„Es herrscht große Ratlosigkeit“

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  • Freiburg - 15.09.2014

Der Winter steht vor der Tür und im Nordirak leben nach wie vor rund eine Million Flüchtlinge, die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) vertrieben wurden. Viele von ihnen wohnen noch immer in unfertigen Häusern, Zelten und Schulen. Thomas Hoerz war Ende August für Caritas international selbst vor Ort, um Vorbereitungen für die Winter-Hilfen zu treffen. Im Interview spricht er über die logistischen Herausforderungen und die Schwierigkeiten der Flüchtlinge, sich langfristig in den kurdischen Gebieten zu integrieren.

Frage: Herr Hoerz, mittlerweile ist es September, und nach wie vor leben rund eine Million Vertriebene im Nordirak. Welche Hilfsmaßnahmen sind mit Blick auf den kommenden Winter geplant?

Hoerz: Caritas international schnürt zurzeit Hilfspakete für rund 10.000 Menschen, vor allem mit Nahrungsmitteln, die werden im Moment besonders benötigt. Hinzu kommen Haushaltsgeräte, Hygienemittel, Bettlaken. Mit Blick auf den Winter verteilen wir Decken an alle Familien. Zudem wollen wir die Behausungen der Menschen etwa in Rohbauten und leerstehenden Häusern wind- und winterfest machen. Winterkleidung wollen wir nicht verteilen, sondern den Flüchtlingen ermöglichen, sie bei ausgesuchten Händlern mittels Gutscheinen einzukaufen.

Frage: Warum verteilen Sie die Kleidung nicht einfach direkt?

Hoerz: Die Bedarfslage der Familien ist sehr unterschiedlich. Jeder braucht etwas anderes, Männer- wie Frauenkleidung, unterschiedliche Größen. Das wäre bei 5.000 Kleidungsstücken, Schuhen und Mützen zu kompliziert. Wir wollen die Flüchtlinge auch nicht uniformieren, so dass jeder aus einem Kilometer Entfernung erkennt: „Aha, das ist ein Vertriebener, die haben alle diese blauen Jacken an.“ Nicht zuletzt gehört die freie Wahl eines Kleidungsstücks auch ein Stück weit zur Menschenwürde.

Frage: Gleichzeitig dürfen die in Kurdistan lebenden Vertriebenen nicht arbeiten.

Hoerz: Ich finde das sehr traurig. Es gibt darunter gut ausgebildete junge Leute. Neulich traf ich eine junge Frau, die konnte super mit dem Computer umgehen, kannte Excel, Powerpoint und die Sozialen Medien. Aber wir durften sie nicht anstellen. Flüchtlinge aus dem Irak werden in Kurdistan behandelt, als hätten sie eine offizielle Landesgrenze überschritten. Trotz aller Gastfreundschaft ist die kurdische Regierung der eigenen Bevölkerung näher als der irakisch-arabischen Flüchtlingsbevölkerung. Auch der Schulbesuch für die vertriebenen jungen Menschen wird dadurch schwierig, denn hier wird nur auf Kurdisch unterrichtet, was die meisten von ihnen gar nicht sprechen. Für sie dürfte das ein Grund mehr sein, alles daran zu setzen, auszuwandern.

Thomas Hoerz von Caritas international ärgert sich, dass viele gut ausgebildete junge Flüchtlinge in Kurdistan nicht arbeiten dürfen. KNA

Frage: Hat sich die Wohnsituation für die Flüchtlinge mittlerweile verbessert?

Hoerz: Die Vereinten Nationen planen kleinere und größere Zeltstädte in verschiedenen Orten. Aus logistischen Gründen ist es für solche Camps sinnvoll, nicht weniger als 1.000 Zelte aufzustellen. Sonst würde sich der Aufbau der Infrastruktur mit Ärzten, Wasserversorgung und Sicherheit nicht lohnen, und internationale Standards müssen nun einmal eingehalten werden. Die Caritas hingegen arbeitet über kirchliche Strukturen viel dezentraler. Wir können auch für kleine Gruppen von fünf Familien Zelte aufstellen, etwa, wenn sie vorher in Schulen untergebracht wurden.

Frage: Der Schulbeginn wurde bereits auf Mitte September verschoben, weil so viele Familien ihre Unterkunft in Schulgebäuden haben. Haben sie schon alternativen Unterschlupf gefunden?

Hoerz: Da herrscht große Ratlosigkeit. Entweder werden eine Art von Campingplätzen dort eingerichtet, wo die Vertriebenen von der lokalen Bevölkerung und der Caritas versorgt werden können. Oder sie gehen in die großen Camps. Ich bin mir sicher, dass nur wenige Flüchtlinge die zweite Lösung wählen. In einem großen Camp bist du anonym, eine Nummer und kannst dein Leben nicht selbst gestalten. In kleineren Gemeinschaften ist das anders.

KNA: Herrscht mittlerweile ein so großes Misstrauen zwischen den verschiedenen Minderheiten?

Hoerz: Die Christen ziehen sich zunehmend in christliche Dörfer zurück. Das ist aber nicht neu, das passiert schon seit dem Fall von Saddam Hussein 2003: Angesichts der Unsicherheit in großen Städten geht man zurück aufs Dorf, baut sich dort sein Häuschen. Man geht zurück zur eigenen Gemeinschaft. In manchen Gebieten in Kurdistan gibt es ebenfalls bereits Trennungen nach kurdisch-sunnitischen Minderheiten auf der einen und Jesiden und Christen auf der anderen Seite. Je größer die Ortschaften werden, desto stärker ist noch die Mischung. Doch dort sind die Religionen wieder nach Stadtvierteln getrennt. Je kleiner die Orte sind, desto weniger vermischen sich die unterschiedlichen Gruppen.

Frage: Wie groß ist die Hoffnung der Bevölkerung angesichts der neuen Regierung unter Ministerpräsident Haider Al-Abadi?

Hoerz: Die Menschen haben ein gewisses Maß an Hoffnung, sind aber auch verhalten. Abadi hängt ja der Ruf an, dass er ausgleichend zwischen Sunniten und Schiiten wirken möchte und sie wieder zusammenbringen könnte. Aber wie viel Substanz dahinter steckt, wird sich zeigen. Die Leute sind schon durch so viele politische Kehrtwenden gegangen, dass sie alle sehr vorsichtig sind in der Bewertung der politischen Geschehnisse.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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