Ein Jahr der Krisen

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  • Bonn - 19.12.2014

Syrien, Irak, Libanon. Nigeria, Sierra Leone, Liberia. Russland und die Ukraine. Die Liste ließe sich fortsetzen – das Jahr 2014 war ein krisengeschütteltetes Jahr. Kaum ein Monat verging ohne Schreckensmeldung. Für die katholischen Hilfswerke bedeutete das Hochkonjunktur. Katholisch.de hat mit ihnen über die Arbeit 2014 gesprochen und sie gefragt, welche Aufgaben für sie 2015 im Fokus stehen.

Adveniat

Vier Wochen Sommermärchen in Brasilien – am Ende stand der WM-Pokal. Auch für das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat in Essen war das ein Grund zu Freude. Die Aufmerksamkeit für das südamerikanische Land habe man aber auch anderweitig nutzen wollen, um auf die oft schwierigen Lebensbedingungen der Menschen vor Ort aufmerksam zu machen, berichtet Hauptgeschäftsführer Prälat Bernd Klaschka. So hat sich das Hilfswerk mit der Aktion „Steilpass“ , gemeinsam mit den brasilianischen Bischöfen und einem breiten Bündnis in Deutschland, unter anderem für eine bessere Gesundheitsvorsorge und ein besseres Bildungssystem in Brasilien stark gemacht.

Doch auch in anderen Ländern Lateinamerikas war das Hilfswerk aktiv: So hat Adveniat einen offenen Brief an US-Präsident Barack Obama geschrieben, um auf die Migration junger Flüchtlinge aus Lateinamerika in die USA aufmerksam zu machen. Auch bessere Rechte für das indigene Volk der Mapuche in Chile waren laut Klaschka ein Arbeitsschwerpunkt. Erst kürzlich startete außerdem die Jahresaktion von Adveniat, mit der sich das Hilfswerk für junge Menschen in Lateinamerika stark macht. „Die Jugend will Zukunft“, so der Prälat.

Auch für 2015 gibt es schon Pläne: So soll die Aktion „Steilpass“ auf die Olympischen Spiele übertragen werden, die 2016 in Rio de Janeiro stattfinden. „Die Spiele sind einerseits ein Zeichen für Frieden“, sagt Klaschka. Andererseits wolle man aber auch auf den „Gigantismus des Wettkampfes“ aufmerksam machen und die oftmals desolate Situation der Einheimischen in den Blick nehmen.

Caritas international

Für Caritas international stand in diesem Jahr vor allem die Hilfe für Flüchtlinge in Syrien und im Irak im Mittelpunkt der Arbeit, berichtet der Leiter des Hilfswerkes, Oliver Müller. „Seit dem Sommer hat sich die Lage dort sehr verschärft.“ Im Moment versorgt das Hilfswerk gemeinsam mit dem Caritasverband vor Ort rund 10.000 Flüchtlingsfamilien. Die Menschen lebten teilweise in miserablen Verhältnissen. Die Caritas gebe ihnen unter anderem Nahrungsmittel und Hygieneartikel. „Außerdem versuchen wir sie seelsorgerisch zu betreuen“, so Müller. Viele der Flüchtlinge seien schwer traumatisiert. Bisher hat das Hilfswerk knapp acht Millionen Euro in die verschiedenen Maßnahmen investiert.

Ein weiteres Projekt war die Flüchtlingshilfe in Kolumbien: „Das ist ein gutes Beispiel einer vergessenen Katastrophe“, merkt Müller an. Immerhin seien dort mit rund fünf Millionen Menschen die zweitmeisten Menschen nach Syrien auf der Flucht. Gemeinsam mit der Diakonie-Katastrophenhilfe habe man dort ebenfalls versucht, die Menschen so gut es geht zu unterstützen.

Für 2015 befürchtet Müller, dass die genannten Katastrophen weiter andauern. Der Fokus soll aber auch auf der Prävention liegen: So soll beispielsweise in Hochwassergebieten für stabile Häuser gesorgt werden. In Bolivien will sich Caritas international außerdem für Kleinbauern einsetzen. Durch die zunehmende Trockenheit entstünden lange Dürreperioden. „Wir wollen den Kleinbauern helfen, in dürreresistentes Saatgut zu investieren“, so Müller.

Malteser International

Auch für die Malteser stand in diesem Jahr vor allem die Flüchtlingshilfe im Mittelpunkt. „Die Gewalt der Terror-Miliz ‚Islamischer Staat‘ hat uns gewaltig beschäftigt“, sagt Ingo Radtke, Generalsekretät von Malteser International. Gleichzeitig sei man aber auch in langfristigen Projekten gebunden; so engagieren sich die Malteser beispielsweise seit 1994 in der Demokratischen Republik Kongo und helfen dabei, das Gesundheitswesen zu verbessern. Beschäftigt habe auch der Taifun Haiyan auf den Philippinen, der im November 2013 mehr als 6.200 Menschen das Leben gekostet und für große Verwüstung gesorgt hatte. Gemeinsam mit der philippinischen Assoziation des Malteserordens habe man bereits 200 von insgesamt 700 katastrophenresistenten und behindertengerechten Häusern für besonders bedürftige Familien bauen können. Auch die Ebola-Epidemie in Westafrika hat die Malteser beschäftigt: „Wir haben vor allem Material zur Verfügung gestellt“, sagt Radtke. Dazu gehörten unter anderem Schutzkleidung sowie Desinfektionsmittel.

Besonders positiv bewerte Radtke die geringen Schäden, die der Taifun Hagupit hinterlassen habe. Grund dafür waren auch die getroffenen Präventionsmaßnahmen. So seien die Menschen vor Ort besser vorbereitet gewesen und hätten ihr Hab und Gut rechtzeitig verstaut und befestigt, erklärt Radtke. Die Häuser, welche die Malteser nach Taifun Haiyan gebaut hatten, überstanden Hagupit ohne Schaden und dienten zahlreichen Familien als Evakuierungsmöglichkeit.

Neben den bereits laufenden Projekten will sich Malteser International 2015 unter anderem stärker in Lateinamerika engagieren. So soll dort beim Aufbau nationaler Malteserhilfsdienste geholfen werden. Im Süden Honduras wolle man außerdem helfen, die Wasserproblematik zu entschärfen.

Misereor

„2014 war ein Flüchtlingsjahr“, fasst Pirmin Spiegel , Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerkes Misereor , zusammen. Die vielen Menschen, die vor der Terror-Miliz „Islamischer Staat“ geflohen sind, hätten auch Misereor beschäftigt. Besonders schwierig sei dabei die Situation in den unmittelbaren Nachbarregionen wie dem Nordirak oder in Nachbarländern wie dem Libanon, wo die meisten Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak Zuflucht gesucht haben. Doch auch der Konflikt in Gaza und der Bürgerkrieg im Südsudan hätten Hilfsmaßnahmen gefordert, merkt Spiegel an. Mit rund 51 Millionen Menschen habe es noch nie so viele Flüchtlinge wie im Jahr 2014 gegeben. Für Spiegel ist es besonders wichtig, zu erkennen, dass hinter dieser abstrakten Zahl einzelne Schicksale steckten.

Eine große Rolle habe im vergangenen Jahr auch die Ernährungssituation in zahlreichen armen Ländern der Welt gespielt, ergänzt Spiegel. Mit der Fastenaktion wollte man auf das Schicksal von 800 Millionen hungernden Menschen aufmerksam machen. Auch die Rechte von Kleinbauern nahm das Hilfswerk in den Blick: Diese würden etwa bei Menschen, die auf großen Plantagen in den Ländern des Südens Nahrungsmittel anbauten und ernteten, immer wieder verletzt, heißt es in einer 2014 veröffentlichten Studie des Hilfswerkes. Aufgrund schlechter Bezahlung und miserabler Arbeitsbedingungen litten schätzungsweise weltweit 200 Millionen Landarbeiter an Hunger.

2015 will das Hilfswerk besonders das Thema Schöpfung thematisieren. „Wir wollen die Bevölkerung für die Klimafragen stärker sensibilisieren“, sagt Spiegel. Am Beispiel der Philippinen will Misereor zeigen, welche Folgen der Klimawandel hat; dort leiden vor allem die Fischer und ihre Familien unter den stärker werden Wirbelstürmen. In New York geht es für das Hilfswerk außerdem an die Ausarbeitung der sogenannten Nachhaltigkeitsziele. Diese lösen die Millenniumsentwicklungsziele der Vereinten Nationen ab. Für Spiegel stellt sich dabei vor allen eine Frage: „Wie wollen wir leben, damit alle in Würde leben können?“

Renovabis

25 Jahre Wende – dieses Jubiläum hat auch das Osteuropahilfswerk Renovabis beschäftigt, erzählt Pressesprecher Burkhard Haneke. Die Pfingstaktion beschäftigte sich mit diesem Ereignis: Unter dem Motto „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ erinnerte Renovabis an den politischen Umbruch in Mittel- und Osteuropa. Doch auch aktuelle Ereignisse spielten eine Rolle: „Die Ukraine hat uns das ganze Jahr begleitet“, so Haneke. Die ganze Zeit über habe man mit den kirchlichen Partnern vor Ort in Kontakt gestanden, um sich über die aktuellen Ereignisse in der Krisenregion auf dem Laufenden zu halten. Als Hilfsmaßnahme hat Renovabis unter anderem Traumatherapien für die Menschen aus den umkämpften Gebieten angeboten und ein Sozialzentrum im Osten der Ukraine, das sich um Flüchtlinge kümmert, unterstützt.

Doch auch in langfristigen Projekten habe sich das Hilfswerk weiter engagiert, ergänzt Haneke. So unterstützt Renovabis mit Hilfe einer Stiftung Kinder und Jugendliche aus Roma-Familien in Bulgarien, um ihnen einen besseren Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Auch für 2015 hat das Osteuropahilfswerk schon Pläne: „Wir wollen uns noch mehr den Menschen zuwenden, die am Rand der Gesellschaft stehen“. Als Beispiele nennt Haneke Flüchtlinge, Roma-Familien, Menschen mit Behinderungen oder HIV-Infizierte. „Wir wollen diesen Menschen eine Stimme geben.“ Die Pfingstaktion wird nach Angaben Hanekes in Regensburg eröffnet, das Motto ist in Anlehnung an ein Zitat von Papst Franziskus gewählt: „An die Ränder gehen! Solidarisch mit ausgegrenzten Menschen in Osteuropa.“

Von Sophia Michalzik

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