Nicht mehr so ganz „Madibas“ Südafrika

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  • Kapstadt - 04.12.2014

Sechs Minuten und sieben Sekunden lang werden am Freitag in Südafrika die Schul- und Kirchenglocken läuten. Eine Erinnerung an die 67 Jahre, in denen Nelson Mandela für Demokratie kämpfte. Der Todestag des Nationalhelden jährt sich zum ersten Mal. Mit Gedenkfeiern im ganzen Land erinnern die Südafrikaner diese Woche deshalb an den Versöhner von Schwarz und Weiß, der 1994 zum ersten demokratischen Präsidenten des Kapstaates gewählt wurde. 20 Jahre später fällt es vielen seiner politischen Erben schwer, sich an „Tata Madiba“ zu messen.

„Ich bleibe ein stolzer Sohn von Madiba und plädiere an jeden, sich ein Beispiel an ihm zu nehmen“, sagt der Kapstädter Malcolm Salida. Doch als Entwicklungsexperte und Koordinator zahlreicher Hilfsprojekte weiß er: 20 Jahre nach dem Ende der Rassentrennung hat die Realität das Land eingeholt. Tausende leben nach wie vor ohne Strom, fließendes Wasser oder Zugang zu Toiletten. Die Schere zwischen Arm und Reich steht trotz der politischen Gleichberechtigung so weit offen wie kaum anderswo. „Tatsächlich machte das neue Südafrika viele reicher, aber andere noch ärmer“, so Salida.

„Die meisten Südafrikaner haben so sehr zu kämpfen, dass ihnen keine Zeit bleibt, über Mandela zu reflektieren“, meint Ralph Mathekga, Politikwissenschaftler und politischer Analyst aus Johannesburg. „Es ist ein Jahr her, seit Mandela starb, und es war ein schwieriges Jahr für Südafrika. Die Erinnerung an Mandela wurde überschattet vom Nkandla und der generellen Missstimmung über die ausufernde Korruption.“

„Tatsächlich machte das neue Südafrika viele reicher, aber andere noch ärmer.“

— Malcolm Salida, Entwicklungsexperte aus Kapstadt
Jacob Zuma, Präsident Südafrikas KNA

Nkandla-Skandal überschattet das Land

Im Mittelpunkt des Nkandla-Skandals steht Staatspräsident Jacob Zuma. Für 19 Millionen Euro an Steuergeldern ließ dieser seine private Villa aufpolieren. Während Mandela ein Drittel seines Präsidentengehalts für gemeinnützige Zwecke spendete, weigert sich sein Nachfolger bis heute, das Geld an den Staat zurückzugeben. Die oppositionellen „Economic Freedom Fighters“ (EFF) forderten Zuma im Parlament lauthals auf: „Zahl das Geld zurück!“ Vergangene Woche wurden sie deshalb für einen Monat aus dem Parlament verbannt.

Mandela hatte im Zuge seiner Versöhnungspolitik etliche Oppositionelle zu seinen Ministern ernannt. Heute attestieren Kritiker dem „Afrikanischen National-Kongress“ (ANC) einen autoritären Führungsstil. Julius Malema, der linksradikale Führer der EFF, sagte: „Wir können keinen fairen Prozess erwarten, wenn der ANC Richter, Verteidiger und Vollstrecker ist.“ Zudem schüren politisch motivierte Anstellungen den Zorn: Nicht nur Zumas 25-jährige Tochter erhielt ihren Führungsposten in einem Staatsunternehmen. Auch der wegen Korruption entlassene Polizeipräsident Bheki Cele feierte vor kurzem sein Comeback als stellvertretender Landwirtschaftsminister.

Neue Elite

Unterdessen gibt eine neue Elite den Ton an. Ungehört verhallen laut Mathekga selbst die Stimmen der alten Befreiungselite: George Bizos (86), der Mandela während seines Hochverratsprozesses verteidigte; der letzte Apartheid-Präsident Frederik Willem de Klerk (78), mit dem Mandela den Friedensnobelpreis gewann; oder Erzbischof Desmond Tutu (83), der an Mandelas Seite gegen das weiße Regime mobil machte. „Die Staatsväter sind zwar auch heute noch oft in der Öffentlichkeit zu hören, vor allem wenn sie die Korruption anprangern.“ Ihre Meinung habe immer noch Gewicht, verfehle jedoch die aktive Politik, so Mathekga.

Einen neuen Hoffnungsträger sehen viele in Cyril Ramaphosa (62). Seit den Wahlen im Mai ist er Südafrikas Vizepräsident und hat 2019 reelle Chancen auf das Präsidentenamt. Obwohl der ANC den Einfluss von Individuen bestreitet, glauben viele, dass sich Ramaphosa der Probleme der Mittel- und Unterschicht annimmt.

Bekannt wurde er als Gewerkschaftsaktivist, ehe er durch den Bergbau zum Millionär wurde. Um einen Interessenkonflikt zu vermeiden, trat er freiwillig aus dem Aufsichtsrat des Minenriesen Lonmin zurück. Mathekga meint: „Wir können ihm nicht die Verantwortung zuschieben, Südafrikas sozioökonomische Probleme alleine zu lösen. Allerdings hat er ein tiefes Verständnis für die Probleme des Landes.“

Von Markus Schönherr (KNA)

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