„Der Papst will, dass ihre Stimmen gehört werden“

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  • Bonn - 05.12.2014

Es war eine Premiere im Vatikan: das Treffen zwischen Franziskus und den Volksbewegungen Ende Oktober. Zum ersten Mal hatte ein Papst die Verantwortlichen von sozialen Bewegungen aus aller Welt in die römische Zentrale der Weltkirche eingeladen. Im Gespräch mit dem Internetportal Weltkirche ordnet der Sozialwissenschaftler und Theologe Pfarrer Norbert Arntz das Treffen ein und erklärt, welche Bedeutung die sozialen Bewegungen für Franziskus haben.

Frage: Pfarrer Arntz, vom 27. bis 29. Oktober wurden zum ersten Mal Volksbewegungen aus aller Welt im Vatikan empfangen. Welche Bedeutung hatte der dreitägige Kongress für die Vertreter der sozialen Bewegungen?

Pfarrer Arntz: João Pedro Stédile, Gründer und Führer der Landlosen-Bewegung (MST) in Brasilien und einer der Organisatoren des Treffens, hob ebenfalls hervor, dass es in der Geschichte des Vatikans für dieses Ereignis keine Parallele gibt. Nie hat ein Papst die Initiative ergriffen, soziale Bewegungen, die ganz verschiedene gesellschaftliche Bereiche vertreten, aus aller Welt im Vatikan zusammenzurufen. Menschen aus allen Kontinenten, verschiedener Religionen und Überzeugungen, und sogar einige Agnostiker haben teilgenommen, weil sie jeweils eine wichtige gesellschaftliche Verantwortung bei der Organisation von Millionen armer Bevölkerungsschichten weltweit wahrnehmen. Sie haben sich als neue Gesprächspartner des Papstes erfahren. Aus der Perspektive der Armen und ihrer Organisationen haben sie alle — orientiert an den drei Erfahrungsbereichen: Landbesitz, Wohnung und Arbeit („tierra, techo y trabajo“) — die Themen gesellschaftliche Ausgrenzung, ungleiche Verteilung von Lebenschancen, Gewalt und Umweltkrise behandelt. Und schließlich dafür gesorgt, dass ein weltweites Netzwerk entsteht.

Frage: Inwiefern bilden die Volksbewegungen für Papst Franziskus ein Gegenmodell zu der von ihm so häufig angeprangerten „Globalisierung der Gleichgültigkeit“?

Für sein Engagement für eine „Kirche der Armen“ wurde Norbert Arntz 2014 mit dem Walter-Dirks-Preis ausgezeichnet. privat

Arntz: Offenbar ist der Papst – nach seinen Erfahrungen mit den „cartoneros“ (den Müllsammlern) in Buenos Aires – einerseits davon überzeugt, dass sich die Ausgegrenzten, die Unterdrückten, die organisierten Armen selbst der chaotischen Situation stellen können, in die sie das System gebracht hat. Andererseits will er offenbar seinerseits dazu beitragen, dass soziale Bewegungen und Kirche gemeinsam handeln und damit der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ die „Globalisierung der Solidarität“ entgegensetzen. Die „kleinen Leute“ selbst, die in den sozialen Bewegungen organisierte Mehrheit der Armen, sollen ihre Energien bündeln, um der globalen Krise zu widerstehen und nach den besten Lösungen zu suchen. Der Papst will, dass ihre Stimmen gehört werden.

Frage: Die Ansprache von Papst Franziskus vor Vertretern der sozialen Bewegungen liest sich wie ein Programm der Befreiungstheologie . Ist Franziskus ein Befreiungstheologe?

Arntz: Der Papst lebt, redet und handelt aus der „Option wegen der Armen“ („opción por los pobres“), weil er davon überzeugt ist, dass Gott geehrt wird, wo und wenn die Armen leben können. Deshalb empört er sich über die immer noch herrschende Sklaverei, die Opferung von Menschen für den Fetisch Geld, die Zerstörung der Schöpfung. Das Christentum Lateinamerikas hat in den letzten fünfzig Jahren gelernt, den Gott des Lebens von den Götzen des Todes zu unterscheiden. Deshalb konnte es Glauben, gesellschaftliches Engagement und Befreiung aus jeder Art von Unterdrückung eng miteinander verbinden. Aus diesem geistigen, politischen und religiösen Nährboden stammt Papst Franziskus. Er arbeitet mit an der Befreiung der Menschen, weil das Evangelium „das Leben in Fülle“ ankündigt. Deshalb ist er aber kein Befreiungstheologe. Ich halte es auch für falsch, den Papst mit dem Stempel der Befreiungstheologie zu versehen. Der Papst versteht sich offenbar vielmehr als ein Brückenbauer zwischen verschiedenen theologischen Strömungen im Gottesvolk. Er will keine Einheitstheologie durchsetzen, wie wir es in den vergangenen 40 Jahren erlebt haben. Ich halte es aber für richtig, wenn endlich mit der Verdächtigung, Verurteilung und Bekämpfung der Befreiungstheologen Schluss gemacht wird.

„Ich halte es für falsch, den Papst mit dem Stempel der Befreiungstheologie zu versehen.“

Frage: Franziskus ging in seiner Rede auch auf das Thema Schöpfung ein. Welche Schlüsse lassen sich daraus mit Blick auf die Ökologie-Enzyklika ziehen, die Franziskus derzeit vorbereitet?

Arntz: Die bisherigen öffentlichen Äußerungen zu diesem Thema lassen darauf schließen, dass der Papst in der geplanten Enzyklika wohl vor allem „das Evangelium vom Leben“ verkünden wird: dass erstens die Schöpfung ein wunderbares Geschenk Gottes ist, kein Objekt grenzenloser Ausbeutung zur Vermehrung der Profite, dass sie deshalb zweitens kein Privateigentum irgendjemandes ist, über das nach Gutdünken verfügt werden kann; dass sie drittens vielmehr ein menschheitliches Gemeingut ist, das das Leben jedes Menschen und aller Menschen sichert. Und viertens wird er vermutlich als Prophet des Lebens Einspruch erheben gegen die utilitaristische und individualistische Logik, die Ökonomie und Politik immer noch bestimmen, statt zu einem Lebensstil anzuleiten, der zu solidarischer Einfachheit und Genügsamkeit befähigt, damit die Menschen dieser Generation die Erde und ihre Reichtümer verantwortlich auch für die künftigen Generationen verwalten. Denn wer den Planeten plündert, zerstört auch das Leben der Menschheit. Vermutlich wird der Papst alle Religionsführer der Welt erneut mobilisieren, um die Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Leben der Menschen zum gemeinsamen Programm zu machen, und so zur Rettung des Planeten beizutragen.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

Zur Person

Norbert Arntz studierte katholische Theologie und Sozialwissenschaften in Münster, München, Mainz, Peru und Costa Rica. Er war Beobachter der Generalversammlungen der lateinamerikanischen Bischöfe in Santo Domingo 1992 und Aparecida 2007. Dort lernte er auch den heutigen Papst und ehemaligen Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Jorge M. Bergoglio, kennen. Zusammen mit dem befreiungstheologisch orientierten Team des „Instituts für Theologie und Politik“ arbeitet der emeritierte Pfarrer zurzeit am Projekt „50-Jahr-Gedenken des II. Vaticanum 2012–2015“.

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