Wählen wie schon die Mütter und Väter

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  • Windhuk - 27.11.2014

Das Bildungssystem bröckelt, die Wirtschaft stagniert, und der weitreichenden Korruption im Land haben selbst Gerichte nichts entgegenzusetzen. Auch 24 Jahre nach Erlangung der staatlichen Unabhängigkeit grassieren in Namibia Armut und Arbeitslosigkeit. „Tatsächlich hat Namibia eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen in Afrika“, sagt Aida Manlucu, Koordinatorin der Caritas Namibia.

Doch die Grenzen von Wohlstand verlaufen immer noch zwischen einzelnen Volksgruppen, zwischen den Geschlechtern und zwischen Stadt und Land. Das reichste Prozent der Namibier besitze genauso viel wie die 50 ärmsten Prozent, so Manlucu – eine der ungerechtesten Einkommensverteilungen weltweit.

Dass die Regierung abgestraft wird, wenn das Land am Freitag ein neues Parlament und einen Präsidenten wählt, bezweifeln Beobachter dennoch. Die Südwestafrikanische Volksorganisation (SWAPO) führte Namibia 1990 in die Eigenständigkeit. Seitdem regiert sie das südafrikanische Land ohne Unterbrechung. Politologen prophezeien ihr auch dieses Mal einen deutlichen Sieg.

Keine Überraschungen

„Die Wahlen lassen einen friedlichen und wenig überraschenden Ablauf erwarten“, meint Bernd Althusmann. Der Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung in Windhuk schätzt, dass der nächste Staatspräsident Hage Geingob heißen wird. Der 73-Jährige fungierte nach einer kurzen Karriere bei der Weltbank als Handelsminister Namibias. Seit 2012 ist er Ministerpräsident des Landes.

Anders als seine Vorgänger wäre Geingob der erste Präsident, der nicht aus der Volksgruppe der Owambo stammt, sondern aus der Minderheit der Damara. Doch das stört wohl die wenigsten der 1,2 Millionen Wahlberechtigten – da er ja für die SWAPO ins Rennen geht. Geingob träte die Nachfolge von Hifikepunye Pohamba (79) an, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr kandidieren konnte.

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Die Freiheitsbewegung SWAPO formierte sich 1960. Zu dieser Zeit hatte Namibia die deutsche Kolonialherrschaft hinter sich gelassen, wurde jedoch unter südafrikanischer Verwaltung vom weißen Apartheid-Regime unterjocht. Seit den ersten freien Wahlen 1989 hält die SWAPO die absolute Mehrheit. Bei den Wahlen 2009 holte sie 74 Prozent, und Analysten zufolge wird sie auch diesmal ihre Zweidrittelmehrheit halten. „Die SWAPO setzt auf die Karte der Traditionellen Freiheitsbewegung“, so Althusmann. Selbst bei vielen Jungwählern scheint sie damit durchzudringen. „Sie wählen letztlich in der Tradition ihrer Mütter und Väter.“ Die vielen bislang ungelösten Probleme, vor denen Namibia stehe, spielten dabei keine Rolle.

„Apathie“ der Jugend

Mehr als ein Viertel der 2,1 Millionen Namibier hat keinen festen Job. Besonders hoch liegt die Arbeitslosigkeit bei der Jugend zwischen 20 und 24 Jahren; mehr als die Hälfte von ihnen hat kein geregeltes Einkommen. Ihre Missstimmung an der Wahlurne auszulassen, komme für die Jugend allerdings nicht infrage, berichtet die namibische Tageszeitung „New Era“. Sie spricht von einer „Apathie“. „Es wird sich nichts ändern. Die SWAPO wird gewinnen“, so wird ein Jugendlicher zitiert. Obwohl er zu jenen 19 Prozent der Wähler zählt, die zum ersten Mal ihr Kreuz machen dürfen, werde er die Abstimmung boykottieren.

Erstwählerin Melania Simeon meint: „Ich werde wählen, denn es ist wichtig für unser Land. Als Bürgerin muss ich am politischen Prozess teilnehmen, aber begeistert bin ich nicht. Selbst wenn wir eine Partei wählen, die uns den Wandel verspricht, wird sie ihr Versprechen nicht halten.“

In vielen Teilen des Landes sinke das Vertrauen in die Regierung, weiß auch Caritas-Koordinatorin Manlucu. „Wir erleben zunehmend mehr Korruption in der Regierung und unter den Beamten. Obwohl das Gericht gegen sie ermittelt, kommen sie meist straffrei davon.“ Mit den sozialen Missständen aufzuräumen – darauf stützten die meisten der 15 Oppositionsparteien ihren Wahlkampf. Einen ernsten Gegner findet die SWAPO jedoch in keiner von ihnen, schätzt Politologe Althusmann. Den Oppositionellen in der „stark zersplitterten Parteienlandschaft“ sei es trotz der Unzufriedenheit nicht gelungen, eine Alternative zu bieten.

Von Markus Schönherr (KNA)

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