„Wenn ihr für den ANC stimmt, wählt ihr den Himmel“

  • © Bild: KNA
  • Kapstadt - 09.01.2015

Ein stilles Gebet und die Hilfe von oben: Beides wird Südafrikas regierender Afrikanischer Nationalkongress (ANC) brauchen, um bei den Kommunalwahlen 2016 seine Machtbasis gegen eine wachsende Opposition verteidigen zu können. Doch zumindest Staatspräsident Jacob Zuma ist sich sicher: „Der ANC wird regieren, bis der junge Mann zurückkommt“.

Die Rückkehr des „jungen Mannes“ – gemeint ist Jesus – sagte Zuma diese Woche bei einer Tour durch die Townships des Westkaps voraus: die einzige von Südafrikas neun Provinzen, die nicht vom ANC verwaltet wird. Für viele seiner Zuhörer wirkte die Wahlkundgebung wie ein Deja-vu. Bereits 2008 hatte Zuma den Groll der katholischen und anglikanischen Kirchen auf sich gezogen, als er behauptete, der ANC würde „regieren, bis Jesus zurückkommt“.

Tatsächlich setzt die Partei des verstorbenen Staatspräsidenten und Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela zunehmend auf das Thema Religion. Doch statt Lob erntet der ANC dafür vermehrt Kritik von Glaubensvertretern. Vor allem Südafrikas traditionelle Kirchen bemängeln, der ANC sympathisiere vorwiegend mit „reichen Kirchen“, um Wählerstimmen zu gewinnen.

Instrumentalisierung der Religion

Jahrelang hatte die Partei Religion aus ihrer politischen Agenda ausgeklammert, nachdem sie 1994 die ersten demokratischen Wahlen in Südafrika gewonnen hatte. Der Wendepunkt kam 2006. Überraschend bezeichnete der damalige Staatspräsident Thabo Mbeki die Bibel als eine ebenso wichtige Quelle der Inspiration wie Nelson Mandelas Biografie „Langer Weg zur Freiheit“. Auch später zitierte er häufig aus der Heiligen Schrift und versuchte, Zusammenhänge zwischen biblischen Geschichten und der Entwicklung Südafrikas herzustellen.

Bis heute ist dieser Trend zur Instrumentalisierung von Religion nicht abgerissen. Am Wochenende kündigte Zuma an, die Übersetzung der Bibel in die Stammessprache Zulu finanzieren zu wollen. Frühere Übersetzungen seien zu vage. Mit Hilfe einer Spende seiner Stiftung von rund 35.000 Euro solle die Bibel nun direkt aus dem Hebräischen neu übertragen werden.

Mehr als 85 Prozent der Einwohner Südafrikas bekennen sich zu christlichen Konfessionen. KNA

Die Motive für solche „Politik“ liegen auf der Hand: In Südafrika bekennen sich mehr als 85 Prozent der Einwohner christlichen Konfessionen. Während Zumas Worte bei der wenig gebildeten, aber tiefgläubigen Armutsbevölkerung tatsächlich Anklang finden, laufen Liberale, Mittelklasse und Opposition Sturm.

Politischer Eklat

2011 erntete Zuma heftige Kritik, als er bei einem Parteikongress verkündete: „Wenn ihr für den ANC stimmt, wählt ihr gleichzeitig den Himmel. Wenn ihr aber nicht den ANC wählt, solltet ihr wissen, dass euch der Mann erwartet, der eine Gabel trägt und Menschen kocht.“ Die Demokratische Allianz (DA), Südafrikas größte Oppositionspartei, kritisierte Zumas Rede damals als „politische Hinterlist“ und „schamlose Erpressung“. Andere Parteien bezichtigten ihn der Verletzung religiöser Grundrechte. „Politische Führer haben ihren moralischen Kompass verloren“, urteilte damals auch der Südafrikanische Kirchenrat (SACC). Die Schirmorganisation, die Glaubensvertreter von 27 Kirchen versammelt, warf damals dem ANC Bauernfängerei um der Wählerstimmen willen vor.

Diesen Trend bestätigt auch der Religionsforscher Gerald West von der Universität KwaZulu-Natal. „Zuma tendiert zu den charismatischen Pfingstkirchen. Ihre Anhänger sind nicht nur ein Wählerkreis, in dem er sich wohlfühlt, sondern der auch politisch wichtig ist.“

Kritik hat Zuma von dieser Seite demnach kaum zu fürchten. Während die katholische Kirche in der Vergangenheit wiederholt Versäumnisse der Regierung in Pretoria anprangerte, folgen Südafrikas junge Kirchen dem Präsidenten oft bedingungslos. Das zeigte sich zuletzt auch im Zuge der Debatte um die Finanzierung von Zumas Residenz in Nkandla. Der Präsident hatte für die Renovierung seiner Privatvilla auf Steuergelder zurückgegriffen. Während die katholische Kirche von Zuma eine Rückzahlung des Geldes forderte, riet ihm eine Gruppe von Führern charismatischer Kirchen, den Aufschrei zu ignorieren.

Von Markus Schönherr (KNA)

© KNA

Netzwerk Afrika Deutschland

Weitere Nachrichten aus Afrika finden Sie auf dem Internetportal des Netzwerks Afrika Deutschland:

www.netzwerkafrika.de