Sambia sucht einen neuen Präsidenten

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  • Lusaka - 31.10.2014

In Südafrika sind sie ein gewohnter Anblick, in Simbabwe eine etablierte Minderheit – weiße Politiker. Dass einer von ihnen im Nachbarland Sambia jetzt die Regierung führt, war dennoch auf den ersten Blick überraschend. Guy Scott übernahm nach dem Tod von Michael Sata die Amtsgeschäfte eines Interimspräsidenten. Damit ist der Ökonom das erste weiße Staatsoberhaupt in Subsahara-Afrika seit dem Fall des Apartheid-Regimes 1994.

Die Reaktionen in Sambia fallen gemischt aus. Während die einen skandieren „Mein Präsident ist weiß“, meinen die anderen, mit Scott an der Spitze verwandle sich das Land in „Nord-Rhodesien“ zurück. Unter diesem Namen firmierte die ehemalige britische Kolonie bis zur Unabhängigkeit 1964. Scott stellte klar: „Der Präsident behielt mich als seinen Vize, obwohl viele meinen Rücktritt forderten. Ich war zufällig da, als er starb.“

Der Führungswechsel in dem südafrikanischen Land war absehbar: Lange hatte Sata unter einer schweren Krankheit gelitten, über die das Regime den Schleier des Schweigens breitete. Oft flog er für medizinische Eingriffe nach Israel und Großbritannien. „Ich bin noch nicht tot“, scherzte Sata, nachdem er vor kurzem seine Rede bei der UN-Generalversammlung in New York verpasst hatte. Dort wurde er Gerüchten zufolge in seinem Hotelzimmer von einem Ärzteteam behandelt. Bei Sambias 50. Unabhängigkeitsfeier am vergangenen Freitag fehlte er ebenfalls. Am Dienstag verstarb Sata schließlich im Alter von 77 Jahren in einem Krankenhaus in London.

Ein Mann des Volkes

Unter den Sambiern genoss Sata Sympathien. Der ehemalige Eisenbahn-Angestellte, Polizist und Gewerkschaftsführer galt er als ein Mann des Volkes. Gegner fürchteten Sata vor allem wegen seiner scharfen Zunge und verpassten ihm den Spitznamen „König Cobra“: Nicht selten wurden politische Rivalen und sogar Kabinettsmitglieder die Opfer seiner verbalen Attacken. Kritiker monierten, dass er auf diese Weise lediglich Gefolgsleute aus dem eigenen Umfeld in den Zirkeln der Macht etablieren wollte.

Wie sein Vorgänger gilt auch der neue Übergangspräsident Scott, der sich bei Kundgebungen gern unter die Leute mischt, als volksnah. 1944 in Livingstone, an der Grenze zu Simbabwe, geboren, reiste Scott später nach Großbritannien, um an den Universitäten Sussex und Cambridge Wirtschaft zu studieren. Er übernimmt ein Land, das von einem größeren Konflikt bisher verschont blieb, in dem jedoch die Armut grassiert: 65 Prozent der Sambier sind arbeitslos. Mehr als die Hälfte lebt von unter einem US-Dollar am Tag. Und auf dem Human Development-Index der Vereinten Nationen rangiert Sambia auf Platz 141 von 187.

Neuwahlen innerhalb von 90 Tagen

Zeit für Reformen bleibt Scott allerdings kaum, denn im Todesfall eines Präsidenten schreibt die Verfassung Neuwahlen innerhalb von 90 Tagen vor. So erfüllte Scott lediglich seine Pflichten als Vizepräsident, indem er für den verstorbenen Sata einsprang. Doch am Rennen um das höchste Amt teilzunehmen, ist ihm verwehrt. Grund ist seine Abstammung.

Während Scott in Sambia geboren wurde, immigrierten seine Eltern um 1920 aus Schottland. Präsidentschaftskandidaten müssen jedoch nachweisen, dass beide Eltern „in Sambia geboren oder eingebürgert“ wurden. Als aussichtsreichster Nachfolger für Sata gilt Experten zufolge deswegen Verteidigungs- und Justizminister Edgar Lungu. Chancen eingeräumt werden aber auch Finanzminister Alexander Chikwanda sowie Satas Sohn Mulenga, Bürgermeister der Hauptstadt Lusaka.

Zudem steht die Opposition in den Startlöchern. Einen Neuanfang erhofft sich neben der Vereinten Partei für Nationale Entwicklung (UPND), die bei den Wahlen 2011 drittstärkste Kraft wurde, auch die Bewegung für Multiparteiendemokratie (MMD). Die MMD löste den Staatsgründer Kenneth Kaunda nach 27 Jahren an der Macht ab. Zwei Jahrzehnte blieb die Partei daraufhin an der Spitze, bis sie 2011 gegen Satas Patriotische Front (PF) verlor. MMD-Chef und Ex-Präsident Rupiah Banda ließ trotz schwerer Korruptionsvorwürfe bereits verlauten: „Ich bin durchaus berechtigt, bei Neuwahlen anzutreten.“

Von Markus Schönherr (KNA)

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