Weit entfernt von Normalität

  • Bonn - 12.01.2015

Fünf Jahre ist es her, als auf Haiti die Erde gezittert hat. 220.000 Menschen starben an den Folgen des Erbebens, 300.000 wurden verletzt und fast eine Million verlor ihr Zuhause. In den vergangenen Jahren sind viele Häuser wieder aufgebaut worden. Mit der Eröffnung von Schulen ist auch ein Stück Alltag zurückgekehrt. Auch deutsche Hilfsorganisationen engagieren sich seither, um politische Strukturen aufzubauen und eine funktionierende Infrastruktur dauerhaft zu stärken. Ihre Bilanzen sind gemischt, doch in einem sind sich alle einig: In Haiti wird weiterhin noch viel Hilfe benötigt. Denn von Normalität ist der karibische Inselstaat noch weit entfernt.

Barbara Küpper war nach dem großen Beben vier Mal im Katastrophengebiet. Sie ist Haiti-Referentin des katholischen Entwicklungshilfswerkes Misereor . „In der Hauptstadt Port-au-Prince fallen noch immer die Schuttberge auf und man hat das Gefühl, es sei nicht viel passiert“, berichtet sie. Die Hilfsorganisation hat ihren Haiti-Einsatz bis 2017 verlängert.

Langer Atem gefordert

Immer noch würden Menschen in Zeltunterkünften leben, die eigentlich nur eine kurzfristige Lösung hätten sein sollen, berichtet das Kinderhilfswerk World Vision. Dort mangelt es an Grundlegendem: Trinkwasser und Zugang zu Sanitäranlagen. Angesichts der existenziellen Probleme bleibt auch Caritas international , das Hilfswerk des deutschen Caritasverbandes, im Land. „Wir müssen einen langen Atem haben“, betont Haiti-Referentin Leonie Hannappel.

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Nun, da die „Erste Hilfe“ geleistet wurde, warten neue Aufgaben auf die Hilfswerke. „Die Verstädterung wird ein zunehmendes Problem sein. Die Elendsviertel wachsen überall“, erklärt Küpper. Diejenigen, die in die Städte ziehen, müssen menschenwürdig untergebracht werden. Um den Bewohnern aber auch auf dem Land eine Lebensperspektive zu geben, schulen die Hilfswerke die Kleinbauern in nachhaltiger Tierhaltung und Aufforstung der Wälder. „Wichtig ist auch die Gründung von Verbänden, mit denen die Bauern ihre Rechte einfordern können“, erklärt Küpper.

Kurz vor 17 Uhr hatte das Erdbeben am 12. Januar 2010 mit der Stärke 7,0 auf der Richterskala das ärmste Land Lateinamerikas erzittern lassen. Ein großes Problem Haitis – auch schon vor dem Beben – war und ist politische und soziale Instabilität. Jeder Zweite im erwerbstätigen Alter ist arbeitslos und unterernährt. Die Hälfte der Bevölkerung kann nicht richtig lesen und schreiben. Diese Missstände kritisiert der Geschäftsführer des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat , Prälat Bernd Klaschka. „Die Wiederwahlen des nationalen Parlaments sind schon seit Jahren überfällig“, berichtet er. „Man weiß nicht Recht, wo es politisch hingehen wird. Wir hoffen das Beste, aber eine Prognose ist sehr schwierig.“

Nach dem Erdbeben: Port-au-Prince ist völlig zerstört worden. Escher/Adveniat

Hilfe zur Selbsthilfe

Küpper und Klaschka sind sich einig: Die Hilfe muss direkt am Menschen ansetzen. Dazu arbeiten die Hilfswerke mit lokalen Partnern zusammen, die sie mit den Spenden der Menschen unterstützen. Die andauernde Spendenbereitschaft der Deutschen sei zwar generell sehr gut, doch die Bevölkerung müsse wieder lernen, auf sich selbst zu vertrauen und „nicht auf Spenden angewiesen zu sein, die jemand aus dem Flugzeug wirft“, erklärt Küpper. Die Welthungerhilfe plant daher, ihr Aufbauprogramm im Land Ende des Jahres abzuschließen, um stattdessen einheimische Strukturen zu stärken. „Haiti ist kein Land, das dauerhaft von humanitärer Hilfe leben darf. Damit wird die Eigeninitiative gelähmt“, erklärte der langjährige Landesdirektor der Welthungerhilfe in Port-au-Prince, Dirk Guenther.

Neuen Mut schöpfen

Auch wenn die Bilanz auf den ersten Blick sehr negativ erscheint, sieht Klaschka Fortschritte: „Die Menschen haben sich in Gruppen organisiert und bauen mit einheimischen Initiativen eine funktionierende Infrastruktur auf.“ Auch die vielkritisierte schlechte Koordination und Kommunikation unter den zahlreichen Hilfswerken habe sich deutlich verbessert.

Der wichtigste Fortschritt, so der Adveniat-Chef, spiegele sich aber in den Menschen wieder. Das Lateinamerika-Hilfswerk wolle ihnen dabei helfen, ihre Traumata und Ängste zu verarbeiten. „Die Menschen in Haiti leben auch heute noch im ständigen Angesicht existenzieller Fragen. Das ist nicht zu unterschätzen“, erklärt Klaschka. Doch die Arbeit trage bereits Früchte. „Die Haitianer gehören weiter zu den ärmsten Völkern der Welt, aber sie haben wieder mehr Mut als direkt nach dem Beben“.

Von Maike Müller (KNA)

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