Hunger und Überfluss

  • © Bild: KNA
  • Rom - 20.11.2014

Papst Franziskus hat Gewinnstreben und Finanzspekulationen auf Nahrungsmittel als Ursachen für den Hunger weltweit verurteilt. Der „Primat des Profits“ und die „Priorität des Marktes“ hätten Nahrungsmittel zu einem Handelsgut wie andere degradiert, kritisierte der Papst in einer Rede am Donnerstag vor der Welternährungskonferenz in Rom.

„Die erste Sorge muss der Mensch selbst sein; all jene, denen es an der täglichen Nahrung fehlt und die aufgehört haben, ans Leben und an die familiären und sozialen Beziehungen zu denken, weil sie nur noch ums Überleben kämpfen“, sagte Franziskus auf Spanisch am Sitz der Welternährungsorganisation FAO. Die Armen bäten die Menschheit nicht um Almosen, sondern um Würde.

„Paradox des Überflusses“

Der Papst verwies auf ein Wort seines Vorgängers Johannes Paul II. (1978–2005), der bereits 1992 vor der Welternährungskonferenz an gleicher Stelle ein „Paradox des Überflusses“ beklagte. Diese Bezeichnung bleibe aktuell, sagte Franziskus. „Es gibt genug Nahrung für alle, aber nicht alle können essen, während die Verschwendung, die Vernichtung, der exzessive Konsum und der Gebrauch von Lebensmitteln zu anderen Zwecken uns allen vor Augen stehen.“

Franziskus warnte auch davor, sich von falschen Statistiken über die Auswirkungen des Hungers täuschen zu lassen. Das Thema sei sehr anfällig für Manipulationen.

Aufruf zu mehr Solidarität

Der Kampf gegen den Hunger erfordere von den Nationen mehr Solidarität untereinander. Die Menschen seien Mitverantwortliche des Schöpfungsplans und müssten deshalb respektvoll und gemeinsam handeln. Das Gleiche gilt nach seinen Worten auch für die Staaten, die heutzutage immer enger miteinander verflochten seien und „wie die Mitglieder ein und derselben Familie voneinander abhängen“. Dennoch behinderten Kriege und wirtschaftliche Auseinandersetzungen das solidarische Handeln. Franziskus kritisierte in diesem Zusammenhang auch „kleine Machtgruppen“, die in den betroffenen Ländern ihre Eigeninteressen verfolgten.

"Wir sind nicht nur Zuschauer"

Enthüllung eines Mahnmals zur Abschlussaktion der Kampagne "Wir haben den Hunger satt!"

Tobias Steiger

Gerechtigkeit und Friede hängen nach Worten von Franziskus untrennbar zusammen. Es sei möglich, die gesamte Menschheitsfamilie zu ernähren, wenn alle Staaten zusammenarbeiteten. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln dürfe nicht zu einem Mittel politischen und wirtschaftlichen Drucks werden. Zum Schluss seiner mit großem Applaus aufgenommenen Rede warnte der Papst auch vor den Folgen von Umweltzerstörung für die Ernährungssicherheit. Gott verzeihe immer, „der Mensch manchmal, die Erde jedoch niemals“.

Fettleibigkeit als globales Problem

Ein Signal der Einigkeit sendeten die Konferenzteilnehmer schon zu Beginn der Veranstaltung. Mehr als 170 Staaten verpflichteten sich am Mittwoch in der „Erklärung von Rom“ unter anderem zum Einsatz für gesündere Lebensmittel. Konkret umfasst das Dokument das Recht auf sichere, ausreichende und nahrhafte Lebensmittel. Regierungen werden zu Maßnahmen gegen alle Formen von Mangelernährung angehalten. Dazu gehören neben Hunger auch Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen sowie Fettleibigkeit.

Die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO, Margaret Chan, warnte vor den Folgen von zu viel und von ungesundem Essen. Während Millionen Menschen zu wenig zu essen hätten, drücke in anderen Teilen der Welt Fettleibigkeit die Lebenserwartung und treibe die Kosten der Gesundheitsvorsorge in „astromomische Höhen“, so Chan.

Auch das katholische Hilfswerk Misereor warnte vor einem weiteren Anstieg von Fettleibigkeit und Übergewicht. Diese Probleme würden „vor allem in Schwellenländern zunehmend zu einer Epidemie der Armen, denn frische und gesunde Lebensmittel sind teurer als fett- und zuckerreiche Produkte“, erklärte Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel zu Beginn der Konferenz am Mittwoch.

Die „Zweite Internationale Ernährungskonferenz“ wird von FAO und der Weltgesundheitsorganisation WHO in Zusammenarbeit mit mehreren weiteren internationalen Organisationen veranstaltet. Die von Mittwoch bis Freitag in Rom tagende Konferenz versteht sich als Nachfolgeveranstaltung zur Welternährungskonferenz 1992. (lek mit KNA)

Ansprache von Papst Franziskus an die Welternährungsorganisation in voller Länge

© weltkirche.katholisch.de