„Wir Opfer bergen ein großes Potenzial“

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  • Bogotà - 23.10.2014

Die mit dem deutsch-französischen Menschenrechtspreis „Antonio Narino“ ausgezeichnete kolumbianische Friedensaktivistin Yanette Bautista gehörte zur ersten Opferdelegation , die in der kubanischen Hauptstadt Havanna an den Friedensgesprächen zwischen der linksgerichteten Guerilla-Organisation FARC und der kolumbianischen Regierung teilnahm. Mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sprach Bautista in Bogotà über Morddrohungen, ihr Vertrauen in Präsident Manuel Santos und die Chancen auf ein Ende des bewaffneten Konflikts.

Frage: Frau Bautista, was genau ist die Aufgabe Ihrer Institution?

Bautista: Ich bin Direktorin der Stiftung Nydia-Erika-Bautista, die den Namen meiner ermordeten Schwester trägt. Wir sind eine Organisation, die sich seit mehr als 25 Jahren der Suche nach den verschwundenen Opfern des bewaffneten Konfliktes widmet. Opfer helfen Opfern. Unsere Hilfe ist vor allem juristischer Natur, um all jenen Familien Hilfestellung zu leisten, die Angehörige verloren haben.

Frage: Sie haben vor ein paar Wochen Morddrohungen erhalten und wurden von Ex-Präsident Alvaro Uribe beschuldigt, eine Guerilla-Kämpferin zu sein.

Bautista: Ich war nie eine Guerilla-Kämpferin, ich habe nie einer illegalen Gruppe angehört. Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehabt. Alles, was ich mein ganzes Leben lang getan habe, ist, die vermissten und verschwundenen Menschen des bewaffneten Konfliktes zu suchen.

Frage: Wie erklären Sie sich die Vorwürfe von Uribe?

Bautista: Ich bin von den Vereinten Nationen, der kolumbianischen Bischofskonferenz und der Nationalen Universität als eines von zwölf Opfern ausgesucht worden, die in der ersten Delegation in Havanna an den Friedensgesprächen teilnehmen durften. Dort habe ich über den Fall meiner Schwester berichtet, die von Paramilitärs ermordet wurde. Danach erhielt ich per E-Mail Morddrohungen der paramilitärischen Gruppe „Aguilas Negras“. In diese Zeit fiel auch mein Antrag der Wiederaufnahme der Ermittlungen gegen 16 Armeeangehörige, die unserer Auffassung nach für das Verschwinden meiner Schwester verantwortlich sind. Ex-Präsident Uribe will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er will die Opfer in Misskredit bringen und uns zum Schweigen bringen.

Juan Manuel Santos, Präsident von Kolumbien KNA

Frage: Wie waren Ihre persönlichen Eindrücke von den Gesprächen in Havanna?

Bautista: Die Reise nach Kuba war eine außergewöhnliche Erfahrung, denn meiner Meinung nach war es das erste Mal, dass Opfer und Täter im Beisein von internationalen Beobachterländern gemeinsam an einem Tisch saßen. Wir haben den Delegationen konkrete Fragen stellen können. Ich habe die Generäle nach meiner Schwester gefragt. Denn die Armee ist für das Verschwinden meiner Schwester verantwortlich. Ich wollte wissen, warum sie nackt verscharrt wurde.

Frage: Welche Rolle können die Opfer bei diesen Friedensgesprächen und einer möglichen Versöhnung spielen?

Bautista: Ich glaube, die Gruppe der Opfer hat ein großes Potenzial. Das Land ist sehr polarisiert. Aber die katholische Kirche und die anderen Organisationen haben bei der Auswahl sehr gute Arbeit gemacht, denn es waren in Havanna alle Opfergruppen vertreten. Die Opfer der Guerilla und die Opfer der Paramilitärs und des Staates. Wir haben geweint, als wir die Geschichten der FARC-Opfer gehört haben, und sie haben geweint, als wir über die Taten der Paramilitärs berichteten. Deswegen haben wir anschließend eine gemeinsame Stellungnahme veröffentlicht, in der wir betont haben, dass wir im Schmerz vereint sind.

Frage: Haben Sie Vertrauen in Präsident Juan Manuel Santos? Glauben Sie, dass es eine Chance auf einen Erfolg der Gespräche gibt?

Bautista: Ich habe grundsätzliches Vertrauen in seine Person. Ich glaube, dass er das Schiff in die richtige Richtung steuert. Was mich besorgt, ist, dass er sich für Straflosigkeit des Militärs einsetzt. Ich sage aber auch: Der Frieden ist jede Anstrengung wert.

Von Tobias Käufer

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