Brasiliens geplatzte WM-Träume

  • Brasilien - 10.09.2014

Die Fußball-WM in Brasilien ist Geschichte. Während die Regierung von einem globalen Image-Gewinn spricht, blieben die erwarteten Impulse für die Wirtschaft aus. Ernüchternd sei zudem die soziale Bilanz des Mega-Events, kritisiert die Zivilgesellschaft. Die „Copa das Copas“ ist vorbei. Die „beste WM aller Zeiten“, so der Slogan von Staatspräsidentin Dilma Rousseff, sollte der Welt zeigen, dass Brasilien auf und neben dem Spielfeld Großartiges leisten kann.

Sportlich gab es mit dem 1 zu 7 gegen Deutschland bekanntlich ein Desaster, organisatorisch war der Event jedoch wider Erwarten ein Erfolg. Das befürchtete Organisationschaos blieb aus und die nahezu eine Million ausländischer WM-Touristen waren vom Gastgeberland begeistert, ermittelte das Tourismusministerium.

Die WM-Touristen bekamen den Zustand hinter den Kulissen nicht zu sehen

„Doch die WM-Touristen sehen nicht, welche sozialen Prozesse sich hinter den Kulissen abspielen“, sagt der Journalist Eduardo Amorim gegenüber Adveniat. Als Mitglied des WM-kritischen Bürgerkomitees begleitet er seit Jahren die Enteignungen rund um die neue WM-Arena in Recife. „Und die Situation hat sich auch nach der WM nicht verbessert.“ Viele der enteigneten Familien würden immer noch auf die vom Staat versprochenen Entschädigungen warten. Andere, die bereits einen Teil ausgezahlt bekamen, mussten wegziehen, Opfer der explodierenden Immobilienpreise in der Region. „Einen fairen Preis hat niemand bekommen. Und die Auszahlung stockt“, sagt Amorim. „Beim Abreißen sind die Behörden sehr schnell, die Auszahlungen versinken jedoch im Behördensumpf.“

Geilson Arruda vom Bürgerkomitee in São Paulo. Thomas Milz, Adveniat

Ähnlich sieht es in anderen WM-Städten aus. „Seit fast drei Jahren leben viele Familien bereits von Mietzuschüssen von monatlich etwa 130 Euro“, berichtet Geilson Arruda vom Bürgerkomitee in São Paulo gegenüber Adveniat. Hunderte Familien wurden hier für den Bau einer Hochbahn im Stadtbereich enteignet. „Die im Ausgleich versprochenen Sozialwohnungen gibt es nicht, einen Dialog mit der Regierung ebenso wenig.“

Während des Konföderationen-Cups im Juni 2013 gingen Millionen Brasilianer gegen die hohen Ausgaben des FIFA-Events und für Investitionen in Bildung und in das marode Gesundheitssystem auf die Straße. Zwar beschloss die Regierung daraufhin, die aus der Off-Shore-Ölförderung gewonnenen Milliardensummen für soziale Belange zu nutzen. Kräftig fließen werden die Ölquellen voraussichtlich aber erst in ein paar Jahren.

Unterdrückte Proteste

Trotzdem blieben neue Proteste während der WM weitestgehend aus. „Mit der WM kam die Unterdrückung durch die Polizei“, analysiert Arruda. „Ein Anwalt unseres Komitees wurde brutal von der Polizei angegriffen, zudem wurden zwei Aktivisten 45 Tage lang ohne Beweise von der Polizei festgehalten.“ Ähnlich in Rio de Janeiro, wo während der WM rund zwei Dutzend Aktivisten über Tage festgehalten wurden.

„Wir halten diese Festnahmen für illegal, sie sind eine Form der Einschüchterung, um die Durchführung der von der Regierung geplanten Projekte zu garantieren“, berichtet Renato Cosentino vom Bürgerkomitee in Rio de Janeiro gegenüber Adveniat. „Dadurch will man verhindern, dass sich die Bevölkerung mobilisiert.“

„Das Volk möchte den Ertrag der WM und keine Enteignung“, lautet die Aufschrift eines Plakates in Natal. Thomas Milz, Adveniat

Cosentino rechnet mit ähnlichen Aktionen der Behörden im Zuge der Organisation der Olympischen Spiele 2016 in Rio. „Die autoritäre Logik des Staatsapparates hat sich nicht geändert, es gibt praktisch keinen Dialog mit den betroffenen Bürgern.“ Rund 1.000 Familien seien derzeit von Enteignungen für den Bau des Transolímpica-Express-Busses bedroht. Das Bürgerkomitee werde sich weiter für die Belange der Betroffenen einsetzen, verspricht Cosentino.

Die Zukunft der Stadien ist ungewiss

Während die Milliardeninvestitionen für Olympia 2016 fließen, ist fraglich, ob sich die WM wirtschaftlich gerechnet hat. Noch im Jahre 2010 schätzte die Regierung, dass dank der WM rund 50 Milliarden Euro zusätzlich in die Wirtschaft gepumpt würden. Zuletzt errechneten Experten nur noch 10 Milliarden Euro, hauptsächlich durch Infrastrukturprojekte. Zwar kamen doppelt so viele ausländische Touristen wie in den Jahren zuvor, aber viele Fans scheuten die überteuerten Hotels und Restaurants.

Alleine die zwölf WM-Arenen kosteten den Steuerzahler rund 3 Milliarden Euro. Die Zukunft einiger Stadien ist ungewiss. In der Urwaldstadt Manaus werden bis Jahresende lediglich ein Fußballspiel und drei Konzerte stattfinden. Zuletzt wurde bekannt, dass die Instandhaltungskosten mit 200.000 Euro monatlich doppelt so hoch seien wie geplant, weitere 130.000 Euro kosten die bei der WM ungenutzten Trainingsplätze. Die Regierung denkt nun über eine Privatisierung nach.

„Die autoritäre Logik des Staatsapparates hat sich nicht geändert, es gibt praktisch keinen Dialog mit den betroffenen Bürgern.“

— Renato Cosentino, Bürgerkomitee in Rio de Janeiro

Das mit rund einer halben Milliarde Euro teuerste WM-Stadion in der Hauptstadt Brasília war zuletzt Ort einer Massenhochzeit. Derzeit arbeitet die Landesregierung an Plänen für die zukünftige Nutzung. Bei der gegenwärtigen Auslastung spiele das Stadion seine Baukosten erst in 1.000 Jahren ein, errechneten Experten. Selbst in der Fußballhochburg Recife verloren sich zuletzt nur 6.000 Zuschauer im weiten Rund. „Dabei hat der Zweitligaklub Nautico im Innenstadtbereich ein eigenes Stadion mit 20.000 Plätzen“, sagt der Journalist Eduardo Amorim. „Für die Fans macht es wenig Sinn, in die 20 Kilometer außerhalb der Stadt gelegene neue Arena zu kommen.“

Nur 88 von 167 Infrastrukturprojekten wurden rechtzeitig fertig

Rund sieben Milliarden Euro flossen in die Infrastruktur. Viele dieser Projekte hätte man auch ohne die WM durchgeführt, so die Regierenden. Von renovierten Flughäfen, erweiterten Stadion-Zufahrten, Straßenbahnen und Express-Bus-Spuren profitierte der Bausektor und kaum der marode Nahverkehr, kritisieren die Bürgerkomitees. Überhaupt wurden von den ursprünglich 167 geplanten Infrastrukturprojekten nur 88 rechtzeitig fertig, 11 sogar komplett gestrichen. Ob und wann die restlichen Projekte fertig werden, bleibt offen. Ohne den Druck einer anstehenden WM droht Stillstand.

In der Gemeinde Águas Espraiadas in São Paulo wurden die Häuser eines Armenviertels abgerissen und die Bewohner enteignet. Thomas Milz, Adveniat

Denn derzeit steuert Brasilien auf eine Rezession zu, Zuschüsse der Bundesregierung sind fraglich. Dabei hatte sich die Regierung alleine für das Jahr 2014 ein zusätzliches, WM-bedingtes Wachstum von 1 Prozent versprochen, langfristig weitere 0,5 Prozent jährlich. Doch die ersten WM-Bilanzen fallen ernüchternd aus. Ausgerechnet während der WM sei der Dienstleistungssektor um rund 7 Prozent eingebrochen, dank der insgesamt 64 WM-Feiertage in den zwölf WM-Städten.

Kein Raum für eine Kosten-Nutzen-Analyse

Auch auf dem Arbeitsmarkt blieb der erwartete Aufschwung aus, so das staatliche Statistikamt IBGE. Der Stillstand während der WM habe die Wirtschaft gebremst, so Wirtschaftsminister Guido Mantega, der zuvor die Austragung der WM stets als wirtschaftsfördernd angepriesen hatte.

Viel Raum für eine kritische Kosten-Nutzen-Analyse gibt es jedoch nicht. Mit dem Ende der WM begann die heiße Wahlkampfphase. Am 5. Oktober wählt Brasilien einen neuen Präsidenten und die Gouverneure. „Ich habe keine Hoffnung, dass im Wahlkampf diese sozialen Probleme thematisiert werden“, sagt Cosentino. „Wahlkämpfe leben von Spenden durch Großunternehmen, und wer eine gegen die Interessen der Privatwirtschaft gerichtete Politik vertritt, ist im Wahlkampf nicht konkurrenzfähig. Keiner der Kandidaten wird sich dafür einsetzen, tatsächlich etwas zu verändern.“

Für Cosentino stehen die Gewinner der WM fest: die Baufirmen, die über Jahre staatliche Milliardenaufträge einfuhren. Und die FIFA, die dank einer Steuerbefreiung einen Rekordgewinn aus Brasilien mitnahm. Verloren hätten die Bürger, deren Wohnraum und Mitspracherecht den Megaprojekten zum Opfer fielen.

Von Thomas Milz

© Adveniat

Aktion Steilpass

Beim Fußball herrschen klare Regeln, die für alle gelten. Fairplay braucht es auch in der brasilianischen Gesellschaft. Darum haben das katholische Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, der Sportverband DJK, die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB), die Katholische Landjugendbewegung (KLJB) und Kolping International die Aktion „Steilpass“ ins Leben gerufen und Forderungen für eine faire Welt aufgestellt. Diese sind als Petition formuliert und wurden zum Anpfiff der WM an die brasilianische Regierung übergeben. Fast 10.000 Menschen haben seither unterzeichnet. In 98Tagen überreicht das Aktionsbündnis die Petition an die deutsche Bundesregierung. Deshalb rufen die Organisatoren jetzt erneut zum Unterzeichnen auf. Das geht ganz einfach unter: www.aktion-steilpass.de .
Damit die Menschen in Brasilien gewinnen!

www.aktion-steilpass.de