„Totalversagen“

  • Freetown - 03.12.2014

Nach acht Monaten Ebola-Krise in Sierra Leone muss ich von einem Totalversagen der internationalen Gemeinschaft sprechen“, erhebt Salesianerbruder Lothar Wagner schwere Vorwürfe. „Ja, wir sind hier momentan vergessen“, sagt der Leiter von Don Bosco Fambul, einem Zentrum für Straßenkinder und Jugendliche in der Hauptstadt Freetown. Jede Woche würden mehr als 400 Neuinfektionen verzeichnet, doch ständen landesweit nicht einmal 300 Behandlungsbetten zur Verfügung. Von der internationalen Ebola-Hilfe sei vor Ort nichts zu spüren, es fehle vor allem an medizinischem Personal, so der Salesianer.

Die tägliche Arbeit im Zentrum und auf den Straßen von Freetown fordere unglaublich viel Kraft, erzählt er. Aber für ein Telefoninterview fände er auf jeden Fall Zeit. Er habe großes Interesse, die deutsche Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie es in Sierra Leone aktuell tatsächlich aussieht. „Vor Monaten wurde ausführlich berichtet, ich konnte mich gar nicht retten vor Interviews. Die Situation war bei weitem nicht so wie jetzt – jetzt ist es viel schlimmer. Freetown ist erfasst, die Stadt, und die Medien berichten darüber nicht mehr. Und das ist für mich ein Rätsel.“

„Die Situation war bei weitem nicht so wie jetzt – jetzt ist es viel schlimmer.“

— Bruder Lothar Wagner
Benjamin Koroma von der Don Bosco Telefonberatung in Sierra Leone Don Bosco Fambul/Kindermissionswerk

Über 9.500 Kinder von Ebola betroffen

Wagners Berichte werden durch die aktuellen Zahlen des Gesundheitsministeriums in Sierra Leone unterstrichen, die die von Ebola betroffenen Kinder in dem Land erfassen. Ermittelt wurden die Zahlen durch eine Hotline für Kinder (Child Line 116), die vom Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ finanziert wird. Danach sind aktuell über 9.500 Kinder in vielfältiger Form von der Ebola-Epidemie betroffen, das sind über 7.300 Mädchen und Jungen mehr als noch vor einem Monat. Allein im November wurden über 5.700 Kinder in Quarantäne genommen. Mehr als 240 Mädchen und Jungen starben in diesem Zeitraum, fast fünfmal so viele wie im Monat Oktober. Besonders dramatisch ist die Situation der Kinder, die durch das Virus zu Waisen wurden. Insgesamt über 4.700 Mädchen und Jungen leben nun ohne Eltern oder mit nur einem Elternteil, 4.000 Kinder mehr als noch vor einem Monat.

Viele Kinder haben ihre Eltern sterben sehen. Gerade diese Kinder nimmt Don Bosco Fambul in Freetown besonders in den Blick. „Sie sind schwerst-traumatisiert, sind initiativlos, starren nur in eine Ecke, weinen. Viele haben ihre eigenen Eltern im Haus sterben sehen, haben sich dann selbst infiziert, da sie den Eltern auch nah sein wollten“, erzählt Bruder Lothar. Seien diese Kinder geheilt, würden sie von den Verwandten verstoßen, die zum Teil sogar die Elternhäuser geplündert hätten, so Bruder Lothar weiter.

In dem landesweit größten Therapiezentrum am Flughafen in Freetown kümmert sich Don Bosco um diese Kinder. Im Zentrum wird versucht, für die Mädchen und Jungen eine vertraute und sichere Atmosphäre zu schaffen: Mit Unterricht, therapeutischen Gesprächen und Spielen.

© Kindermissionswerk „Die Sternsinger“

Misereor und Kindermissionswerk verstärken Kampf gegen Ebola

Mit weiteren drei Millionen Euro haben das Hilfswerk Misereor und das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ ihr Engagement in den von Ebola betroffenen Gebieten Westafrikas verstärkt. Wenn Sie den Kampf gegen Ebola unterstützen möchten, können Sie online spenden unter

www.misereor.de

www.sternsinger.org

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