Ein Menschenrecht

  • Bonn - 12.09.2014

Regina aus Nigeria fürchtet sich vor Boko Haram, der Ägypter Mohammed wird in seiner Heimat ausgegrenzt. Theophilos kämpft in Indonesien für den Frieden und Asia sitzt wegen „Gotteslästerung“ in einem pakistanischen Gefängnis. Auf den ersten Blick haben die Vier nicht viel gemeinsam. Doch sie alle sind Christen, die ihren Glauben nicht frei leben können. Mit der Aktion „Ein Lebenszeichen für bedrängte Christen “ will das katholische Hilfswerk „missio“ auf ihr Schicksal aufmerksam machen.

Jesusbilder hängen an der Wand in ihrem Wohnzimmer. Das Sprechen fällt ihr noch immer schwer. Im März 2012 hat die Nigerianerin Regina ihren Mann bei einem Anschlag der Terrororganisation Boko Haram verloren. Der engagierte Katholik hatte am Eingang der Pfarrkirche in Jos die Besucher des Gottesdienstes kontrolliert, um die Gemeinde zu schützen. Seitdem lebt seine Frau in ständiger Angst: Der Ernährer der Familie fehlt ebenso wie eine staatliche Entschädigung. Sie wolle den Tätern ja vergeben, sagt Regina. „Doch was ist, wenn sie wieder morden?“

Klaus Krämer ist Präsident des katholischen Hilfswerks "missio". missio

Nigeria ist kein Einzelfall. In über 100 Ländern der Erde leiden Christen wegen ihres Glaubens unter Bedrängnis oder sogar Verfolgung. Diskriminierung und Einschüchterung gehören zu ihrem Alltag. Das Hilfswerk „missio“ fordert nun zur aktiven Solidarität im Gebet sowie zu Zeichen der Verbundenheit auf. Ein rotes Stoffbändchen – das sogenannte „Lebenszeichen“ – ist zentrales Symbol und Motto der Solidaritätsaktion.
Es kann als Lesezeichen benutzt, als Armband getragen oder einfach aufgehängt werden. Mit einer neunseitigen Liturgischen Hilfe lädt das Hilfswerk außerdem dazu ein, Eucharistiefeiern, Andachten oder Meditationen für bedrängte Christen zu gestalten.

Krämer: „Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht“

„Ihr seid nicht vergessen“, schreibt „missio“-Präsident Klaus Krämer in seinem Grußwort zur Aktion und ruft noch einmal ins Gedächtnis: „Die Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht.“ Dennoch würden in aller Welt Christen diskriminiert, bedrängt oder gar verfolgt und getötet. Und wenn bedrängte Christen wüssten, dass andere Christen mit ihnen mitfühlen und sich für sie einsetzen, dann stärke sie das, dann gebe ihnen das Kraft für den schwierigen Alltag.

Der Ägypter Mohammed kennt diesen Alltag. Er ist gebürtiger Muslim und konvertierte mit 16 Jahren zum Christentum. Offiziell ist das in Ägypten erlaubt. Inoffiziell bedeutet das jedoch das soziale Aus. Der Antrag, den neuen Glauben in seinen Ausweis aufzunehmen, wurde von den Behörden abgelehnt. Ein Gericht bestätigte das. Durch Journalisten geriet der Fall in die Öffentlichkeit und Mohammed wurde die „Störung der öffentlichen Ordnung“ vorgeworfen. Todesdrohungen waren die Folge. Im Februar 2010 tauchten er und seine Familie unter. Weil der Fall in der Schwebe ist, können sie keine Reisepässe beantragen, um Ägypten zu verlassen.

Für die Gemeinden, Verbände, Bewegungen, Eine-Welt-Gruppen oder Gebetskreise: die „Aktion Lebenszeichen – Solidarität mit bedrängten Christen".

Dass „missio“ nun eine Solidaritätsaktion gestartet hat, sei „aus der Selbstreflexion entstanden“, sagt der Pressesprecher und Organisator der Aktion, Johannes Seibel, zu katholisch.de. Einerseits habe man das Thema Menschenrechte zwar immer wieder behandelt, andererseits wolle man diese Arbeit nach Außen transparenter machen. Die Aktion „Lebenszeichen“ sei als spirituelles Element gedacht. Dass sich allein dadurch die Welt verändern lässt, glaubt auch Seibel nicht.

„Natürlich machen wir auch Lobbyarbeit, geben Menschenrechtsstudien in Auftrag und veranstalten Kongresse“, sagt er. Doch sei das aktuelle Angebot besonders niederschwellig und geeignet, um vor Ort, in den Gemeinden und Pfarreien auf das Problem aufmerksam zu machen. Und ob man es glaube oder nicht: „Wir haben mit Projektpartnern vor Ort gesprochen. Und denen ist unsere Solidarität sehr wichtig.“

Aktionsmaterialien

Das rote Stoffbändchen sowie alle anderen Materialen zur Aktion können Sie gratis bei
„missio“ bestellen.

Zusätzlich gibt es die Liturgische Hilfe, Plakate, Flyer, und Impulshefte
zum Download.

Weitere Inhalte

Theophilus ist Generalsekretär des katholischen Komitees für Religionen und Frieden im indonesischen Jakarta. Er kämpft seit Jahren für die Einhaltung der Menschenrechte und Religionsfreiheit. Denn auch wenn die Mehrheit der Bevölkerung als tolerant gilt, attackieren zunehmend extremistische Gruppen Minderheiten wie Christen, aber auch schiitische Muslime. Die Extremisten werden für ihre Gewalttaten – unter anderem auch Überfälle auf Kirchen – fast nie zur Rechenschaft gezogen, weil sie über Sympathisanten bei Polizei und Militär verfügen. 2012 hat Theophilus bereits mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über diese „Kultur des Schweigens und Wegschauens“ gesprochen. Für seinen Einsatz wird er regelmäßig bedroht.

Mit aller Vorsicht müsse man deshalb auch als Hilfswerk vorgehen, sagt Aktionskoordinator Seibel. Denn für die Minderheiten im Land sei der Dialog mit den anderen Religionen überlebensnotwendig. „Wenn wir uns da zu sehr einsetzen, verstärkt sich der Eindruck, dass gerade die Christen ,Agenten des Westens‘ sein könnten.“ Auch jetzt, wo es zu Verfolgungen im Irak kommt, dürfe der Dialog nicht aufgegeben werden. „Man muss die gemäßigten Muslime im Land unterstützen“, sagt Seibel.

In Pakistan wird die Stabilität des Landes zunehmend von extremistischer Gewalt erschüttert, unter der besonders die religiösen Minderheiten leiden – auch die Christen.

Für die Pakistanin Asia Bibi könnte unterdessen jede Unterstützung zu spät kommen. Die Feldarbeiterin aus Ittanwali, einem Dorf in der Provinz Punjab, hatte lediglich aus einem nahegelegenen Brunnen geschöpft. Von ihren muslimischen Arbeitskolleginnen wurde die Christin anschließend beschuldigt, das Wasser verunreinigt zu haben. Als sie sich dann noch weigerte, sich zum Islam zu bekennen, eskalierte der Streit. Bibi soll behauptet haben, dass Jesus Christus und nicht Mohammed der wahre Prophet Gottes sei. Sie streitet das ab. Im November 2010 wurde sie dennoch wegen Gotteslästerung zum Tode verurteilt.

Hilfswerk „missio“ startet Petition für Asia Bibi

„Im Fall Asia Bibi geht es nicht vorwärts“, berichtet Seibel. Das Berufungsverfahren sei in diesem Mai ausgesetzt worden. Das Problem: Niemand traut sich mehr, das Verfahren zu führen. Gouverneur Salman Taseer und Minister Shahbaz Bhatti hatten sich für Bibi und die religiösen Minderheiten eingesetzt. Beide wurden im Jahr 2011 ermordet. „Auch wenn es schlecht aussieht, ist es für uns wichtig, an dieses Schicksal zu erinnern“, so Seibel. Man orientiere sich am Beispiel der freigelassenen Christin aus dem Sudan.

Mit einer Petition fordert „missio“ die Bundesregierung dazu auf, „alle diplomatischen Bemühungen gegenüber Pakistan zu unternehmen, damit Asia Bibi in Freiheit entlassen wird und mit ihrer Familie in Sicherheit leben kann“. In politischen Gesprächen mit der Regierung Pakistans solle außerdem darauf hingewirkt werden, dass das dort geltende „Blasphemiegesetz“ abgeschafft wird.

„Wichtig ist uns bei der ganzen Aktion jedoch, dass wir das Thema Religionsfreiheit nicht allein im christlichen Kontext gedeutet wissen wollen“, erklärt Seibel. Darum werde man in naher Zukunft auch einen indischen Muslim vorstellen, der in seiner Heimat bedrängt wird. „Denn Religionsfreiheit muss für alle Menschen gelten.“

Von Björn Odendahl

Petition für Asia Bibi

„Reißen Sie Mauern ein: Freiheit für Asia Bibi“ heißt die Petition, die das Hilfswerk „missio“ auf den Weg gebracht hat, um die im November 2010 zum Tode verurteilte Christin zu unterstützen.

Zur Petition

© katholisch.de