„Wir machen nichts, wenn die Menschen nicht mit anpacken“

  • Philippinen - 08.09.2014

Der Steyler Missionar Pater Ulrich Schlecht engagiert sich seit vielen Jahren für den Bau von Schulen in ländlichen Gebieten auf den Philippinen. Im Interview zum Weltalphabetisierungstag, den die UNESCO jährlich am 8. September begeht, spricht er über die Planung und den Erfolg seiner Projekte.

Frage: Pater Schlecht, warum engagieren Sie sich vorwiegend für die Schulen des Landes?

Schlecht: Die öffentlichen Volksschulen in den ländlichen Gebieten der Philippinen sind von der Regierung in den letzten 20, 30 Jahren völlig vernachlässigt worden. Sie sind in einem geradezu armseligen Zustand. Kinder, die dort den „Abschluss“ machen, können hinterher kaum lesen, schreiben oder rechnen.

Frage: Wie kann das sein?

Schlecht: Der Schulweg vieler Kinder ist lang – manche von ihnen müssen stundenlange Märsche ohne Schuhe zurücklegen, weil ihre Eltern zu arm sind, um sie einzukleiden. Sie haben keine Bücher und keine Hefte, in der Schule gibt es keine Tafel. Der in der Regel nicht besonders gut ausgebildete Lehrer hat keine Materialien und wird schlecht oder gar nicht bezahlt. Und in vielen Dörfern geht der Unterricht nur bis zur vierten statt bis zur vorgeschriebenen sechsten Klasse. Wie soll unter diesen Umständen ein guter Unterricht möglich sein?

Frage: Warum tut die Regierung nichts dagegen?

Schlecht: Der Staat hat noch nie genug Geld für die Finanzierung von Bildungsprogrammen ausgegeben. Erst der aktuelle Präsident der Philippinen, Benigno Aquino III., hat den Missstand erkannt und will etwas an der Situation ändern. Weil der Staat das aber nicht alleine schafft, holt man sich nun Firmen und Privatleute mit ins Boot. Und auch wir Steyler Missionare springen ein.

Frage: Erkennen die Menschen selbst die Wichtigkeit von Schulbildung?

Schlecht: Ja, unbedingt. Wir gehen ja nicht in die Dörfer mit dem expliziten Vorsatz, dort Schulen zu bauen. Wir gehen in die Dörfer und fragen die Menschen, was das wichtigste Projekt wäre, das man bei ihnen anstoßen könnte. Etwas, durch das ihre Lebenssituation nachhaltig verbessert würde. Und an erster Stelle steht immer der Wunsch nach einer ordentlichen Schule. Die Leute wissen selbst: Ohne eine solide Ausbildung und Schulerziehung haben ihre Kinder keine Zukunftschancen. Bildung ist wichtig, wenn sie sozial aufsteigen und gesellschaftliches Ansehen erlangen wollen.

Pater Ulrich Schlecht zu Besuch in einem philippinischen Dorf. Steyler Mission

Frage: Wie ändern Sie das?

Schlecht: Wir schauen uns zunächst an, was die Menschen bereits unternommen haben. In einem Dorf etwa hatten die Menschen eine kleine Bambus-Hütte für die Schüler gebaut, in der eine junge Lehrerin bereits zwei Jahre lang ohne Lohn unterrichtete. Wir haben uns dann mit allen Eltern und Dorfältesten zusammengesetzt und überlegt: Wie können wir die Situation verbessern? Was können die Dorfbewohner dazu beitragen? Zuerst haben wir jemanden gesucht und gefunden, der kostenfrei einen Hektar Land zur Verfügung stellt. Dann haben wir dafür gesorgt, dass das Lehrpersonal künftig von der Regierung bezahlt wird – eine langwierige, bürokratische Prozedur.

Was den Bau der Schule angeht, hat das Dorf allen Sand und Kies zur Verfügung gestellt, für Baustahl und andere Materialien konnten wir das lokale Erziehungsministerium gewinnen. Einen Bauarbeiter haben wir Steyler Missionare aus Spenden finanziert, alle übrigen Arbeiten haben die Dorfbewohner übernommen. Die Schulausrüstungen für die Kinder haben wir den Eltern zum halben Preis verkauft, der Gewinn aus dem Verkauf ist wiederum in die Schule geflossen. Schließlich habe ich beim Gottesdienst in einer der reichsten Siedlungen von Cebu um Spenden für das Dach der Schule gebeten – und war erfolgreich. Als der lokale Bürgermeister das sah, hat er sich bereit erklärt, den Rest des Baus zu finanzieren. Fazit: Man muss ordentlich Klinken putzen, aber wenn es einmal läuft und die Menschen sehen, dass sich etwas bewegt, stecken sie sich oft gegenseitig mit ihrer Begeisterung an.

Frage: Aber ohne Beteiligung der Lokalbevölkerung läuft nichts…

Schlecht: Richtig. Wir machen nichts, wenn die Menschen nicht mit anpacken. Die Leute sollen das Gefühl haben: Wir haben das selber aufgebaut. Das erfüllt sie mit Stolz, aber auch mit Sorge für das Bauprojekt. Wir haben mal in einem Dorf hoch in den Bergen eine Schule gebaut. In dieser Schule gab es aber kein Wasser. Jeden Morgen in der ersten Stunde mussten Schüler ins Tal laufen und Wasser für die Schule holen – nachmittags das gleiche. Also hat ein Steyler Mitbruder, der sich mit der Wünschelrute auskennt, für die Menschen nach einer Wasserquelle gesucht. Den Brunnen haben wir gemeinsam gebaut, die Verantwortung für Pumpe, Leitungen und Elektrik tragen nun die Dorfbewohner. „Das liegt in euren Händen“, haben wir ihnen gesagt. „Ihr müsst euch nun um die Instandhaltung der Anlage kümmern.“ Und sie tun es jetzt seit über einem Jahr, wollen das Projekt demnächst sogar in Eigenregie erweitern.

Frage: Verfolgen Sie den weiteren Weg jener, die Ihre Schulen besucht haben?

Schlecht: Mancher unserer ehemaligen Schüler geht inzwischen aufs College, andere haben dort gerade einen Abschluss gemacht und starten nun ins Berufsleben. Ihr erstes Gehalt investieren diese Schüler dann sofort, um ihre Familien aus der äußersten Armut herauszuholen. Es gibt einen sehr talentierten Schüler aus einer ganz armen Familie, den wir unterstützt haben – und der inzwischen zur See fährt und auf Ozeanriesen Karriere macht. Seiner Familie geht es richtig gut.

Frage: Was kümmert Sie als Missionar eigentlich die Schulbildung der Menschen?

Schlecht: Es ist eine völlig überholte Ansicht, dass wir uns als Pfarrer nur ums Predigen, Taufen und Beerdigen zu kümmern haben. Natürlich tun wir auch das. Aber wir müssen uns vor allem der Menschen annehmen. Wenn wir nicht bei deren persönlichen Nöten beginnen, können wir unseren Einsatz fürs Evangelium gleich vergessen. Es geht darum, das Selbstbewusstsein und das Vertrauen der Landbevölkerung in ihre eigenen Fähigkeiten zu stärken. Wir müssen ihnen Hoffnung schenken – und wir müssen ihnen die Erkenntnis vermitteln, dass man am besten im Team weiterkommt. Das kann nicht nur die deutsche Fußballnationalmannschaft. Das können alle.

Das Interview führte Markus Frädrich.

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