„Absolut unzureichend“

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  • Aachen - 24.10.2014

Nach harten Verhandlungen haben sich die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union auf ein umfassendes Klima- und Energiepaket mit Zielen bis 2030 geeinigt. Damit legt die EU vor dem großen UN-Klimagipfel 2015 in Paris als erster Staatenverbund gemeinsame Ziele fest. Im Gespräch mit dem Internetportal Weltkirche erklärt Misereor -Expertin Anika Schroeder, warum die Beschlüsse der EU den Namen „Klimaschutz-Paket“ kaum verdient haben und trotzdem Hoffnung machen.

Frage: Wie bewerten Sie die Ergebnisse des EU-Klimagipfels?

Schroeder: Die vereinbarten Ziele sind absolut unzureichend. Sie beschreiben – auch wegen bestehender Schlupflöcher – lediglich das, was ohnehin eintritt, wenn keine zusätzlichen gesetzlichen Regelungen getroffen werden. Die EU hat sich somit Ziele gesetzt, die ohnehin erreicht werden. Das ist lächerlich und verdient fast den Namen „Klimaschutz-Paket“ nicht. So haben sich die Staats- und Regierungschefs beispielsweise nur auf mindestens 40 Prozent weniger Treibhausgase im Vergleich zu 1990 einigen können. Um die globale Erwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, wäre ein fairer Beitrag der EU, die Emissionen bis 2030 um mehr als 50 Prozent zu reduzieren.

Frage: Gibt es auch Positives zu berichten?

Schroeder: Ja – und das ist das Wort „mindestens“ beim 40-Prozent-Ziel. Dieses Wort zu erhalten, war ein langer Kampf. Es öffnet den Weg hin zu einer Korrektur nach oben. Allerdings muss diese Verbesserung dringend schon vor dem Weltklimagipfel 2015 in Paris stattfinden. Nur mit den Angeboten, die man in diese Verhandlungen mitbringt, können auch andere Länder für eigenes ambitionierteres Handeln im Klimaschutz gewonnen werden.

Frage: Deutschland wollte ursprünglich ehrgeizigere Klimaziele durchsetzen. Hat die Bundesregierung in Brüssel zu wenig ambitioniert verhandelt?

Anika Schroeder ist Referentin für Klimawandel und Entwicklung beim katholischen Hilfswerk Misereor. Misereor

Schroeder: Die Bundesregierung ist im eigenen Land, auf EU-Ebene und international in den vergangenen Jahren in ihrer Führungsrolle und ihrem Engagement zurückgefallen. Bundeskanzlerin Merkel hat das Thema „Klimaschutz“ sehr lange den Ressorts überlassen, die sich untereinander nicht einig waren. Somit hat Deutschland auf EU-Ebene häufig gar nicht mit einer Stimme gesprochen. Das änderte sich zum Glück in den vergangenen Wochen und Monaten. Den Erhalt des Wortes „mindestens“ im Treibhausgas-Ziel der EU beispielsweise haben wir dem Einsatz der Bundesregierung zu verdanken. Ich hoffe, dass sich dieses sichtbare Engagement jetzt auch fortsetzt.

Frage: Auf der UN-Klimakonferenz im kommenden Jahr in Paris sollen weltweit neue verbindliche Klimaziele festgelegt werden. Was bedeuten die Beschlüsse des EU-Klimagipfels mit Blick auf die Verhandlungen 2015 in Paris?

Schroeder: Es wird ziemlich schwierig sein, mit dieser Vorlage von den Schwellenländern Klimaschutzengagement einzufordern. Sie haben historisch weniger zum Klimawandel beigetragen und immer noch geringere Pro-Kopf-Emissionen als die Industrieländer. Zudem leben in vielen Schwellenstaaten noch immer Millionen von Menschen ohne Zugang zu Energie. Insofern muss von der EU eigentlich mehr kommen. Die Formulierung „mindestens“ gibt zwar einen gewissen Spielraum. Diesen zu nutzen wird jedoch gerade mit Blick auf die osteuropäischen Länder nicht ganz einfach. Letztlich bedarf es hier auch einer geschickten Verhandlungstaktik seitens der westeuropäischen Länder, wie man die Osteuropäer noch besser mit ins Boot holen kann.

Starkniederschläge nehmen in Haiti zu und erschweren nicht nur die Autofahrt. KNA/Misereor

Frage: Wie begleitet Misereor den Prozess hin zu den neuen Klimaschutzzielen?

Schroeder: International arbeiten wir mit unseren Partnerorganisationen daran, dass sie beim Thema „Klimaschutz“ politisch Einfluss nehmen können. In Indien, Brasilien oder Südafrika etwa diskutieren Misereor-Partner mit ihren Regierungen die Frage, wie viel Klimaschutz im eigenen Land geleistet werden kann. Darüber hinaus unterstützen wir diejenigen, die schon heute unter den Folgen des Klimawandels leiden. Wir versuchen zum einen, die Situationen vor Ort zu verbessern. Zum anderen unterstützen wir unsere Partner dabei, sich auf internationaler Ebene zu engagieren und darzustellen, was der Klimawandel in ihren Heimatländern bewirkt.

Darüber hinaus ist Misereor gemeinsam mit anderen Umweltverbänden auch auf EU-Ebene aktiv. Wir versuchen, deutlich zu machen, dass Klimaschutz eben nicht nur eine Sache von Zahlen, Daten und Fakten ist, sondern dass sich dahinter Menschenleben verbergen.

Frage: Welchen Klimaschutz-Beitrag leistet die Kirche in ihren Partnerländern?

Schroeder: Die Kirchen in unseren Partnerländern unterstützen Menschen darin, mit den veränderten klimatischen Bedingungen umzugehen, zum Beispiel wenn es darum geht, trotz später eintretender Regenzeiten und Dürreperioden ausreichend Ernten einzufahren. Leider müssen unsere Partner dabei immer mehr Zeit für Katastrophenvorsorge und -hilfe aufbringen, weil die Unwetter häufiger und heftiger werden.

Zugleich sind Vertreter regionaler Bischofskonferenzen auch bei internationalen Klimaverhandlungen präsent. So konnte letztes Jahr in Polen am Rande der dort stattfindenden Klimakonferenz ein Seminar mit weltkirchlichen Akteuren in Warschau stattfinden, um polnische Christen für den Klimaschutz zu gewinnen. In einer Messe wurde gemeinsam für die Bewahrung der Schöpfung gebetet. In Gesprächen mit Regierungsdelegationen bringen Bischöfe die Stimme der vom Klimawandel Betroffenen ein und erhalten zugleich Hinweise, welche Beiträge die Kirche in den jeweiligen Ländern leisten kann, um die Klimakrise zu begrenzen.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

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