Das Haus der Talente

  • Lima - 22.12.2014

Mit atemberaubender Geschwindigkeit drehen sich die Breakdancer im Kopfstand auf dem Boden. Gegenüber toben sich die Halbstarken an den Fitnessgeräten aus. Im Erdgeschoss gibt es Theaterkurs und Volkstanz, und im Keller lassen die Jungen mit Baggy-Jeans und Kappe peruanische Volksmusik auf Panflöten und Gitarre erklingen. „So habe ich mir das immer gewünscht“, sagt Padre Juan mit einem einnehmenden Lachen. „Alles unter einem Dach. Und jeder kann das machen, was ihm entspricht.“

Padre Juan Goicochea ist seit fünf Jahren als Priester in einem der ärmsten Vororte Limas, in Chorrillos. Mit der „Casa de los talentos“ – dem Haus der Talente – hat sich der 44-Jährige einen Lebenstraum erfüllt. „Die Jugendlichen sollen hier die Fähigkeiten entdecken, die Gott ihnen geschenkt hat, um damit Selbstvertrauen für ihr Leben zu entwickeln“, erklärt der aus dem Norden Perus stammende Comboni-Missionar.

Er lässt sich von den Jugendlichen nicht lange bitten, steigt spontan in das Panflötenspiel ein und schließt die Augen, während er mit den zweireihigen Bambusstangen die Klänge seiner Heimat zum Leben erweckt. Er scheint gerade genau da zu sein, wo sein Herz ist. Ein kleines bisschen Stolz schwingt mit in seinem Lächeln. Die Musiker puschen sich gegenseitig. Spielen schneller, lauter. Auch Padre Juan nimmt kurz die Flöte von den Lippen und singt aus voller Kehle mit. Zwei der peruanischen Jungtänzer aus dem Erdgeschoss sind hinzugekommen, machen im Takt der Musik kleine schnelle Tanzschritte und werfen die Füße nach hinten. Der graue Kellerraum, der am Vormittag noch trist im Schatten lag, an dessen Wänden die Farbe abblättert, erstrahlt nun plötzlich in allen Farben. Mit der Musik, der Lebensfreude und der inneren Verbindung der jungen Menschen untereinander.

Ein kleiner geistlicher Impuls für die Jugendlichen

Und dann plötzlich eine abrupte Unterbrechung. Die Hip-Hop-Musik ist aus, die Panflöten beiseitegelegt, die Fitnessgeräte ruhen. Die Breakdancer, Theatermacher und Musiker stehen noch ein wenig außer Atem, aber mit bedächtiger Miene vor einem Adventskranz. Padre Juan hat die gesamte Bande zusammengetrommelt. Ein kleiner geistlicher Impuls, ein kurzes Innehalten. Die zweite Kerze am Adventskranz wird entzündet. Die Jugendlichen hören Padre Juans Gebet aufmerksam mit geschlossenen Augen zu. Kurz darauf drückt er auf den Playknopf der Musikanlage und die Musik schallt wieder hinaus bis auf die Straße.

Seine eigentliche Zielgruppe sind die Kinder und Jugendlichen. Aber Padre Juan hat auch für die älteren Gemeindemitglieder ein offenes Ohr. Achim Pohl/Adveniat

Mit seinen ausgewaschenen Bluejeans, den schwarzen Locken und dem Che-Guevara-Bart ist Padre Juan für die Jugendlichen Bruder, Vater, Freund und spirituelle Leitfigur. All das, was den jungen Menschen in ihren häufig zerrütteten Familien inmitten von Armut und Gewalt fehlt. „Die Casa de los talentos bietet ihnen eine Alternative zur Straße“, erklärt Juan, dessen Arbeit von Adveniat unterstützt wird und der als Streetworker fünf Jahre lang in Deutschland gearbeitet hat.

Die großen Fenster des Jugendhauses geben den Blick frei auf die sandigen Berge, von denen Chorrillos umgeben ist und auf denen der Großteil der armen Bevölkerung lebt. „Dort oben gibt es keinen Strom, kein Wasser, kein Abwasser“, erklärt Juan und deutet auf die winzigen bunten Hütten, die irgendwo oben kurz unter den Wolken am sandigen Hang kleben. „Wo die Pfarrei kann, hilft sie diesen Menschen“, erklärt Juan. Für einige der Familien würden sie bald versuchen, Wasserleitungen zu legen. „Die Kinder haben mittlerweile durch den mit Müll verschmutzten Sand und die Trockenheit starke Hautkrankheiten“, weiß der Priester.

Missbrauch, Alkoholismus und Gewalt begleiten viele Kinder

Viele der Kinder aus der Casa kommen von dort oben. Selbst die ganz Kleinen finden mit ihren vier Jahren den Weg. „Bei acht Kindern sind die Mütter häufig völlig überfordert“, erklärt Juan. Die Familienverhältnisse seien schwierig. Missbrauch, Alkoholismus und Gewalt begleiten viele Kinder durch ihre Jugend.

Für Padre Juan geht es nach der kurzen Stippvisite in der Casa weiter. Sein nächstes Ziel ist das Treffen einer Jugendpastoralgruppe. Er sieht es als eine seiner Hauptaufgaben an, die Koordinatoren dieser Gruppen zu unterstützen. Denn für jeden Einzelnen kann er nicht da sein. 80.000 Gläubige und zwölf Gemeinden zählt seine Pfarrei, die er gemeinsam mit zwei Padres aus dem Comboni-Orden betreut.

Padre Juan sucht nicht nur den Kontakt zu Gemeindemitliedern, sondern auch zu den Jugendbanden. Achim Pohl/Adveniat

Bei der Jugendgruppe angekommen, setzt Padre Juan sich still dazu. An den schlichten Holztisch mit dem Kreuz und der Kerze. Er hört zu, gibt hier und da etwas zu bedenken oder muntert die Jugendlichen mit einer kleinen Anekdote auf. „Padre Juan ist ein Freund, ein Bruder, unser Berater“, erklärt Ana aus dem Pastoralteam. „Er ist jemand, der uns umarmt, wenn es uns schlecht geht, und der sich wunderbar in die Jugendlichen hineinfühlen kann“, sagt die 28-Jährige. „Er hat ein besonderes Charisma und unterstützt uns sehr bei der Pastoralarbeit.“

Und die sei für die jungen Menschen in Chorrillos sehr wichtig, erklärt Rodrigo als Leiter der Jugendpastoral. „Die Jugendlichen hier in Peru haben die falschen Götter“, sagt der 25-jährige Automechaniker schmunzelnd. „Fernsehen, Computer, Konsum.“ Sie ließen sich leicht beeinflussen und hätten keine wahre Identität. „Häufig kennen sie nicht einmal ihre eigene Familie richtig“, erklärt Rodrigo. Bei all dem könne ihnen Jesus eine Richtung weisen.

Alltag zwischen Universitäten und Jugendbanden

„In den Gruppen arbeiten die Jugendlichen sehr individuell und beziehen den Lebensalltag der Einzelnen mit ein“, erklärt Juan. „Es geht um Spiritualität. Aber um eine, die nicht nur in der Beziehung zwischen Gott und einem selbst besteht, sondern um eine, die auch in der Schule etwas zu sagen hat, auf der Straße, bei der Arbeit.“

Die Unterschiede zwischen den Jugendlichen in der Pfarrei seien sehr groß. „Wir haben sehr fitte Jugendliche, die an der Universität studieren, die eine Arbeit haben und ihre wertvolle Freizeit der Pfarrei widmen“, erklärt Juan, während er wieder ins Auto steigt. Auf der anderen Seite gibt es viele, die zu den Jugendbanden gehören, die keine Eltern haben, in der Kriminalität gelandet sind, Drogen nehmen und psychische Probleme haben.

Nachdem Padre Juan noch zwei Gottesdienste gefeiert und zehn Beichtgespräche geführt hat, steht der Priester vier Stunden später im Trikot von Alianza Lima auf dem benachbarten Fußballplatz. Trotz 18-Stunden-Tag gönnt er sich einmal in der Woche diesen Luxus. Manchmal mit Jugendlichen aus der Pfarrei. Heute mit der „Alt-Herrentruppe“ der Katecheten. Wie er spielt, der Padre? „Na, wie Pizarro“, rufen seine Team-Kollegen lachend über den Platz. „Das brauche ich, um abzuschalten und den Kopf freizubekommen“, erklärt Juan in sichtlicher Vorfreude auf das Match. Nach einem 4:3-Sieg und einer kurzen Dusche geht es weiter. Padre Juan will heute noch mindestens zwei Jugendgruppen bei ihren Treffen besuchen. „Wir alle kennen die Kraft der Jugendlichen, wenn sie sich in der Kirche einbringen. Sie bringen eine Frohe Botschaft. Und genau darum geht es: dass sie auf ihre Art und Weise zu Evangelisierungsträgern werden.“

Von Mareille Landau

Weihnachtskollekte

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