Ein Geistesverwandter am Rio de la Plata

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  • Maldonado - 03.12.2014

Dem leicht vergilbten Poster mit dem Kölner Dom sind seine Jahre anzusehen. Auch das „Wir lieben Bonn“-Signet ist nur noch schwer zu erkennen. Im Arbeitszimmer gibt es einen Schreibtisch, mehrere Stühle, keinen Teppich. Auf einem Kaminsims im Esszimmer stehen eine deutsche und eine uruguayische Fahne, dazwischen ein Bischofswappen. Es zeigt ein kleines Ruderboot in den Wellen, darüber scheint die Sonne. Ein Sinnbild für die Kirche im Sturm der Zeiten, sagt Bischof Rodolfo Wirz. Und er verfällt in rheinischen Singsang, als er weiter erläutert, der Kahn stehe nicht für ein Schiff auf dem Rio de la Plata, sondern stelle das „Beueler Böötche“ dar.

Das mag beim Vorsitzenden der Uruguayischen Bischofskonferenz verwundern, doch der Bischof von Maldonado und Punta del Este ist Rheinländer. Genauer: ein Bonner, ein Schwarzrheindorfer. Weihnachten 1944 war der Vater im Zweiten Weltkrieg gefallen, und die Mutter sah im zerstörten Bonn keine Zukunft für sich und ihren Sohn. Sie zogen nach Uruguay, wo ihr Bruder als Priester arbeitete. Aus Rudolf wurde Rodolfo. Nach dem Abitur studierte er in Montevideo, Freiburg und Bonn und ließ sich anschließend wie sein Onkel zum Priester weihen. Inzwischen ist er im 30. Jahr Bischof an der anderen Seite des Atlantiks.

Die „Republik östlich des Rio Uruguay“ gehört zu den Staaten, die weltweit fast nie Schlagzeilen machen. Schon auf der Landkarte fällt Uruguay kaum auf, umrahmt von Brasilien und Argentinien, dem fünft- und dem achtgrößten Land der Welt. Es gibt keine Bodenschätze. Rinderzucht und Landwirtschaft heißen die Wirtschaftsfaktoren – trotz großer politischer Stabilität kein Hit für Investoren.

Die Kathedrale San Fernando in Maldonado. Seit 1985 ist Rodolfo Wirz Bischof der uruguayischen Diözese. KNA

Kleine Kirche hohes Ansehen

An der Spitze steht Uruguay in einer aus bischöflicher Sicht negativen Tabelle: Kein anderes Land Lateinamerikas ist nur annähernd so stark säkularisiert. Die katholische Kirche hat kaum politischen Einfluss. Lediglich 42 Prozent der 3,5 Millionen Einwohner bekennen sich laut einer US-Studie des Pew Research Center zu ihr. Der Messbesuch liegt bei drei Prozent – weniger als ein Drittel des deutschen Prozentsatzes.

Trotzdem ist das Ansehen der Kirche hoch: „Unser Pfund heißt Glaubwürdigkeit“, sagt Wirz: „Wir sind nicht korrupt.“ Er lebt ebenso wie die 22 Priester seines Bistums von 300 US-Dollar im Monat: „Damit ist ein bescheidenes Leben möglich.“ Der Zustand des Bischofshauses belegt das: An einigen Stellen blättert die Farbe ab; es herrscht ein sympathisches Junggesellenchaos.

Haushälterin, Fahrer, Sekretärin? Nein, Wirz macht alles selbst, fährt mit seinem in die Jahre gekommenen Fiat durch die Diözese. Derzeit kümmert er sich auch um die Bistumsverwaltung, die nach seinen Worten „aus einem Generalvikar und zwei Katzen“ besteht. Weil der krank ist und die in der Garage des Bischofshauses lebenden Tiere keine große Hilfe sind, macht Wirz auch den Papierkram.

Wenn er von seiner Wohnung über den Platz vor der Kathedrale in ein kleines Restaurant geht, braucht er für die 200 Meter fast eine halbe Stunde. Mal spricht Wirz Passanten an, aber meistens wollen die Schafe was vom Hirten. Sie grüßen respektvoll den großen, hageren 72-Jährigen. Wirz hat für alle ein offenes Ohr. „Man muss menschlich sein, humorvoll und sollte nicht alles so ernst nehmen“, sagt er.

„Man muss menschlich sein, humorvoll und sollte nicht alles so ernst nehmen.“

— Bischof Rodolfo Wirz

An die Ränder gehen

Den in Europa gängigen kirchenpolitischen Klischees entzieht sich Wirz. Auch darin ist er ein Geisterverwandter des Papstes aus Buenos Aires. Theologisch eher konservativ: „Fakt ist die Seelsorge.“ Der von Franziskus geforderte Gang an die Peripherie habe „nun mal Konsequenzen“. Wirz kennt und praktiziert ihn. Neben dem Bischofshaus ist eine Anlaufstelle für Drogenabhängige, organisiert von Kapuzinern. Und das in direkter Nachbarschaft des mondänen Badeortes Punta del Este, so etwas wie das lateinamerikanische Saint Tropez. Dort trifft sich der Jet-Set, von Naomi Campbell über Richard Gere bis zu Facebook-Gründer Mark Zuckerberg.

Wo Geld ist, ist Kokain nicht weit: Vor knapp 15 Jahren erlitt in Punta Argentiniens Fußballgott Diego Maradona nach Kokaingenuss einen schweren Zusammenbruch. Die, die kein Geld haben, besorgen sich mit Überfällen Bares, um ihre Sucht zu befriedigen. Die Beschaffungskriminalität im Land steigt seit Jahren an. Als Maßnahme im Kampf gegen illegale Drogen und den damit verbundenen Kartellen hat der Staat in diesem Jahr unter strengen Auflagen den Anbau und Handel von Cannabis legalisiert – als erstes Land weltweit. Ob das Experiment glückt, wird sich zeigen.

Der Uruguayer aus dem Rheinland

Drogenpolitik gehört zu den Punkten, in denen die Kirche und Staatspräsident Jose Mujica nicht einer Meinung waren. Ansonsten bescheinigt Wirz aber dem nun aus dem Amt scheidenden, genügsam lebenden Ex-Guerillo, dass wir „in vielen Dingen dieselbe Sprache“ sprechen. Auch Politik ist ein Bereich, an dem sich Wirz nicht in Schablonen pressen lassen will. Persönliche Bekenntnisse legt er außer in Glaubensfragen nur ab, wenn es ums Rheinland geht. Immer wieder kehrt er zurück und pflegt Kontakte, zuletzt im Herbst, als er vor der Familiensynode in Rom noch mal schnell nach Bonn und Köln kam.

Insgesamt ist er indes ein echter Uruguayer geworden, der sich auch genau an den vielleicht wichtigsten Tag in der Geschichte des Landes erinnert: „Es war der 16. Juli 1950, und die Straßen waren voll.“ Die „Celeste“, die Himmelblauen, gewannen im Maracana-Stadion von Rio de Janeiro gegen den ungeliebten Nachbarn Brasilien ihren zweiten Fußball-WM-Titel. Bei der Wahl von Heißgetränken aber liegt für Wirz immer noch Deutschland vorn: Das Nationalgetränk „Mate trinke ich nur in Gesellschaft. Kaffee ist mir lieber.“

Von Michael Jacquemain (KNA)

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