Auf der Suche nach der verlorenen Identität

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  • Straßburg - 25.11.2014

Das Lächeln, das Papst Franziskus auf dem Flug nach Straßburg zeigte, behielt er auch bei seinem ersten großen Auftritt auf internationaler Bühne. Dabei fand er die Atmosphäre im weiten Rund des Europaparlaments in Straßburg offenbar ein wenig ungewohnt. Mit Spannung war diese bisher politischste Rede des argentinischen Papstes am Dienstag erwartet worden. Über die Schwerpunkte wurde gemutmaßt: Umweltschutz und Familie, Flüchtlinge oder Solidarität in der Gesellschaft.

Doch dann, nach der Begrüßung durch Parlamentspräsident Martin Schulz, der den „Papst von der anderen Seite des Atlantik“ als große Stimme für echt europäische Werte willkommen hieß, erlebten die Parlamentarier zunächst einmal etwas anderes: Der lateinamerikanische Papst zeichnete ein ungeschminktes Bild eines Europa, das dabei sei, seine Vision und seine Identität zu verlieren.

Großartiges Projekt des Friedens und der Solidarität

„In vielen Bereichen haben wir heute den Eindruck von Verzagtheit und Alterung, von einem Europa, das wie eine ‚Großmutter‘ wirkt, nicht länger fruchtbar und vital.“ Ein vergreisender Kontinent scheine sein Selbstbewusstsein und seinen Optimismus verloren zu haben, je mehr sich sein fortschreitender Machtverlust in der globalisierten Welt abzeichne. Die Bürger verlören zudem in der wirtschaftlichen Krise das Vertrauen in die EU-Institutionen. Dabei, so Franziskus, bleibe die europäische Einigung ein großartiges Projekt des Friedens und der Solidarität.

Martin Schulz, Präsident des Europäischen Parlaments, hieß den „Papst von der anderen Seite des Atlantik“ herzlich willkommen. KNA

Europas Identität machte der Gast aus Rom auch, aber nicht nur, an seinen christlichen Wurzeln fest. Auch in säkularen Systemen sei das Christentum mehr als Europas vergangenes Gesicht. Die Religion könne – und die Kirche wolle – weiterhin eine prägende Rolle für die soziale und kulturelle Entwicklung des Kontinents spielen, betonte der Papst. Ohne das Bewusstsein für die Transzendenz des Menschen gerät aus seiner Sicht auch der Schutz der Menschenwürde in Gefahr.

Kritik an „Wegwerf-Kultur“

Wieder fiel sein Wort von der „Wegwerf-Kultur“, die nur ökonomischen Interessen gehorche und jeden, der nicht dem Profit diene, unter den Tisch fallen lasse: Alte, Kranke, Migranten, Arbeitslose bis hin zu Kindern, die im Mutterleib getötet würden. Auch seine Kritik an der hohen Jugendarbeitslosigkeit in Europa wiederholte er vor den Abgeordneten eines Kontinents, in dem durchschnittlich jeder Fünfte zwischen 15 und 24 Jahren erwerbslos ist.

„Die Boote, die täglich an den Küsten Europas landen, sind gefüllt mit Männern und Frauen, die Annahme und Hilfe benötigen.“

— Papst Franziskus in seiner Rede im EU-Parlament

Energisch forderte er die Europäer auf, auf das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer endlich mit einer gemeinsamen Strategie zu antworten. „Die Boote, die täglich an den Küsten Europas landen, sind gefüllt mit Männern und Frauen, die Annahme und Hilfe benötigen“, sagte er. Das Mittelmeer werde zu einem „großen Friedhof“. Viel Applaus erhielt der Papst für sein Lob alternativer Energien. Allerdings brauche es nicht nur den Umweltschutz, sondern eine „Ökologie des Menschen“ – ein Begriff Benedikts XVI. aus dessen Rede vor dem Bundestag 2011.

Tosender Applaus

Für seine rund zwanzigminütige Rede erntete Franziskus fraktionsübergreifend stehende Ovationen. Überhaupt waren nur rund 30 Sitze bei den Sozialisten freigeblieben, einige Abgeordnete der Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten erschienen mit regenbogenfarbenen Boas als Protest gegen die kirchliche Haltung zur Homosexualität.

Für Franziskus‘ zweite Rede vor dem Europarat hatten die Gastgeber eigens das Rednerpult aus dem Museum geholt, an dem vor 26 Jahren Papst Johannes Paul II. gesprochen hatte – vor einem gänzlich anderen europapolitischen Hintergrund. Anders als vor dem EU-Parlament, wo die sozialen Themen dominierten, sprach Franziskus vor der parlamentarischen Versammlung des Europarats stärker real- und machtpolitische Dimensionen an. Immer noch gebe es Krieg in Europa, täglich stürben Menschen – das war offenbar an Russland im Ukraine-Konflikt adressiert.

Auch die explizite Erwähnung Moskaus als ehemals drittes Zentrum neben Rom und Byzanz wies in diese Richtung. Heute jedoch herrsche das Prinzip der Multipolarität, sagte Franziskus. „Es ist unmöglich, Europa zu bauen, ohne diese multipolare Wahrheit in Rechnung zu ziehen.“

Von Christoph Schmidt (KNA)

COMECE-Präsident Kardinal Reinhard Marx über die Rede von Papst Franziskus: „Eine Botschaft der Hoffnung und der Ermutigung“

© KNA

Dokumentation

Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) hat Auszüge der am Dienstag in Straßburg gehaltenen Rede in einer offiziellen vatikanischen Übersetzung dokumentiert:

(...) Um das Gut des Friedens zu gewinnen, muss man vor allem zum Frieden erziehen, indem man eine Kultur des Konfliktes fernhält, die auf die Angst vor dem anderen, auf die Ausgrenzung dessen, der anders denkt oder lebt, ausgerichtet ist. Freilich darf der Konflikt nicht ignoriert oder beschönigt werden; man muss sich ihm stellen. Wenn wir uns aber in ihn verstricken, verlieren wir die Perspektive, die Horizonte verengen sich, und die Wirklichkeit selbst zerbröckelt. Wenn wir in der Konfliktsituation verharren, verlieren wir den Sinn für die tiefe Einheit der Wirklichkeit, halten die Geschichte an und verfallen der inneren Zermürbung durch fruchtlose Widersprüche.

Leider wird der Friede noch allzu oft verletzt. Er ist es in vielen Teilen der Welt, wo Konflikte verschiedener Art wüten. Er ist es auch hier in Europa, wo Spannungen nicht aufhören. Wie viel Schmerz und wie viele Tote gibt es noch in diesem Kontinent, der den Frieden herbeisehnt und doch leicht den Versuchungen von einst verfällt! Darum ist das Werk des Europarates auf der Suche nach einer politischen Lösung der gegenwärtigen Krisen wichtig und ermutigend.

Der Friede wird jedoch auch durch andere Formen des Konflikts wie den religiösen und internationalen Terrorismus auf die Probe gestellt, der eine tiefe Verachtung für das menschliche Leben hegt und unterschiedslos unschuldige Opfer fordert. Dieses Phänomen wird leider durch einen sehr oft ungestörten Waffenhandel gefördert. Die Kirche betrachtet den Waffenhandel als "eine der schrecklichsten Wunden der Menschheit, er schädigt unerträglich die Armen".

Der Friede wird auch verletzt durch den Menschenhandel, die neue Sklaverei unserer Zeit, welche die Menschen in Handelsware verwandelt und sie jeder Würde beraubt. Nicht selten stellen wir dann fest, dass diese Phänomene miteinander verbunden sind. Der Europarat spielt durch seine Komitees und die Expertengruppen eine wichtige und bedeutsame Rolle bei der Bekämpfung solcher Formen von Unmenschlichkeit. (...)

An diesem Ort sehe ich mich daher in der Pflicht, an die Bedeutung des europäischen Beitrags und der europäischen Verantwortung für die kulturelle Entwicklung der Menschheit zu erinnern. (...) Um der Zukunft entgegenzugehen, bedarf es der Vergangenheit, braucht es tiefe Wurzeln und bedarf es auch des Mutes, sich nicht vor der Gegenwart und ihren Herausforderungen zu verstecken. Es braucht Gedächtnis, Mut und eine gesunde menschliche Zukunftsvision. (...)

Man muss sich zudem vor Augen halten, dass ohne diese Suche nach der Wahrheit jeder zum Maß seiner selbst und seines Handelns wird und so den Weg zur subjektivistischen Behauptung der Rechte bahnt. Auf diese Weise wird der Begriff der Menschenrechte, der von sich aus Allgemeingültigkeit besitzt, durch die Idee des individualistischen Rechts ersetzt. Das führt dazu, sich im Grunde für die anderen nicht zu interessieren und jene Globalisierung der Gleichgültigkeit zu fördern, die aus dem Egoismus entspringt und Frucht eines Menschenbildes ist, das unfähig ist, die Wahrheit aufzunehmen und eine authentische soziale Dimension zu leben.

Ein solcher Individualismus macht menschlich arm und kulturell unfruchtbar (...). Und so haben wir heute das Bild eines verletzten Europas vor Augen, aufgrund der vielen Prüfungen der Vergangenheit, aber auch aufgrund der gegenwärtigen Krisen, die es anscheinend nicht mehr mit der früheren Lebenskraft und Energie zu bewältigen vermag. Ein etwas müdes und pessimistisches Europa, das sich durch die Neuheiten, die von den anderen Kontinenten kommen, belagert fühlt.

Wir können Europa fragen: Wo ist deine Kraft? Wo ist jenes geistige Streben, das deine Geschichte belebt hat und durch das sie Bedeutung erlangte? Wo ist dein Geist wissbegieriger Unternehmungslust? Wo ist dein Durst nach Wahrheit, den du der Welt bisher mit Leidenschaft vermittelt hast? (...)

Europa muss darüber nachdenken, ob sein gewaltiges Erbe auf menschlichem, künstlerischem, technischem, sozialem, politischem, wirtschaftlichem und religiösem Gebiet ein bloßes museales Vermächtnis der Vergangenheit ist, oder ob es noch imstande ist, die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der gesamten Menschheit zu erschließen. (...)

Die Geschichte Europas kann uns nahelegen, sie in naiver Weise als eine Bipolarität zu begreifen oder höchstens als eine Tripolarität (denken wir an die historische Konzeption: Rom - Byzanz - Moskau), und uns bei der Interpretation der Gegenwart und der Projektion auf die Utopie der Zukunft hin innerhalb dieses Schemas bewegen, das ein Ergebnis geopolitisch-hegemonischer Reduktionismen ist.

Heute liegen die Dinge anders, und wir können zu Recht von einem multipolaren Europa sprechen. Die Spannungen - die aufbauenden wie die zersetzenden - treten zwischen vielfältigen kulturellen, religiösen und politischen Polen auf. Europa steht heute vor der Herausforderung, diese Multipolarität in einmaliger Weise zu „globalisieren“. (...)

In der aktuellen politischen Welt Europas erweist sich der Dialog, der nur innerhalb der je eigenen (politischen, religiösen, kulturellen) Organismen stattfindet, als unfruchtbar. Die Geschichte verlangt heute die Fähigkeit, aus den Strukturen, welche die eigene Identität einschließen, zur Begegnung hinauszugehen, mit dem Ziel, ebendiese Identität in der brüderlichen Gegenüberstellung der Transversalität zu stärken und fruchtbarer zu machen. Ein Europa, das nur innerhalb der geschlossenen Zugehörigkeitsgruppen dialogisiert, bleibt auf halbem Wege stehen. Es bedarf des jugendlichen Geistes, der die Herausforderung der Transversalität annimmt. (...)

Solche Begegnungen scheinen bei der Suche nach einem eigenen Gesicht im aktuellen multikulturellen, multipolaren Umfeld besonders wichtig, um die europäische Identität, die sich in den Jahrhunderten herausgebildet hat, weise mit den Ansprüchen der anderen Völker zu verbinden, die sich nun auf dem Kontinent zeigen.

In dieser Perspektive ist der Beitrag zu verstehen, den das Christentum heute zur kulturellen und gesellschaftlichen europäischen Entwicklung im Rahmen einer rechten Beziehung zwischen Religion und Gesellschaft leisten kann. Aus christlicher Sicht sind Vernunft und Glaube, Religion und Gesellschaft berufen, einander zu erhellen, indem sie sich gegenseitig unterstützen und, falls nötig, sich wechselseitig von den ideologischen Extremismen läutern, in die sie fallen können. Die gesamte europäische Gesellschaft kann aus einer neu belebten Verbindung zwischen den beiden Bereichen nur Nutzen ziehen, sei es, um einem religiösen Fundamentalismus entgegenzuwirken, der vor allem ein Feind Gottes ist; sei es, um einer „beschränkten“ Vernunft abzuhelfen, die dem Menschen nicht zur Ehre gereicht.

Sehr zahlreich und aktuell sind die Themen, in denen es meiner Überzeugung nach eine gegenseitige Bereicherung geben kann und in denen die katholische Kirche – besonders durch den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) – mit dem Europarat zusammenarbeiten und einen grundlegenden Beitrag leisten kann. Im Licht des eben Gesagten ist da zunächst der Bereich einer ethischen Reflexion über die Menschenrechte, über die nachzudenken Ihre Organisation oft gefordert ist. Ich denke besonders an die Themen, die mit dem Schutz des menschlichen Lebens zusammenhängen - heikle Fragen, die einer aufmerksamen Prüfung unterzogen werden müssen, die die Wahrheit des ganzen Menschen berücksichtigt, ohne sich auf spezifische medizinische, wissenschaftliche oder juristische Bereiche zu beschränken.

Ebenso zahlreich sind die Herausforderungen der modernen Welt, die untersucht werden müssen und eines gemeinsamen Einsatzes bedürfen, angefangen von der Aufnahme der Migranten. Sie brauchen zunächst das Lebensnotwendige; hauptsächlich aber haben sie es nötig, dass ihre Menschenwürde anerkannt wird. Dann ist da das ganze schwere Problem der Arbeit, vor allem wegen des hohen Niveaus der Jugendarbeitslosigkeit, das es in vielen Ländern gibt – eine echte Hypothek für die Zukunft –, aber auch wegen der Frage nach der Würde der Arbeit.

Ich habe den nachdrücklichen Wunsch, dass eine neue soziale und wirtschaftliche Zusammenarbeit entsteht, die frei ist von ideologischen Bedingtheiten und die der globalisierten Welt zu begegnen weiß, indem sie den Sinn für Solidarität und gegenseitige Liebe lebendig erhält, der dank des großherzigen Wirkens von Hunderten Männern und Frauen das Gesicht Europas so sehr geprägt hat. (...)

Herr Generalsekretär, Frau Präsidentin, Exzellenzen, meine Damen und Herren, der selige Papst Paul VI. hat die Kirche definiert als „Expertin in allem, was den Menschen betrifft“. In der Nachfolge Christi sucht sie in der Welt – trotz der Sünden ihrer Kinder – nichts anderes, als zu dienen und Zeugnis für die Wahrheit abzulegen. Nichts außer diesem Geist leitet uns in der Unterstützung des Weges der Menschheit.

Mit dieser Grundeinstellung möchte der Heilige Stuhl seine Zusammenarbeit mit dem Europarat fortsetzen, der heute eine grundlegende Rolle bei der Formung des Denkens zukünftiger Generationen von Europäern spielt.

Quelle: KNA

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