„In ganz Mexiko verschwinden Menschen“

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  • Mexiko-Stadt - 07.11.2014

Die Wut der Mexikaner ist fast täglich zu spüren. Auch am Mittwochabend (Ortszeit) gingen wieder Tausende auf die Straßen, um für die Aufklärung des Schicksals der 43 verschwundenen Lehramtsstudenten aus der Provinzstadt Iguala zu demonstrieren. Obwohl die Hauptverdächtigen der Tat vom 26. September inzwischen verhaftet sind, gibt es noch keine Gewissheit über den Verbleib der Opfer.

Bürgermeister Jose Luis Abarca und seine Frau Maria de los Angeles Pineda konnten am Dienstag nach wochenlanger Flucht in Mexiko-Stadt festgenommen werden. Von den mutmaßlichen Anstiftern erhoffen sich die Ermittler der Bundespolizei nun Aussagen, die zur Aufklärung des Falles beitragen. Doch die Ermittlungen kommen nur schleppend voran.

Wenig Hoffnung auf schnelle Aufklärung

Wenig Hoffnung macht der prominente mexikanische Priester Alejandro Solalinde den Hinterbliebenen. Zeugen hätten sich an ihn gewandt , die gesehen haben wollen, wie die Studenten bei lebendigem Leib verbrannt wurden. Sie hätten aber Angst gehabt, sich bei der Polizei zu melden, und ihre Kenntnisse nur ihm mitgeteilt.

Solalinde berichtete anschließend der Staatsanwaltschaft, ohne die Namen der Informanten preiszugeben. Begleitet wurde Solalinde von der Schriftstellerin und Journalistin Elena Poniatowska. Trotzdem hat der Geistliche, der sich sonst für Migranten einsetzt, wenig Hoffnung, dass seine Aussagen zu einer schnellen Aufklärung beitragen werden: „Wissen Sie, wie lange sie brauchen werden, um diese Informationen zu bestätigen? So viel politische Zeit, wie notwendig ist. Dieser Fall wird politisch manipuliert. Die Regierung wusste alles von Anfang an“, sagte der mit dem Nationalen Menschenrechtspreis ausgezeichnete Geistliche der Zeitung „El Espectador“.

„Dieser Fall wird politisch manipuliert. Die Regierung wusste alles von Anfang an.“

— Alejandro Solalinde

Nur die Spitze des Eisbergs

Der Fall der verschwundenen 43 Studenten sei nur die Spitze eines Eisberges, glaubt Solalinde. „In ganz Mexiko verschwinden Menschen. Allein 10.000 Migranten sind seit 2006 spurlos verschwunden.“ Nach Schätzungen internationaler Menschenrechtsorganisationen werden landesweit insgesamt 26.000 Menschen vermisst. Verantwortlich dafür macht der Migrantenpfarrer vor allem eine allumfassende Macht der Drogenmafia; diese habe längst alle Teile der Politik und des Staates unterwandert. Auch Sicherheitskräfte steckten mit ihr unter einer Decke. In Mexiko gebe es überall Korruption – und nur eine Politik: Gewehrkugel oder Geld.

Die mexikanische Kirche ruft unterdessen zu Solidarität mit den Angehörigen der mutmaßlich ermordeten Studenten auf. Die Erzdiözese Acapulco bietet den betroffenen Familien seelischen Beistand an. „Wir sind mit den Familien der verschwundenen Studenten aus der Region Ayutla de los Liberes bereits in Kontakt getreten“, berichtet Erzbischof Carlos Garfias Merlos. Auch die Angehörigen der übrigen Vermissten seien über die Pfarreien angesprochen worden.

Die 43 Studenten waren bei der Rückkehr von einer Spendensammlung in Iguala von Polizisten und Mitgliedern der paramilitärischen Vereinigung „Guerreros Unidos“ angegriffen worden. Die Behörden vermuten, dass Bürgermeister Abarca dies anordnete, um zu verhindern, dass sie am nächsten Tag eine Rede seiner Frau mit Protesten stören. Abarca soll ein führendes Mitglied der lokalen Mafia sein.

Von Tobias Käufer (KNA)

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