Jeder Vierte ein Flüchtling

  • Nürnberg - 13.01.2015

Kein Land nimmt so viele syrische Flüchtlinge auf wie das Nachbarland Libanon. 1,1 Millionen syrische Flüchtlinge wurden registriert, eine weitere halbe Million lebt Schätzungen zu Folge ohne Registrierung im Land. Nun hat der Libanon die Notbremse gezogen und die Grenzen geschlossen. Ab Anfang Januar 2015 brauchen Syrer ein Einreise-Visum. Über die Situation sprachen wir mit dem deutschen Jesuitenpater Stefan Hengst, der seit Oktober den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) vor Ort leitet.

Frage: Pater Hengst, bevor Sie die Leitung des JRS im Libanon übernommen haben, waren Sie in der Türkei tätig. Wie unterscheidet sich der Alltag in den beiden Ländern?

Hengst: Alles ist anders. Ich schaue aus meinem Fenster im siebten Stock und sehe fünf Kirchen und eine Moschee. Der Gebetsruf der Moschee ist kaum zu hören dafür aber das Läuten der Glocken. Zugegeben, ich lebe in einem christlichen Viertel in Beirut, aber selbst so etwas gibt es in der Türkei außerhalb Istanbuls nicht. Jede der Kirchen, die ich sehe, wird wohl zu einem anderen christlichen Ritus gehören. In der Jesuitenkirche nebenan wird die Messe im maronitischen und lateinischen Ritus gefeiert. Die Sprachen sind Arabisch, Französisch und Englisch.

Ohne ein Experte zu sein, würde ich sagen, dass der Islam im Libanon anders ist als in der Türkei. Die Türkei macht einen Prozess der Islamisierung durch und der Islam prägt das tägliche Leben, weil er die Religion der Mehrheit ist. Er ist nicht aggressiv, aber dominant und dominierend. Im Libanon ist er eine Religion unter mehreren aber dafür mehr sektiererisch und politisch (wie die christlichen Kirchen auch).

Frage: Jeder Vierte im Libanon ist ein Flüchtling. Wie kann ein Land so etwas verkraften?

Hengst: Man muss sich einmal vorstellen, welche Leistung der Libanon vollbringt. Deutschland müsste im Verhältnis 20 Millionen Flüchtlinge aufnehmen. Vergessen darf man außerdem nicht, dass Syrien eine unrühmliche Rolle im libanesischen Bürgerkrieg gespielt hat. Die Erinnerungen sind noch relativ frisch, genauso wie Zwistigkeiten untereinander. Zudem drängen die Flüchtlinge, die in den Libanon gekommen sind, in den Wohnungs- und Arbeitsmarkt. Die Mieten gehen hinauf und die Löhne nach unten. Arbeitslosigkeit ist auch für die Libanesen ein großes Problem. Die Wirtschaftsleistung des Libanon ist gesunken. Unterschiedlich stark bekommen das die syrischen Flüchtlinge zu spüren. In der Stadt Byblos werden sie kritisch beäugt, wenn sie sich treffen und als Gruppe auftreten.

„Unsere Schülerinnen und Schüler sagen, dass die JRS-Schule der einzige Ort ist, an dem sie sich wohl fühlen, an dem sie lachen können“, berichtet Pater Hengst. Hengst/JRS

Frage: In welcher Form engagiert sich der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für die Flüchtlinge im Libanon?

Hengst: Der JRS betreibt drei Schulen im Libanon. Eigentlich könnten die Kinder in die libanesische Schule gehen, da alle Arabisch sprechen, aber das Curriculum unterscheidet sich zu stark. Einige Fächer im Libanon werden in Englisch oder Französisch unterrichtet, was in Syrien nicht der Fall ist. Zudem macht die Regierung es für Syrer fast unmöglich, eine öffentliche Schule zu besuchen. Wenn es dann doch zu klappen scheint, stellt sich der lokale Schuldirektor dagegen aus Rücksicht auf sein libanesisches Umfeld.

Schulen sind die Orte, von denen wir weitere Aktivitäten starten können, so haben wir Sozialarbeiter für die Kinder und Familien und werden Alphabetisierung für Frauen, Computer- und Englischunterricht anbieten. Viele unserer syrischen Flüchtlinge kommen aus Gegenden, in denen die Bildung der Frauen keinen besonderen Wert darstellt. Schule und Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen ist eine Priorität. Eine unsere Schülerinnen hat die Schule verlassen, weil sie geheiratet hat – und dabei war sie weit jünger als 18 Jahre. Wenn den Mädchen keine Alternativen eröffnet werden, führt ihr Weg oft in eine zu frühe Heirat.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Familienbesuchen in deren Wohnungen. Wir versuchen die Familien zu begleiten und zu unterstützen, aber vor allem bei ihnen zu sein. Wir lassen uns einladen und hören zu. Darüber hinaus verteilen wir Lebensmittelpakete und Winterartikel. Langsam wird unsere Arbeit reichhaltiger, aber damit auch der Geldbedarf.

Frage: Wie sicher ist der Libanon für Sie und Ihre Mitarbeiter?

Hengst: Im Libanon lebt man schon seit vielen Jahren mit einem kalkulierten Risiko. Es gibt Karten, in denen sichere, bedingt sichere und unsichere Gegenden markiert sind. Den Flughafen in Beirut zum Beispiel darf ich nur auf der Autobahn erreichen. Alles rechts und links von der Straße wird als unsicher angesehen. Ein anderes Beispiel: Bei einem Großhändler haben wir Decken eingekauft. Es war sicherer, den Händler zu bitten, den Scheck bei uns abzuholen, als zu ihm zu fahren. Ich als Ausländer hätte nicht dorthin gedurft, aber auch die libanesischen Kollegen waren froh, dass wir den Scheck nicht bringen mussten, denn es war ein Viertel von Beirut, das für Anschläge berüchtigt ist.

Generell können sich Libanesen und Syrer freier im Land bewegen als Ausländer. Gegen Anschläge ist zwar niemand gefeit, aber westliche Ausländer haben das zusätzliche Risiko, entführt zu werden von Anhängern des „Islamischen Staates“ (IS) oder seinen Partnern. All dies wissend ist das Leben doch normal. Man hält sich an die Regeln, wie schon für Jahrzehnte, und es geht gut.

Umfrage: Wer ist der echte Nikolaus?

Weihnachtsmann vs. Nikolaus

Alicja Malinowski

Frage: Ist eine Radikalisierung im Alltag zu spüren?

Hengst: Bei Zusammenstößen an der syrischen Grenze sind Sicherheitskräfte entführt worden. Einige wurden enthauptet. Die Familien und die Bevölkerung sind in großer Sorge. Die libanesische Regierung will nun die Zahl der Flüchtlinge reduzieren. Syrer bekommen nur noch kurzfristige Visa, die zudem auch noch recht teuer sind. Die Bedingungen sind nicht einfach zu erfüllen. Die Regierung versucht durch diese Maßnahme, auf rechtlichem Weg einen Wandel herbeizuführen, bevor der Unmut der Bevölkerung in Gewalt umschlägt. Das Land kann die Last nicht mehr lange tragen. Die Geduld der Bevölkerung wird kleiner.

Syrer sehen jetzt davon ab, den Libanon zu verlassen. Der Besuch bei der Familie muss ausfallen. Schwieriger wird es, wenn der Aufenthaltstitel zur Verlängerung ansteht. Viele werden dann ohne Papiere dabeibleiben, müssen sich aber vorsehen in einem Land, das an wichtigen Knotenpunkten ständige Kontrollen unterhält. Es bleibt zu hoffen, dass die Behörden eine menschliche Weise der Nichtanwendung der Regeln finden. Und besser wäre noch ein Frieden in Syrien.

Frage: Gerade suchte zudem ein strenger Wintersturm die Gegend heim. Was wird jetzt vor allem gebraucht?

Hengst: Wir haben gerade einen der heftigsten Winterstürme der letzten Jahre hinter uns. Es hat bis auf 500 Meter herunter geschneit. Das Bekaa-Tal, in dem viele Flüchtlinge in Zelten leben, liegt 900 Meter hoch. Straßen dorthin waren gesperrt. In unserer Schule dort haben wir kleine Öfen in den Klassenzimmern, die mit Diesel betrieben werden. Wenigstens dort können sich die Kinder einmal aufwärmen. Zuhause, wenn man das so nennen darf, müssen sie zusammenrücken, um sich warmzuhalten. Hygiene ist bei solchen Temperaturen ein anderes sehr drängendes Problem. Viele haben kein Badezimmer und schon gar nicht das Geld um Wasser zu wärmen. Was im Sommer noch geht, wird im Winter zum echten Problem. Krätze und Läuse sind die Folgen. Das Beste wäre eine ordentliche Heizung für jede Familie, aber das ist nur ein frommer Wunsch, denn sie produziert ständig Kosten, die niemand aufbringen kann. Decken, Winterjacken, Pullover und lange Unterwäsche müssen ausreichen, um den Winter zu überstehen.

Das Interview führte Martin Stark SJ.

© Jesuitenmission

Hilfe für syrische Flüchtlinge

Weitere Informationen über die Arbeit des JRS in der Region und Möglichkeiten zu spenden finden Sie auf der Webseite der Jesuitenmission:

www.jesuitenmission.de