„Kongo, Benin und Kamerun könnten folgen“

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  • Aachen - 04.11.2014

Die Lage in Burkina Faso spitzt sich zu. In der vergangenen Woche gingen die Menschen gegen die Regierung von Präsident Blaise Compaoré auf die Straßen, speziell in der Hauptstadt Ouagadougou entlud sich der Zorn der Massen. Inzwischen ist der Präsident gestürzt, das Militär hat die Macht übernommen. Im Interview ordnet Misereor-Länderreferent Raoul Bagopha die Lage ein. Das katholische Hilfswerk Misereor unterstützt seit 1959 ununterbrochen Partnerorganisationen in dem westafrikanischen Land.

Frage: Herr Bagopha, in den vergangenen Jahren galten die Verhältnisse in Burkina Faso als vergleichsweise stabil. Kommen die jüngsten Unruhen überraschend für Sie?

Bagopha: Nein. Die Mehrheit vor allem der jungen Menschen in Burkina Faso hat sehr deutlich gesagt, dass sie einer weiteren Verlängerung der Amtszeit von Präsident Blaise Compaoré und der dafür erforderlichen Verfassungsänderung nicht zustimmen wird. Das Ganze war schon länger ein Thema, aber Compaoré hat sich da nie deutlich positioniert – bis jetzt. Insofern war absehbar, dass es mit dem Moment seiner Ankündigung, weiter im Amt bleiben zu wollen, zu Protesten kommen musste.

Frage: Der Präsident ist inzwischen gestürzt, Parlament, der Sitz der Regierungspartei und das Rathaus in der Hauptstadt Ouagadougou gingen in Flammen auf. Richtet sich der Zorn der Demonstranten einzig gegen den Präsidenten?

Bagopha: Die wahren Ursachen liegen tiefer. Einmal sind da die wirtschaftlichen Probleme: Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Dann gibt es eine fehlende Aufarbeitung der jüngeren Geschichte. Viele haben nicht vergessen, dass Compaoré sich 1987 gegen seinen Vorgänger Thomas Sankara an die Macht geputscht hat. Sie wollen jetzt einen geordneten Übergang an der Staatsspitze und verlangen nach Politikern, die sich an Recht und Gesetz halten.

Frage: Es gibt erste Beobachter, die von einem „Afrikanischen Frühling“ und einem Ruf nach mehr Demokratie sprechen - in Anlehnung an den „Arabischen Frühling“ von 2010/2011. Was halten Sie davon?

Bagopha: Da würde ich keine direkten Parallelen ziehen wollen. Wenn, dann sollte man bedenken, dass es im Afrika südlich der Sahara bereits in den 1990er-Jahren Demokratisierungsprozesse gegeben hat. Nur ist es da in der Zwischenzeit etwas leiser geworden. Die Regierenden haben es geschafft, die Leute abzulenken.

Frage: Also erleben wir gerade eine Art Renaissance dieser Bestrebungen?

Bagopha: In vielen Ländern haben die verantwortlichen Politiker in den 1990er-Jahren Mandatsbegrenzungen eingeführt, sozusagen als Beruhigungspille für das Volk. Aber jetzt sagen die Menschen: „Nein, das geht so nicht weiter, wir nehmen das ernst.“ Außer in Burkina Faso ist die Entwicklung ähnlich in der Demokratischen Republik Kongo, in Kongo-Brazzavile, in Benin oder in Kamerun verlaufen.

Frage: Der Konflikt in Burkina Faso könnte sich also ausweiten?

Kardinal Philippe Nakallentuba Ouedraogo, Erzbischof von Ouagadougou (Burkina Faso) KNA

Bagopha: Ja, das ist entweder die Befürchtung oder die Hoffnung – je nach Perspektive. Ganz definitiv, das kann man schon befürchten oder aus anderer Perspektive auch hoffen. Aber klar ist, dass das ein großes Thema bleibt. Die katholische Kirche in diesen Ländern hat übrigens immer wieder darauf hingewiesen, dass sich die Menschen nicht weiter hinhalten lassen. In Burkina Faso haben die Bischöfe schon 2011 davor gewarnt – direkt nach den gewaltsamen Konflikten in der Elfenbeinküste, die ganz ähnliche Ursachen hatten.

Frage: Kann die Kirche in Burkina Faso als Vermittler auftreten?

Bagopha: Momentan ist die Lage zu undurchsichtig. Aber ich glaube schon, dass die Kirche vermitteln könnte. Sie wird die weitere Entwicklung aufmerksam beobachten. Und die Menschen wissen spätestens seit dem Hirtenbrief von 2011, auf welcher Seite die Bischöfe stehen.

Frage: Wie geht es nach dem Sturz von Compaoré weiter?

Bagopha: Unsere Partner hoffen, dass sich die Situation jetzt etwas entspannen wird. Das Militär, das nun die Macht ergriffen hat, muss zu einer verfassungskonformen Lösung kommen.

Frage: Was heißt das?

Bagopha: Wahlen innerhalb der nächsten 90 Tage.

Von Joachim Heinz (KNA)

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Misereor-Partner in Burkina Faso

Weitere Informationen zu den Projekten von Misereor in Burkina Faso finden Sie auf der Webseite des Hilfswerks:

www.misereor.de