Cardenal ist mehr als die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche. Seit Jahrzehnten erhält er für sein literarisches Werk internationale Auszeichnungen, so 1980 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2012 den spanischen Königin-Sofia-Preis für Iberoamerikanische Literatur. Kritiker nennen ihn den „Begründer der mystischen lateinamerikanischen Literatur“ oder auch einen „der originellsten christlichen Mystiker des 20. Jahrhunderts“. Cardenal, der sich selbst als vollkommen unmusikalisch und farbenblind beschreibt, ist indes kein Autodidakt. Er entstammte einer wohlhabenden Familie, studierte in New York Literatur und hatte früh Kontakte nach Europa.

1966 gründete der Nonkonformist, der auch im deutschen Winter mit offenen Sandalen über Eis und Schnee läuft, auf der Insel Solentiname im Nicaragua-See eine an radikal-urchristlichen Idealen orientierte Gemeinschaft. Es entstand das „Evangelium der Bauern von Solentiname“, in dem der Priester vom Bemühen der Menschen erzählte, ihr Leben im Licht der Botschaft Jesu zu deuten. 1977 floh er nach Costa Rica und warb um Unterstützung für die Sandinisten. Es folgten Cardenals Jahre in der Politik. Auch heute noch hält er Christentum und Marxismus für miteinander vereinbar und prognostiziert das „Jahrhundert eines marxistischen Christentums“. Die wichtigste Entscheidung seines Lebens sei, dass er sich Gott verschrieben habe „und damit auch dem Volk und der Revolution“.

Aber Cardenal machte auch später noch Kulturpolitik. Mit der im Vorjahr verstorbenen österreichischen Fernsehlegende Dietmar Schönherr gründete er in der einstigen spanischen Kolonialstadt Granada am Nicaragua-See die „Casa de los tres mundos“. Das „Haus der drei Welten“ will die in dem Land verschmolzenen europäischen, indianischen und afrikanischen Kulturelemente miteinander ins Gespräch bringen. Wenn es geht und er nicht unterwegs ist, hilft er auch dort immer noch mit.

Von Michael Jacquemain (KNA)

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