Auf der Suche nach den verschleppten Kindern

  • Buenos Aires - 30.10.2014

Die neue Entschlossenheit ist nun auch für das argentinische Fernsehen festgehalten. Erzbischof Jose Maria Arancedo von Santa Fe de la Vera Cruz hat gemeinsam mit den Großmüttern der „Plaza de Mayo“ einen Video-Spot aufgenommen. Darin ruft der Vorsitzende der Argentinischen Bischofskonferenz an der Seite von zwei Bürgerrechtlerinnen seine Landsleute dazu auf, sich aktiv an der Aufklärung des Schicksals der verschleppten Kinder aus der Zeit der argentinischen Militärdiktatur (1976–1983) zu beteiligen.

„Wir fordern all jene Menschen auf, die Daten über den Verbleib der geraubten Kinder oder Kenntnis über geheime Grabstätten haben, dass sie ihre ethische Pflicht anerkennen, die zuständigen Behörden einzuschalten“, appelliert Arancedo an die Zuschauer. Dass die katholische Kirche und Menschenrechtsorganisationen gemeinsam eines der dunkelsten Kapitel der argentinischen Militärdiktatur aufarbeiten wollen, bedeutet eine Wende für das einst angespannte Verhältnis zwischen beiden Seiten.

Damals kamen laut Schätzungen mindestens 500 Kinder von Regimegegnern in Gefängnissen und Folterlagern zu Welt. Die Neugeborenen wurden systematisch von den Eltern getrennt und an meist unwissende Adoptiveltern übergeben. Der Kindesraub war eine besonders perfide Form der Folter. Die „Großmütter der Plaza de Mayo“ versuchen seit langem, diese Verbrechen aufzuklären.

Papst Franziskus KNA

Franziskus: Zählt auf mich

Die Kooperation zwischen Menschenrechtsorganisationen und den Spitzen der argentinischen Kirche ist vor allem dem Engagement von Papst Franziskus zu verdanken. „Zählt auf mich, ich stehe zu eurer Verfügung“, hatte das aus Argentinien stammende Kirchenoberhaupt der Sprecherin der „Großmütter der Plaza de Mayo“, Estela de Carlotto, im vergangenen Jahr versprochen. De Carlotto war eigens nach Rom gekommen, um mit dem Papst über ihre Arbeit zu sprechen.

Seitdem hat die argentinische Kirche einen neuen Kurs eingeschlagen. Es sei bedauerlich, dass es fast 40 Jahre lang ein „Netzwerk des Schweigens und der Komplizenschaft“ gegeben habe, sagte Sozialbischof Jorge Lozano vor wenigen Tagen. „Es gibt immer noch 400 Familien, die ihre verschwundenen Enkel suchen, weil sie deren leiblichen Eltern während der Epoche des Terrors weggenommen wurden“, betonte der Bischof und mahnte mehr Engagement an. „Wir können nicht gleichgültig gegenüber einer Realität sein, die uns alle schmerzt.“

Erst im August hatte Estela de Carlotto selbst ihren Enkel Ignacio Montoya Carlotto wiedergefunden. Die verwandtschaftlichen Bande konnten über einen Gentest zweifelsfrei nachgewiesen werden. Der Fall hatte die argentinische Öffentlichkeit tief bewegt. Der 36-jährige Musiker hatte sich selbst bei den „Großmüttern“ gemeldet, nachdem ihm seine Adoptiveltern mitgeteilt hatten, dass er nicht ihr leiblicher Sohn sei.

Gentests helfen bei der Aufklärung

Die Bürgerrechtsorganisation verfügt über eine Art Gendatenbank, mit der sich die Identität von geraubten Kindern nachprüfen lässt. Die Gentests sind freiwillig und vertraulich und werden nur mit dem Einverständnis der Betroffenen durchgeführt. Nahezu alle Kinder, die während der Militärdiktatur geraubt wurden, sind über ihre tatsächliche Herkunft nicht informiert.

Nicht zuletzt deswegen kommt dem Aufruf der Kirche so große Bedeutung zu. De Carlottos Tochter Laura war am 25. August 1978 zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes in einem Militärgefängnis ermordet worden. Ihr Baby landete anschließend bei Adoptiveltern. "Ich wollte nicht sterben, ohne meinen Enkel einmal umarmt zu haben", sagte de Carlotto.

Der erfolgreich geklärte Fall hat zusätzlichen Schwung in die Aufklärungsarbeit gebracht. Außer der Kirche und vielen Künstlern hatten sich zuletzt auch die Spieler der argentinischen Fußball-Nationalmannschaft vor der WM in Brasilien gemeinsam mit Estela de Carlotto für eine Aufarbeitung der Vergangenheit und die Durchführung von Gentests eingesetzt.

Von Tobias Käufer (KNA)

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