Abwarten und Tee trinken?

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  • Berlin/Aachen - 15.10.2014

Kenner schwärmen von einer hellen bis mittleren Tassenfarbe und feinwürzigem Geschmack. Tee aus der Region um Darjeeling im vorderen Himalaya gilt vielen Experten als Gipfel des Genusses. Die Gärten im Nordosten Indiens blicken auf eine über 150-jährige Tradition zurück. Bei Auktionen erzielt die Ernte aus den Spitzengewächsen umgerechnet meist deutlich über 50 Euro pro Kilo. Aber eine am Dienstag in Berlin vorgestellte Studie dürfte manchem Teefreund bitter aufstoßen.

Aus idyllisch in Hochtälern gelegenen Gärten werden Plantagen, in denen nicht selten Pestizide in großem Stil zum Einsatz kommen. Und aus Pflückerinnen und Pflückern, die in traditionellen Gewändern die Blätter in Körben sammeln, werden billige Arbeitskräfte, die von ihrem Lohn kaum mehr sich selbst, geschweige denn ihre Familien ernähren können. Das Problem betrifft keinesfalls nur die Teepflücker, sondern auch ihre Kollegen auf Palmölplantagen, Zuckerrohrfeldern oder in Bananenpflanzungen. Rund 200 Millionen Landarbeiter weltweit leiden Hunger.

Neue Misereor-Studie „Hunger ernten – Plantagenarbeiter und das Recht auf Nahrung“

Zum bevorstehenden Welternährungstag am Donnerstag wollen die Hilfswerke Misereor und FIAN sowie der internationale Dachverband der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten IUF mit ihrer Untersuchung „Harvesting Hunger – Plantation Workers and the Right to Food“ („Hunger ernten – Plantagenarbeiter und das Recht auf Nahrung“) die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisieren. Denn die Gruppe der Landarbeiter werde bislang von der Entwicklungspolitik „komplett ignoriert“, heißt es.

Die Situation der Teebranche in den Mittelpunkt zu stellen, lag nahe. Nach Wasser ist Tee das meist konsumierte Getränk rund um den Globus. Im vergangenen Jahr lag die Gesamtproduktion bei 4,8 Millionen Tonnen. Neben Indien ist China einer der wichtigsten Spieler auf dem Markt, aber auch kleinere Anbaugebiete etwa in Kenia oder Sri Lanka mischen im Welthandel mit.

Erntehelfer erhalten weniger als ein Prozent des Tee-Endpreises

Obwohl die Nachfrage immens ist, kommt bei den einfachen Arbeitern laut Studie so gut wie nichts davon an. Vom Tee-Endpreis landet weniger als ein Prozent bei den Erntehelfern. Supermärkte und Einzelhändler streichen im Schnitt 53 Prozent ein. Der wirtschaftliche Druck, der auf den Plantagenbetreibern lastet, ist groß. Zudem nimmt die Konzentration in dem Geschäft zu. So gibt es lediglich drei große Auktionshäuser, in denen die Tee-Ernte gehandelt wird. Die Vermarktung liegt zu 80 Prozent in der Hand dreier Konzerne.

Gesetze und internationale Übereinkünfte zum Schutz der Arbeiter gibt es zwar. Doch die werden meist nicht eingehalten. So müssen sich Pflücker mit befristeten Verträgen und Dumpinglöhnen über Wasser halten. Zwölf-Stunden-Schichten, sexuelle Belästigung von Frauen und eine Unterbringung in ärmlichen Unterkünften kennzeichnen allzu oft die Arbeitsbedingungen.

In Plantagengebieten ist jedes dritte Kind unterentwickelt

Zu spüren bekommen das auch die Jüngsten. Die chronische Mangelernährung von Kindern unter fünf Jahren liegt in fast allen Kernregionen der Teeproduktion in Sri Lanka, Kenia und Indien bei über 30 Prozent. Amtliche Daten aus Sri Lanka besagen, dass in Plantagengebieten jedes dritte Kind unterentwickelt ist. Im nationalen Durchschnitt betrifft das nur jedes neunte Kind in ländlichen Regionen.

Die Autoren der Studie fordern unter anderem die Bundesregierung auf, mehr Druck auf die Lebensmittelbranche in Deutschland auszuüben, damit diese ihre Zulieferer besser kontrollieren. Vorbild soll die von Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) angestoßene Initiative in der Textilindustrie sein. Aber dieser Prozess stockt. Händler wie TeeGschwendner, Betreiber der Kette „Der Teeladen“, bezweifeln zudem, dass ein rein deutscher Ansatz weiterführt.

„Bis es zu einer europäischen Lösung für Arbeitsbedingungen kommt, sehen wir die Verantwortung in den Händen der Unternehmen“, sagt Tea-Taster Daniel Mack. Das Unternehmen aus Meckenheim bei Bonn gibt an, die Lieferkette „bis zur einzelnen Pflücksektion“ zurückverfolgen zu können. Das wäre ein wichtiger Schritt. Doch davon ist die gesamte Branche wohl noch weit entfernt. TeeGschwendner ist Fachhändler für handgepflückten Blatt-Tee – und spricht damit lediglich für 0,5 Prozent der Tee-Ernte weltweit.

Von Joachim Heinz

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