Hongkongs „Regenschirm-Revolution“

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  • Vatikanstadt - 01.10.2014

In Hongkong halten die Proteste an: Seit fünf Tagen sind die Menschen auf den Straßen und demonstrieren für mehr Demokratie in der Sonderverwaltungszone. Die Innenstadt ist gesperrt, Schulen und Kindergarten blieben zu. Der katholische Bischof von Hongkong, Kardinal John Tong, hat die Gewalt gegen Demonstranten kritisiert und zugleich die Demonstranten dazu aufgerufen, friedlich zu bleiben. Oberste Priorität müsse die Sicherheit der Bürger haben.

Es sind die ersten größeren Studentenproteste in China seit den blutig niedergeschlagenen Demonstrationen von 1989. Die Stichworte und Hashtags der aktuellen Bewegung heißen #OccupyHongKong , #OccupyCentral und #Umbrella-Revolution . „Regenschirm-Revolution“ deshalb, weil sich die Studenten mit Regenschirmen gegen Tränengas, Gummigeschosse und Pfefferspray der Polizei verteidigen. Radio Vatikan hat am Dienstag Pater Jim Mulroney (SSC) in Hongkong erreicht. Er erzählt, dass die Atmosphäre in der Großstadt „elektrisierend“ sei und die Menschen eine unglaubliche Entschlossenheit zeigten:

„Ich bin gerade mit dem Taxi ins Büro gefahren, und der Taxifahrer fragte mich: „Verstehen Sie, was in Hongkong gerade passiert? Und ich sagte: ‚Ja, das tue ich. Ich war gestern auch bei den Demonstrationen dabei.‘ Ich fragte ihn, ob er gestern auch dabei war. Und er sagte: ‚Ja, das war ich, und ich werde auch heute Nacht wieder hingehen‘. Er sagte das mit einer Entschlossenheit in seinen Augen, und diese starke Entschlossenheit haben so viele Menschen. Montagnacht waren mindestens 200.000 Menschen auf den Straßen!“

Wie geht es weiter?

Die Demonstranten fordern von der Zentralregierung in Peking die Rücknahme einer umstrittenen Wahlreform. Sie kritisieren vor allem, dass bei der nächsten Abstimmung über einen Regierungschef für Hongkong im Jahr 2017 nur von Peking vorab ausgewählte Kandidaten antreten dürfen.

„Die große Frage ist: Wie geht es jetzt weiter? Die Regierung von Hongkong ist nicht sehr gut in der Planung von Sachen, sie hat einfach keinen nachvollziehbaren Plan. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass sie nicht frei genug ist und von anderen abhängt, und dass die Regierung aus Peking die Planung für sie übernimmt.“

Kirche als Schutzraum

In der Nacht auf Dienstag hat sich die Polizei weitgehend zurückgehalten, um weitere Konfrontationen zu vermeiden. Die Stimmen werden jedoch lauter werden und die erhobenen Hände werden mehr, berichtet Pater Mulroney. Die Kirche übernehme im Zentrum von Hongkong die Funktion eines Schutzraumes, bleibe aber politisch neutral, so der Pater. Viele rechneten mit einem härteren Durchgreifen der Sicherheitskräfte, doch die Demonstranten wollten nicht gehen. Aus ihrer Sicht sei die Nacht ab Mittwoch besonders wichtig:

„Morgen ist der chinesische Nationalfeiertag; die Menschen werden auf der Straße bleiben, und auch den darauffolgenden Tag werden es, meiner Meinung nach, mehr Demonstranten werden. Es wird eine Menschenmasse sein, die die Hälfte der Stadt füllen wird. Es wird auch Gebetstreffen und Nachtwachen in einigen von Hongkongs Kirchen Sonntagnacht geben. Einige Kirchen in der Nähe der Demonstrationen sind auch jetzt schon eine große Unterstützung. Sie wurden als eine Art ‚Pausenraum‘ genützt, die jüngeren Menschen der Pfarrei sind vor Ort, und es gibt für die Demonstranten Getränke und auch etwas zu essen. Sie können dort Erholung suchen, mit jemandem sprechen oder beten – ganz nach ihren Bedürfnissen. Die Kirche hier unterstützt das Recht der Menschen, zu demonstrieren, und wird dies weiterhin tun.“

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