„Eine Tragödie, ein Genozid“

  • © Bild: KNA
  • Beirut - 09.09.2014

Die gegenwärtige Lage der Christen im Irak ist nach Ansicht des syrisch-orthodoxen Metropoliten Theophilos (Georges Saliba) eine Tragödie. Der 69-Jährige leitet die Erzdiözese Tur Lebnon im Libanon – ein Land, in dem aktuell rund 27.000 syrisch-orthodoxe Christen leben und das inmitten einer konfliktreichen Region liegt. Seit Beginn des Terrors durch die Milizen des „Islamischen Staats“ (IS) steigt die Zahl der Flüchtlinge aus dem Irak täglich, berichtet der Erzbischof im Interview.

Frage: Herr Erzbischof, haben Sie Informationen zur gegenwärtigen Situation im Irak?

Theophilos: Wir sind täglich in Kontakt mit unseren Glaubensbrüdern und -schwestern im Irak. Was dort geschieht, ist eine Tragödie. Wir lesen und hören derzeit viel über den Ersten Weltkrieg. Die Schwierigkeiten, denen wir hier und heute, 100 Jahre später, begegnen, sind vergleichbar. Die Bevölkerung leidet. In der Region um Sinjar zum Beispiel sind 200 Frauen entführt worden und für 1.000 US-Dollar an IS-Kämpfer verkauft worden. Ganze Familien wurden lebendig begraben und keiner spricht davon. Es ist eine Tragödie, ein Genozid. Und wir als Kirche können nichts tun.

Frage: Was halten Sie von der Politik des Westens?

Theophilos: Unser Eindruck ist: Europa, Amerika, der Westen haben die Terroristen stark gemacht. Viele Waffen in der Region stammen aus den USA oder aus Frankreich. Auch Gelder scheinen aus dem Westen über Umwege an die Islamisten zu fließen.

Frage: Wie ist die Lage momentan im Libanon?

Theophilos: Seit Beginn des IS-Terrors sind allein 150 syrisch-orthodoxe Familien aus dem Irak zu uns gekommen, und es werden immer mehr. Täglich kommen drei, vier neue Familien. Wir versuchen, ihnen zu helfen, indem wir sie bei der Suche nach einer Unterkunft unterstützen oder indem wir ihre Kinder in unseren Schulen aufnehmen.

„Wir nehmen auf, wen wir können. Schließlich sind wir eine Familie.“

— Metropolit Theophilos Georges Saliba

Frage: Haben Sie überhaupt noch Kapazitäten?

Theophilos: Wir nehmen auf, wen wir können. Schließlich sind wir eine Familie. Aber unsere Einrichtungen sind voll, unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Wir haben nicht genug Geld, um mit ihnen zu teilen. Wir geben weiter, was wir von Freunden und anderen Organisationen erhalten. Zum Beispiel hat die Botschaft von Katar Hilfspakete geschickt. Die Mehrheit der irakischen Flüchtlinge versucht aber auszureisen: nach Deutschland, Schweden, Belgien, Australien oder in die USA. Für uns ist es unmöglich, ihnen die Ausreise zu organisieren oder zu finanzieren. Hier gibt es keinen Ort, an dem sie in Frieden leben können. Wir sind sehr traurig über diese Situation und fühlen uns in solchen Momenten hilflos.

Frage: Welche Kontakte unterhalten Sie derzeit in den Irak?

Theophilos: Unser Patriarch Ignatius Ephrem II. ist in den Irak gereist, um den Menschen Mut zuzusprechen und sie zum Bleiben zu bewegen. Er hat uns angehalten, über die Kirchen und unsere Freunde Geld zu sammeln, das wir über das Patriarchat an die Familien vor Ort weitergeben. Viele von ihnen haben keine Pässe mehr und können deshalb nicht ausreisen, besonders Christen aus Mossul, die nach Erbil geflohen sind in der Hoffnung, den Irak verlassen zu können. Insgesamt waren jetzt schon fünf Patriarchen aus dem Libanon im Irak. Sie konnten nichts tun. Der Maronitenpatriarch Bechara Rai ist in den Vatikan gereist, nächste Woche reist er in die USA. Auch unser Klerus und die Kirchenverantwortlichen im Irak sagen: Wir können nichts tun.

Frage: Sehen Sie irgendeinen Ausweg aus dieser verfahrenen Lage?

Theophilos: Wir sagen: Europa und Amerika müssen die IS-Milizen davon abhalten, Christen zu töten und Menschen zu verfolgen. Sie müssen uns ermöglichen, in unsere Dörfer und Häuser zurückzukehren. Vorher können wir als Kirche nichts mehr tun.

Das Interview führte Andrea Krogmann.

© KNA