Europa-Premiere nach anderthalb Jahren

  • © Bild: KNA
  • Rom - 19.09.2014

Der erste Papst aus der Neuen Welt hat den Alten Kontinent anderthalb Jahre warten lassen. Doch am Sonntag unternimmt er einen elfstündigen Tagesausflug nach Albanien und damit 18 Monate nach Amtsantritt seine erste Reise in ein europäisches Land abgesehen von Italien. Obwohl Albanien im sogenannten christlichen Europa liegt, trifft das mittlerweile geflügelte Wort des Papstes von den „Randgebieten“ auf kein bisheriges Ziel seiner Auslandsreisen mehr zu als auf das bitterarme und jahrzehntelang abgeschottete Land.

Albanien ist der einzige Staat Europas außer dem Kosovo mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit. Nirgendwo in Osteuropa setzten die kommunistischen Machthaber der katholischen Kirche zudem so zu wie in dem „ersten atheistischen Staat der Welt“.

Franziskus will mit der Reise nach eigenem Bekunden ein Zeichen für den Dialog zwischen den Religionen setzen. Im August, auf dem Rückflug von Seoul, würdigte er vor Journalisten die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit aus Muslimen sowie katholischen und orthodoxen Christen in Albanien, auch die Arbeit des interreligiösen Rats dort. „Die Präsenz des Papstes soll allen Völkern zeigen, dass man zusammenarbeiten kann“, so Franziskus damals. Seiner Begegnung mit führenden Repräsentanten von sechs Glaubensgemeinschaften in der katholischen Universität von Tirana dürfte daher besondere Bedeutung zukommen.

Das Land von Mutter Teresa

Als mögliches „Modell für den Balkan“ bezeichnete der Erzbischof von Tirana, Rrok Kola Mirdita, jüngst das friedliche Zusammenleben der Religionen in dem mehrheitlich muslimischen Land, dessen einziger größerer Flughafen in Tirana nach der katholischen Ordensfrau Mutter Teresa benannt ist. Von den rund drei Millionen Einwohnern Albaniens sind 60 Prozent Muslime; etwa ein Sechstel sind katholisch, rund 20 Prozent orthodoxe Christen.

Der zweite Grund für die Papstreise ist die besondere Leidensgeschichte der katholischen Kirche in Albanien. Franziskus wolle deren Märtyrer ehren, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi am Montag. Derzeit läuft ein Seligsprechungsverfahren für 40 Priester und weitere katholische Opfer, die während der kommunistischen Herrschaft ums Leben kamen und als Märtyrer anerkannt werden sollen.

Schwester Maria Kaleta (85) taufte in der Zeit des Kommunismus zahlreiche Kinder, obwohl dies streng verboten war. Jetzt trifft sie Papst Franziskus, um ihm ihre Geschichte vorzustellen. KNA

„Erster atheistischer Staat der Welt“

Franziskus selbst hatte schon bei der Ankündigung der Reise im Juni gesagt, er wolle die Ortskirche stärken, die lange Zeit „unter den Konsequenzen vergangener Ideologien“ habe leiden müssen. Präsident Enver Hodscha hatte Albanien 1967 zum „ersten atheistischen Staat der Welt“ erklärt und den Atheismus in der Verfassung festgeschrieben. Für ein Kreuzzeichen in der Öffentlichkeit drohten 25 Jahre Gefängnis, und auf einen Rosenkranz in der Tasche oder ein Kreuz im Haus stand die sofortige Erschießung.

Auch die materiellen Schäden sind noch nicht verwunden: Heute, beinahe 25 Jahre nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft, sind etliche Immobilien der katholischen Kirche, die in kommunistischer Zeit enteignet wurden, immer noch nicht zurückerstattet worden.

Maria Kaleta wird dem Papst von dieser Schreckenszeit für die katholische Kirche berichten. Die 85 Jahre alte Ordensfrau, die in der kommunistischen Ära rund 100 Kinder heimlich getauft hat, trägt während eines Gottesdienstes in Tirana dem Papst ihr Lebenszeugnis vor.

Europa stand bisher nicht im Zentrum

Oft heißt es, dass Europa im Pontifikat des argentinischen Papstes eine weniger wichtige Rolle spiele als zuvor. Auch der vergleichsweise späte Zeitpunkt von Franziskus'' erster Europa-Reise scheint diese These zu stützen. Sein Vorgänger Benedikt XVI. (2005-2013) unternahm seine ersten vier Auslandsreisen innerhalb Europas. Johannes Paul II. (1978-2005) reiste zwar zuerst ebenfalls nach Lateinamerika, die zweite und dritte Auslandsreise führten ihn jedoch in die katholischen Länder Polen und Irland.

Franziskus besuchte erst Lateinamerika sowie den Nahen und Fernen Osten, bevor er jetzt Europa seine erste Aufwartung macht. Sein nächstes Ziel nach Albanien liegt allerdings wirklich im Herzen des Alten Kontinents: Es ist das Europäische Parlament in Straßburg.

Von Thomas Jansen

© KNA

Alles zur Papstreise

Das Osteuropa-Hilfswerk Renovabis hat ein umfangreiches Dossier zur Papstreise zusammengestellt:

www.renovabis.de

Das Programm von Papst Franziskus

Papst Franziskus besucht am 21. September Albanien: Das ist sein Tagesprogramm:

7.30 Uhr Abflug vom Flughafen Rom-Fiumicino nach Tirana

9.00 Uhr Ankunft auf dem Internationalen Flughafen „Mutter Teresa“ von Tirana; Offizieller Empfang durch Ministerpräsident Edi Rama

9.30 Uhr Begrüßungszeremonie auf dem Platz des Präsidentenpalastes Höflichkeitsbesuch bei Staatspräsident Bujar Nishani im „Grünen Studio“ des Präsidentenpalastes

10.00 Uhr Begegnung mit den Autoritäten im Empfangssalon des Präsidentenpalastes; Ansprache des Papstes

11.00 Uhr Heilige Messe auf dem Mutter-Teresa-Platz; Predigt des Papstes und Angelus-Gebet

13.30 Uhr Begegnung und Mittagessen mit den albanischen Bischöfen und dem päpstlichen Gefolge in der Apostolischen Nuntiatur

16.00 Uhr Treffen mit den Führern anderer Religionen und christlicher Konfessionen in der katholischen Universität „Unsere Frau des guten Rates“; Ansprache des Papstes

17.00 Uhr Vespergottesdienst mit Priestern, Ordensleuten, Seminaristen und kirchlichen Bewegungen in der Kathedrale von Tirana; Ansprache des Papstes

18.30 Uhr Begegnung mit Kindern des „Bethanien-Zentrums“ und mit einer Delegation von betreuten Kindern anderer karitativer Einrichtungen Albaniens in der Kirche des „Bethanien-Zentrums“; Ansprache des Papstes

19.45 Uhr Abschiedszeremonie auf dem Internationalen Flughafen „Mutter Teresa“ von Tirana

20.00 Uhr Rückflug von Tirana zum Flughafen Rom-Ciampino

21.30 Uhr Ankunft auf dem Flughafen Rom-Ciampino

(KNA)

Weitere Inhalte