Eine moralische Autorität ohne Macht und Einfluss?

  • Berlin - 28.10.2014

Sind die Kirchen in der Ukraine eine moralische Macht, aber ohne auf die aktuelle politische Krise Einfluss nehmen zu können? Mit dieser Frage beschäftigte sich ein Ukraine-Podium, zu dem das katholische Osteuropa-Hilfswerk Renovabis und die Katholische Akademie in Berlin eingeladen hatten.

Über die wichtige Rolle der Kirchen während der „Revolution der Würde“ im Frühjahr war man sich einig, denn auf dem Kiewer Majdan waren die christlichen Kirchen an der Seite ihrer Gläubigen. Bischöfe, Priester und kirchliche Organisationen haben mit den Menschen gebetet, Kirchenräume für Demonstranten geöffnet, Lebensmittel verteilt und – über den Allukrainischen Rat der Kirchen – auch mit Vertretern der Politik verhandelt. Die Kirchen versuchten deeskalierend und integrierend zu wirken; dabei hat sich ihre Zusammenarbeit intensiviert.

Im Vergleich zu 2004 („Orangene Revolution“) hätten die Kirchen viel dazu gelernt, meinte Pfarrer Dr. Andrij Mykahleyko, Kirchenhistoriker und Priester der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche. Ein Beleg dafür: Seit Dezember 2013 habe es allein 14 gemeinsame Stellungnahmen der Kirchen in der Ukraine gegeben. Und nach aktuellen Umfragen sei – mit mehr als 63 Prozent – das Vertrauen der Menschen in die Kirchen sehr groß. Die Kirchen könnten vorleben, wie man in der angespannten Krisensituation weiter zusammenarbeiten könne.

Insbesondere während des Majdan (in Kiew und zahlreichen anderen Städten) habe es „einen breiten Konsens für den Protest gegeben“, betonte Dr. Sergii Bortnyk vom Auslandsamt der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats. Eine „gewisse Lagerbildung“ habe sich erst später entwickelt; Vertreter der Orthodoxen Kirche hätten sich „auf beiden Seiten“ des Majdan um die Menschen gekümmert.

Die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Kirchen war für Bischof Stanislav Szyrokoradiuk eine der schönsten Erfahrungen ökumenischer Gemeinsamkeit. Haneke/Renovabis

Schöne Erfahrung der ökumenischen Gemeinsamkeit

Als Vertreter der römisch-katholischen Kirche begrüßte Bischof Stanislav Szyrokoradiuk (Diözese Charkiv-Saporoshe), dass gerade die Orthodoxe Kirche nach dem Beginn der gewaltsamen Auseinandersetzungen ihre Türen geöffnet und Hospitäler eingerichtet habe – ebenso dann auch die anderen Kirchen und Konfessionen. Das sei für ihn „eine der schönsten Erfahrungen ökumenischer Gemeinsamkeit“ gewesen. Bischof Stanislav meinte auch, man könne eigentlich nicht „von einer Spaltung der Ukraine in verschiedene Lager“ sprechen – es gebe keinen „inneren Konflikt“ in der Ukraine, dieser werde nur künstlich aufgebauscht. Dabei handele es sich, betonte Andrij Mykahleyko, um einen „Propagandakrieg“.

Auch wenn Teilnehmer des Podiums, moderiert von der Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Dr. Gabriele Freitag, sich einig darin waren, dass es „eine ukrainische Nation“ gebe, unterschieden sie sich doch in gewissen Akzentuierungen. Die Ukraine sei „groß und kompliziert“, meinte Sergii Bortnyk, und es habe auch „Anti-Majdane“ gegeben. Ethnische Differenzen bestünden durchaus, sie hätten im gegenwärtigen Konflikt allerdings an Gewicht gewonnen und würden auch instrumentalisiert. Andrij Mykahleyko mahnte, mit Begriffen wie „Nationalismus“ oder gar „Faschismus“ solle man vorsichtig umgehen. Der sogenannte „rechte Sektor“ habe bei der Präsidentschaftswahl gerade mal zwei Prozent erreicht.

Die Wahrheit sagen und auch Fehler eingestehen

Aktuell kümmern sich die Kirchen um die zahlreichen Binnenflüchtlinge, Zehntausende hätten – so Stanislav Szyrokoradiuk – verursacht durch die Kämpfe in der Ostukraine in der Stadt Charkiv Zuflucht gefunden. Angesichts des bevorstehenden Winters müsse nun entsprechende Vorsorge (Kleidung, Lebensmittel etc.) getroffen werden. Einig sind sich die Kirchen in der Ukraine im nicht nachlassenden gemeinsamen Gebet für den Frieden.

Einigkeit herrschte unter den Diskutanten auch darüber, dass die Kirchen ihr Ansehen und ihre Autorität für Frieden und Versöhnung einsetzen müssen. Sie dürften sich nicht als „Dekoration“ (Mykahleyko) oder nur für „die heilige Atmosphäre“ (Bortnyk) zuständig begreifen, sondern müssten die Wahrheit sagen und auch Fehler der Vergangenheit eingestehen (Szyrokoradiuk).

Von Burkhard Haneke, Geschäftsführer von Renovabis

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