„Auf Rousseff wartet ein hartes Programm“

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  • Brasilien - 30.12.2014

Schwester Maria Ines Ribeiro ist Präsidentin der Ordenskonferenz Brasiliens und damit höchste Repräsentantin von mehr als 40.000 Ordensleuten in dem Land. Als Projektpartnerin des deutschen Hilfswerks Adveniat war sie maßgeblich an der Aktion „Steilpass“ für Bildung und Bürgerbeteiligung im Zuge der Fußball-WM beteiligt. Im Interview spricht sie über die am Donnerstag beginnende zweite Amtszeit der Regierung Rousseff und die Lehren aus der WM für die Olympischen Spiele in Rio 2016.

Frage: Schwester Maria Ines, nach der Fußball-WM in Brasilien wurde die Regierung Dilma Rousseff im Amt bestätigt und nicht abgewählt, wie man vorher angesichts der Sozialproteste im Frühjahr eigentlich gedacht hatte. Geht das für Sie in Ordnung?

Ribeiro: Mit einem sozialen Blick bin ich persönlich froh - und ich weiß viele Menschen in Brasilien mit dieser Meinung hinter mir. Die Regierung Rousseff wie auch die Vorgängerregierung von Luis Inacio Lula da Silva hat im Sozialbereich sehr viel getan, vor allem gegen Armut und Hunger oder beim Zugang zu Bildung. Gleichzeitig bleibt noch viel zu tun. Was bislang geschehen ist, können nur erste Schritte in die richtige Richtung gewesen sein. Wir haben in Brasilien immer noch zehn Millionen Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze im Elend leben. Sie brauchen viele Hilfen - und bekommen sie bislang nicht.

Frage: Aber die Strategien zur Armutsbekämpfung passen?

Ribeiro: Nicht immer. Oft hat die Regierung den Armen zwar sozusagen Fisch gegeben - aber sie hat sie nicht fischen gelehrt. Man hat ihnen etwas zu essen gegeben, aber ihnen nicht geholfen, ihre Lebenssituation grundsätzlich anzugehen. Insgesamt war die Regierung bislang auf den Konsum ausgerichtet, nicht aber auf die Produktion. Das heißt, sie investiert, damit der Konsum weiter steigt, aber nicht, um eine industrielle Produktion in unserem Land aufzubauen.

Frage: Und das Personal in Parlament und Regierung?

Ribeiro: Nach diesem Wahlkampf sitzen nun in beiden Parlamentskammern Vertreter, die zu den schlimmsten der vergangenen Jahre gehören. Beide Parteien, die am Ende um die Macht kämpften, sowohl die Arbeiterpartei PT von Dilma Rousseff als auch die republikanische PSB, haben nicht vornehmlich die Benachteiligten in den Blick genommen, sondern die Macht. Wir brauchen mehr Anerkennung für die Indigenen, für die Afro-Brasilianer, für die Armen. Die Regierung hat für die kommenden vier Jahre ein hartes Programm vor sich. Brasilien hat in den vergangenen Jahren zwei Schritte vorangemacht und einen zurück. Das heißt, wir gehen zwar den Reformweg, der uns eigentlich angekündigt war - aber nur sehr vorsichtig.

Nahezu leeres WM-Stadion in Fortaleza. Thomas Milz, Adveniat

Frage: Um die Sozialproteste vor der WM zu beschwichtigen, hatte die Regierung etwa Ersatzwohnungen für jene in Aussicht gestellt, die durch den Bau von Stadien und Infrastruktur obdachlos geworden sind. Kommen solche Entschädigungen voran?

Ribeiro: Leider nicht. Es wurde vor der WM viel versprochen, aber geschehen ist so gut wie nichts. Viele Menschen warten noch auf Entschädigungen und Infrastrukturmaßnahmen. Es wurde zu viel Geld ausgegeben für die Stadien, für die Flughäfen, für die Anfahrtswege und Parkplätze. Die berechtigten Forderungen, dass stattdessen mehr in den Gesundheitssektor, in öffentlichen Transport, in Schulen fließen müsste, sind im Sande verlaufen. Stattdessen gab es nach der WM Manipulationen und Verdrehungen.

Bei der WM hatten wir ein Klima von Frieden und Freude - was auch an der Polizeipräsenz gelegen haben mag. Die Regierung hat das als ihren Erfolg reklamiert und auch im Wahlkampf versucht, Brasilien als friedliches und erfolgreiches Land darzustellen. Hätte es ein Chaos gegeben, hätte das sicher so nicht funktioniert.

Frage: Mit Blick auf Olympia: Haben die Regierung und die Behörden wohl aus den bisherigen Fehlern der WM gelernt? Oder wird es bei Olympia eine Art Deja-vu geben?

Ribeiro: Politische Interessen sind nicht immer die Interessen derer, die Christus nachfolgen. Aber auch die Politiker sollen für das Gemeinwohl sorgen, dafür sind sie gewählt worden. Bei der WM ist das anders gelaufen. Ich setze große Hoffnungen auf die Sozialen Netzwerke, die sozialen Bewegungen, die auf Veränderungen drängen. Die Erzdiözese Rio de Janeiro hat sich mit Blick auf Olympia inzwischen ganz gut aufgestellt. Sie hat gute Projekte geplant, es wird jetzt eine gemeinsame Aktion mit Adveniat und weiteren Partnern in Deutschland geben: ein ganzes Netzwerk, mit dem wir die Jugend in Brasilien stärken wollen. Wir wollen sie mit Bildung auf die Gegebenheiten in Gesellschaft und Politik fit machen, damit sie eine Chance auf politische Teilhabe bekommen. Wir sind überzeugt, dass solche Großereignisse wie die Olympischen Spiele auch den Menschen in den Armutsgebieten nutzen können.

Von Alexander Brüggemann (KNA)

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