Wahlkampf statt Terrorismusbekämpfung

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  • Aachen - 11.12.2014

In Nigerias Nordosten ermordet, vertreibt und entführt die islamistische Terrorgruppe Boko Haram immer mehr Menschen. Auf nennenswerten Widerstand treffen sie nicht. In einem Interview mit dem Hilfswerk Missio kritisiert der Vorsitzende der nigerianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Ignatius Kaigama, die Uneinigkeit der nigerianischen Regierung, gegen Boko Haram entschieden vorzugehen, erklärt wie die Islamisten von dem aufgeheizten Wahlkampf für die Parlamentswahlen 2015 profitieren und wie die Kirche trotz der katastrophalen Lage im Nordosten versucht, den Flüchtlingen Hoffnung zu machen.

Frage: Boko Haram gewinnt im Nordosten Nigerias immer mehr an Boden. Wie würden Sie die Situation der Christen dort beschreiben?

Kaigama: Die Christen im nordöstlichen Teil Nigerias sind viel Leid ausgesetzt, das zuvor undenkbar war. Tausende sind aus ihren Häusern vertrieben und zu Flüchtlingen in ihrem eigenen Land geworden, weil die militante islamistische Gruppe Städte und Dörfer eingenommen hat. Man hat die Menschen gezwungen, zu konvertieren, zu flüchten oder zu sterben, und sie haben ihren gesamten Besitz verloren und sind nun heimatlos, hilflos und am Verhungern. Manche entkommen in Höhlen und in Wälder und nehmen damit die Gefahr von Krankheit und Hungertod auf sich. Die Christen in vielen Teilen des Nordostens leben in Angst und mussten daher an sicherere Orte umgesiedelt werden. Die Diözesen Maiduguri und Yola in unserer Kirchenprovinz Jos sind besonders schlimm betroffen.

Ignatius Kaigama ist seit 2000 Erzbischof von Jos. Schwarzbach/Missio

Frage: Welche Agenda verfolgt Boko Haram Ihrer Meinung nach? Hat sich daran im letzten Jahr eigentlich etwas verändert?

Kaigama: Nach meiner Einschätzung verfolgt Boko Haram eine an zwei Zielen orientierte Agenda: die Lähmung der Regierung und die Terrorisierung der Christen. Darüber hinaus verkündeten Mitglieder der Sekte deutlich, dass sie danach streben, Nigeria zu islamisieren. Tatsächlich hat Boko Haram im vergangenen Jahr zwar ihre Strategie gewandelt, nicht aber ihre Agenda. Die Terroristen haben ihre „Hit and Run“-Strategie der überfallartigen Angriffe hin zu einer offensichtlichen „Holding Ground“-Strategie verändert, bei der sie Städte und Dörfer einnehmen und diese zu islamischen Kalifaten erklären. Dabei überfallen und töten sie nicht nur Christen, sondern auch Muslime, die anderer Meinung als sie selber sind. Eigentlich überfallen und morden sie wahllos und willkürlich. Ihr ursprüngliches Ziel haben sie dabei anscheinend aus den Augen verloren.

„Sie überfallen und morden wahllos und willkürlich.“

Frage: Sie haben sich vor kurzem mit dem nigerianischen Präsidenten getroffen. Was haben Sie ihm gesagt?

Kaigama: Wir haben ihn lediglich an das erinnert, was er bereits selber weiß. Nichts von dem, was wir sagten, war neu. Wir haben Wert auf die Feststellung gelegt, dass wir uns über die wachsende Unsicherheit im Land Sorgen machen. Der Präsident tut schon seine Pflicht; er hat uns versichert, dass er die Situation im Griff habe. Er sagte, man prüfe Strategien und dass dieser Terrorismus, den wir derzeit erleben, durch die Gnade Gottes bald der Vergangenheit angehören werde. Die effektive Verteilung von Hilfsgütern war eines der Themen, das wir ebenfalls angesprochen haben. Für die Vertriebenen ist zwar häufig genug vorhanden, doch die Mittel werden veruntreut. Wir berichteten ihm von der überaus effizienten Form, mit der die katholische Kirche Vertriebene erfasst und die wenigen von den Kirchen gesammelten Hilfsgüter durch die Kommission für Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung erfolgreich verteilt.

Frage: Ist die nigerianische Regierung unfähig oder nicht willens, die Krise im Nordosten zu bewältigen?

Kaigama: Die Regierung verfügt über die Fähigkeit, ein Ende der Kampfhandlungen herbeizuführen und einen positiven Wandel zu vollziehen. Dazu müssten die diversen Staatsorgane geschlossen und entschieden vorgehen. Es scheint jedoch, dass sie terroristische Angriffe einfach nur verurteilen und wirkungslose Maßnahmen ergreifen. Der Lobgesang der Regierung nach dem Motto, „wir haben die Situation im Griff“, ist immer nur rein akademisch gemeint gewesen. So wurden beispielsweise einige Personen verdächtigt, Unterstützer von Boko Haram zu sein – sie wurden jedoch von keiner der Sicherheitsbehörden jemals verhört oder gar den zuständigen Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden übergeben. Aus welchen Gründen auch immer ist die Regierung nicht willens, sie vor Gericht zu stellen. Kürzlich wurde der mutmaßliche Vordenker des Bombenattentats in Nyanya* – der Ermittlern des Staatssicherheitsdiensts Berichten zufolge sagte, dass er angesichts des Angriffs „nichts bereut, da er Vergnügen daran findet, auf Weisung Allahs Menschen zu töten“ – wieder laufen gelassen, und alles, was wir zu hören bekommen, ist eine „Streichung“ der vor dem Bundesgerichtshof eingebrachten Klage mangels einer „sorgfältigen Strafverfolgung“!

Frage: Tragen denn die Parlamentswahlen im Februar 2015 zu der Eskalation im Nordosten bei? Ist es überhaupt möglich, Wahlen durchzuführen, wenn Teile des Landes der Regierung der Kontrolle entglitten sind?

Kaigama: Ja. Die Wahlen im nächsten Jahr spielen eine große Rolle bei der Eskalation der Gewalt. Ich meine, sie lenken geradezu davon ab. Obwohl Boko Haram sich territorial ausweitet und Menschen aus ihren Häusern vertreibt, sind unsere Entscheidungsträger und Politiker ganz wild mit Wahlkampagnen beschäftigt. Sie greifen sich gegenseitig an und beleidigen sich, beschuldigen sich gegenseitig und zeigen mit dem Finger auf den anderen, veranstalten und feiern alle möglichen Zeremonien.

Während die Menschen traumatisiert sind und Not leiden, gehen die politischen Aktivitäten in den umliegenden Gemeinden weiter, als ob nichts auf dem Spiel stehe. Statt die Anstrengungen zu bündeln, um das brennende Problem zu lösen, hat es eine Manipulation des Aufstandes durch politische Gegner gegeben, die sich gegenseitig erpresst haben. Das gibt den Aufständischen die Gelegenheit, Strategien zu entwerfen und sich immer wieder neue Taktiken auszudenken, mit denen sie die Regierung überrumpeln.

„Während die Menschen traumatisiert sind und Not leiden, gehen die politischen Aktivitäten in den umliegenden Gemeinden weiter, als ob nichts auf dem Spiel stehe.“

Die Nationalversammlung arbeitet derzeit an einem Gesetzentwurf, durch den es vertriebenen Wahlberechtigten ermöglicht werden soll, ungeachtet ihres Aufenthaltsortes wählen zu können. Wenn das gelingt, könnten auch die Vertriebenen ihr Wahlrecht ausüben. Die Möglichkeit, Wahlen in solchen Krisenregionen durchzuführen, besteht also, wenn gegen die Terroristen entschlossen eingeschritten wird, die Regionen zurückerobert und für eine Rückführung der Menschen gesichert werden. Eine aufgeschlossene Regierung kann das mithilfe der Nigeria zur Verfügung stehenden Mittel durchaus erreichen.

Frage: Was erzählen Sie als Kirchenführer im Angesicht von Tod und Vertreibung Ihren Gläubigen?

Kaigama: Das ist eine Herausforderung, aber es gibt nichts Wichtigeres als ihnen Hoffnung zu machen. Mit Gott ist keine Situation hoffnungslos. Ich identifiziere mich mit ihnen in ihrem Schmerz und gebe ihnen zu verstehen, dass wir alle gemeinsam leiden. Unser Glaube sagt uns als Gliedern des Leibes Christi, dass eine Verletzung an einem Teil eine Verletzung an allen darstellt.

Kathedrale in Abuja, Nigeria Missio / Andy Spyra

Die Menschen haben so viele Fragen und Klagen, und man muss sie beruhigen mit den Worten der Heiligen Schrift, die der Fels unseres christlichen Glaubens sind, wie etwa das Versprechen Christi in Matthäus 28,20: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“, und des unverwüstlichen Geistes, der sagt: Nichts kann „uns scheiden von der Liebe Gottes“ (Römer 8,39). Zurzeit besuche ich die Diözesen Yola und Jalingo, um mit den Vertriebenen zusammenzukommen und mit ihnen zu beten – um meine Solidarität mit den Bischöfen dieser Regionen zum Ausdruck zu bringen und von ihrer misslichen Lage zu hören und mich auch persönlich über die Situation vor Ort informieren zu können. Wir versuchen, Hoffnung zu schenken.

Frage: Was tut die katholische Kirche, um den Flüchtlingen zu helfen? Und was könnten wir in Deutschland tun?

Kaigama: Die katholische Kirche in Nigeria hat konkrete Maßnahmen ergriffen, um den Binnenvertriebenen entscheidende Hilfsdienste anzubieten. Es wird so viel gebraucht. Auf der Ebene der Bischofskonferenz sammeln wir Hilfsgüter und auch Geld, um damit den betroffenen Diözesen zu helfen. Privatpersonen spenden. Pfarreien spenden. In Yola hat man mir erzählt, dass eine Gemeinde in Abuja angeboten hat, 100 aus den Regionen Borno/Adamawa vertriebenen Schülern ein Stipendium bereitzustellen. Wir rufen weiterhin zu Einzel- und Kollektivspenden und Unterstützungen dieser Art auf, während wir auf die Regierung Druck ausüben, mehr zu unternehmen.

Manchmal sind wir frustriert, und es ist uns peinlich, wenn wir um Hilfe aus dem Ausland bitten. Wir können nicht ständig um Hilfe bitten. Wir versuchen, den Blick nach innen zu richten. Wer – sogar ohne uns danach zu fragen – von außerhalb die Berichte über die vertriebenen Menschen hört, in der Zeitung darüber liest oder im Fernsehen Reportagen sieht, kann möglicherweise einfach das tun, was er sich leisten kann. Wir sehen zwar, wie Vertreter ausländischer Regierungen und internationaler Organisationen zu Besuch kommen, doch als katholische Kirche bekommen wir nicht die Auswirkungen ihrer Besuche und Hilfe zu spüren. Wir vertrauen nun auf das Wenige, das unser Volk zur Verfügung stellen kann, und auf das Wenige, das wir von den wenigen ausländischen Kirchenpartnern bekommen, die unsere Sorgen teilen und jedwede Art von Hilfe bereitstellen können. Um die Wahrheit zu sagen: Uns widerfährt zwar sehr wenig Unterstützung, doch wir sind denen dankbar, die uns in ihr Gebet einschließen und einige materielle Hilfe zukommen lassen.

Das Interview führte Bettina Tiburzy, Missio Aachen

aus dem Englischen übersetzt von Katrin Krips-Schmidt

© Missio-Blog

Missio-Blog

Das vorliegende Interview ist im Blog „Bedrängte Christen“ des katholischen Missionswerks Missio in Aachen erschienen. Weitere Beiträge und Stimmen aus Afrika, Asien oder dem Nahen Osten finden Sie unter

www.bedraengte-christen.de

Initiative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“

Die Initiative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“ wurde vor zehn Jahren von der Deutschen Bischofskonferenz ins Leben gerufen, um auf die Notsituationen von Christen in unterschiedlichen Teilen der Welt aufmerksam zu machen. Die Initiative veröffentlicht jährlich eine Informationsbroschüre mit wechselnden Themen- oder Länderschwerpunkten zur Lage verfolgter oder diskriminierter Christen.

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