Der Fluch der Lepra

  • Aachen - 29.12.2014

Asron liebt das Gemeinschaftsleben in seiner kleinen Siedlung. Ein Leben an einem anderen Ort kann er sich nicht mehr vorstellen. Ihm kommt es so vor, als hätte er hier schon sein gesamtes Leben verbracht: „Ich wohne schon immer hier“, erzählt er lächelnd und rückt dabei seinen großen Strohhut zurecht. Die dörfliche Gemeinschaft am Rand von Ndola, der zweitgrößten Stadt Sambias, wurde 1975, vor nicht ganz 40 Jahren gegründet.

Beim Schlendern durch die Siedlung stößt man bald auf den Gestank von Schweinen und das Gackern von Hühnern. 50 Menschen leben hier, viele von ihnen sind um die 60 Jahre alt. Meist arbeiten sie in der Landwirtschaft, oder sie bauen und verkaufen Sessel, Tische und andere Möbel. Jeder kümmert sich um etwas anderes: Ronadi mahlt Mais, Christine näht Kleider und arbeitet im Garten, John beaufsichtigt die Schweine.

Die Kinder besuchen die nahe gelegene Volksschule. Einige Kinder sind schon erwachsen geworden und ausgezogen. Manase – sie ist 85 Jahre alt – bekommt regelmäßig Besuch von ihrem Enkel, der bei ihr groß geworden ist.

Staat beendete 1964 die Leprahilfe

Ibeng ist keine gewöhnliche Siedlung in Sambia, die kleine Gemeinschaft ist ein Lepradorf. Die meisten Bewohner leiden schon seit Jahrzehnten unter der gefürchteten Infektionskrankheit. Von anderen Menschen – auch von ihren Verwandten – werden sie gemieden. Entstanden ist das Lepradorf aus der Not: Keiner wollte sich um die Kranken kümmern.

Afrikatag 2015

Die missio-Kollekte zum Afrikatag, die in deutschen Bistümern zwischen dem 1. und 11. Januar gehalten wird, ist die älteste weltkirchliche Kollekte der Welt. Papst Leo XIII. rief sie vor 124 Jahren ins Leben, um die Sklaverei zu bekämpfen. Heute sichern die Spenden die Ausbildung von Priestern in Afrika. 2015 steht Sambia im Fokus der Aktion.

Weitere Infos unter www.missio-hilft.de

„In den 1950-er Jahren betreuten noch die Franziskaner-Patres im nahe gelegenen Spital die Leprakranken“, erinnert sich Schwester Laetitia Longolongo, die dem franziskanischen Schwesternorden „Franciscan Missionary Sisters of Assisi“ angehört. „Doch dann, im Jahr 1964, als Sambia unabhängig wurde, übernahm die Regierung zur Hälfte das Krankenhaus und beendete die Betreuung der Leprakranken.“ So mussten die verstoßenen Leprakranken wieder nach Hause ziehen, doch dort wollte man sie ebenfalls nicht haben. „Die Verwandten kümmerten sich nicht um sie“, sagt Sr. Laetitia. „Manche gaben ihnen nicht einmal zu essen. Die Leute haben Angst vor Lepra.“

So wandten sich die Leprakranken in ihrer Not an die Franziskanerinnen. „Sie klopften an unsere Tür und bettelten. Schließlich, nach einigen Jahren, wurde das Lepradorf gegründet“, berichtet die 65-jährige Ordensschwester. „Wir gaben ihnen Gärten zum Leben.“ Dank der Fürsorge der Schwestern sind die Leprakranken nicht länger auf sich allein gestellt und heimatlos.

Viele Behinderungen wären mit medizinischer Versorgung vermeidbar

Schwester Karen nimmt sich viel Zeit für das Gespräch mit den Kindern. Fritz Stark/missio

Anfangs hielten sich die Menschen von der Leprasiedlung fern. „In den letzten 20 Jahren ließen sich einige Leute in unserer Nähe nieder“, erzählt Sr. Laetitia. „Sie hatten früher Angst vor Ansteckung. Erst als sie sahen, dass wir uns nicht mit Lepra infizieren, obwohl wir schon seit vielen Jahren permanent Umgang mit den Kranken pflegen, getrauten sie sich hierher zu ziehen.“ Doch in Sambia ist auch der Glaube an Schwarze Magie noch lebendig, und der verstärkt diese Furcht. „Manche glauben an die Einwirkung von Hexen“, erzählt der 42-jährige Niederländer Ellard Van Der Molen. „Schwarze Magie gilt als Ursache für alles, was ein Problem ist, auch für Krankheiten und Behinderungen.“ Der Physiotherapeut lebt seit zwei Jahren in Ndola und widmet sich im Rahmen eines von der Diözese durchgeführten Rehabilitationsprogramms Kindern und Erwachsenen mit Behinderung.

Mangelnde Hygiene und schlechte medizinische Versorgung gehören zu den Hauptursachen für viele Behinderungen in Sambia. Oft sind Schwangerschaft und Geburt mit Komplikationen verbunden, Sauerstoffmangel oder eine frühe Erkrankung an Malaria verursachen ebenfalls bleibende Schäden.

Van Der Molen besucht einige Jugendliche zu Hause, um dort physiotherapeutische Übungen mit ihnen zu machen. Der 13-jährige James ist halbseitig gelähmt. Als er nach seiner Geburt an Malaria erkrankte, liefen seine Eltern weg. Seine Tante sorgt heute für ihn. „Er hat sich angewöhnt, herumzukriechen. Dabei bildete sich im Laufe der Jahre eine Hornhaut auf seinen Knien“, erzählt Van Der Molen. „Wenn er vor Jahren richtig begleitet worden wäre, hätte er laufen lernen können. Nun sind seine Knie steif. Er bräuchte eine Operation.“ James wohnt im Stadtbezirk Chipulukusu, in dem die Diözese auch eines ihrer Zentren für Kinder mit Behinderung errichtet hat. Doch James hat keinen Rollstuhl, deshalb kann er nicht zum Zentrum gehen. Eine regelmäßige Physiotherapie ist unmöglich. Der Transport ist zu kompliziert.

Einschulung verweigert, kein Geld für Physiotherapie

Die vierjährige Melody lebt hingegen bei ihrer Mutter. Ihre einnehmende Fröhlichkeit lässt nichts von ihrer körperlichen Beeinträchtigung erahnen. Gleich nach ihrer Geburt wurden Melody beide Beine unter den Knien amputiert. Der Grund klingt für europäische Ohren absurd: Melodys Beine waren zu sehr nach innen ausgerichtet. Nun hat sich die Schule geweigert, Melody aufzunehmen. „Dabei ist sie intelligent“, unterstreicht Van Der Molen. Im besten Spital des Landes wurden Prothesen für Melody angefertigt, die aber zu groß und schwer zu tragen sind. Melodys Gesichtszüge werden ernst, sobald sie die Prothesen anzieht; es kostet sie viel Kraft, vor allem in den Hüften, sie zu tragen.

Was Melody für ihre Physiotherapie bräuchte, wären Holzstufenbarren zum Turnen. So könnte sie lernen, sich besser mit ihren Prothesen fortzubewegen. Eventuell würde sie dann auch die Schule aufnehmen. Doch zurzeit fehlt das Geld für dieses Gerät.

Das Plakat für den Afrikatag 2015: Ein Priester und mehrere Gläubige stehen im Eingang einer Kirche aus Lehm. Hartmut Schwarzbach/missio

19 Kinder besuchen wochentags das Zentrum von Chipulukusu. Einige von ihnen haben geistige Behinderungen. Sie werden nach einem alternativen Lehrplan unterrichtet. Nach dem Morgengebet und dem gemeinsamen Frühstück beginnt der Unterricht. Jedes Kind ist anders. Deshalb haben sie auch unterschiedliche Fächer. Einige Jungen bauen Möbel. Wenn es mehr Geld für besseres Holz gäbe, könnten sie die langen Holzbarren für Melody anfertigen. Schwester Karen Chileshe, 30, widmet sich seit vier Jahren den Kindern in Chipulukusu – und das mit ganzem Herzen, denn sie liebt ihre Arbeit sehr: „Oft fühle ich mich schlecht, wenn ich nicht bei den Kindern bin.“ Schwester Karen gehört einer diözesanen Ordensgemeinschaft an, die 1986 vom damaligen Bischof gegründet wurde, damit sie sich der Erziehung der besonders verwundbaren Kinder widmet.

Ordensfrauen kämpfen gegen Vorurteile an

Schwester Karen bringt den Kindern unter anderem Kochen und Nähen bei. Besonders beliebt ist die Drama-Klasse. Hin und wieder werden auch Sportwettkämpfe gegen andere Zentren für Menschen mit Behinderung organisiert. Zuweilen verbringen die Kinder eine gemeinsame Zeit mit den Schülern der benachbarten Schule, etwa an Festtagen bei der heiligen Messe.

Doch manch gesunder Schüler hat Angst vor den behinderten Kindern. Sie befürchten zum Beispiel, diese könnten gewalttätig werden. „Das stimmt nicht“, widerspricht Schwester Karen energisch. Mehr gemeinsame Zusammenkünfte und Sport könnten die Vorurteile abbauen, so hofft sie. Das Zentrum widmet sich zunehmend auch der Stärkung des Verantwortungsgefühls der Eltern. Denn die wichtigsten Trainer zu Hause sind die Eltern, doch die überlassen die Förderung am liebsten dem Zentrum. Um die Eltern besser einzubinden, werden sie seit einigen Monaten vertraglich zur Mitarbeit verpflichtet.

Schauplatzwechsel: In der Schule von Luanshya findet gerade der Religionsunterricht in der zehnten Klasse statt. Schwester Elisabeth Yawila prüft das Wissen der Schülerinnen über Johannes den Täufer. „Er wollte zuerst Jesus nicht taufen“, sagt eine Schülerin. 135 Kinder mit körperlicher Behinderung, zumeist Mädchen, besuchen diese von Franziskanerinnen geführte Schule. Ehemalige Schüler haben Karriere gemacht, sind Lehrer, Psychotherapeuten und Juristen geworden, einzelne schafften es sogar in die Regierung. Eine Behinderung muss einem Kind in Sambia nicht alle Zukunftswege verbauen. „In der Regel haben die Leute vor geistigen Behinderungen noch mehr Angst; sie werden weniger akzeptiert als körperliche Behinderungen“, sagt Van Der Molen.

Von Stefan Beig

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