„Die Herausforderungen haben sich radikal verändert“

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  • Bonn - 03.09.2014

Mit einem Festakt und einem Kongress feiert das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik DIE am Donnerstag und Freitag sein 50-jähriges Bestehen. Gegründet als Ausbildungsstätte für Führungskräfte in der technischen Zusammenarbeit, hat sich das seit 2000 in Bonn ansässige DIE über die Zusammenarbeit mit Ministerien und ausländischen Regierungen und Experten einen Ruf als führende Denkfabrik in der Entwicklungspolitik erworben. Im Interview wirft DIE-Direktor Dirk Messner einen Blick zurück und erläutert, wo er die Herausforderungen der Zukunft sieht.

Frage: Herr Messner, das DIE begeht in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. In welchem Umfeld fand die Gründung statt?

Messner: Mitte der 1960er Jahre befand sich die deutsche Entwicklungspolitik im Aufbau. Auf dem internationalen Parkett haftete der Bundesrepublik nach NS-Regime und Zweitem Weltkrieg immer noch eine Art Paria-Status an. Hilfe für andere Länder bot die Möglichkeit, den eigenen Ruf aufzubessern und sich als verantwortlicher Akteur in der Weltgemeinschaft zu präsentieren.

Frage: Wie sieht es 2014 aus?

Messner: Deutschland ist als Partner geschätzt, zugleich haben sich die Rolle des Landes und die globalen Herausforderungen radikal verändert.

Frage: Wie meinen Sie das?

Messner: Vor 50 Jahren war die Weltwirtschaft vergleichsweise einfach strukturiert. Da gab es eine Handvoll Industrienationen und sehr viele sehr arme Länder. Diese Einteilung könnten Sie heute gar nicht mehr vornehmen. Da reicht ein Blick auf Schwellenländer wie China, Brasilien oder Indien.

Die Ok Tedi Mine in der Western Province, in der Gold und Kupfer gehoben werden. Missio/Fritz Stark

Frage: Trotzdem gibt es weiterhin viel Armut.

Messner: Aber auch eine wachsende Mittelschicht – weltweit. Vor dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts 1989 erwirtschafteten 1,3 Milliarden Menschen ein Bruttojahreseinkommen zwischen 4.000 und 40.000 US-Dollar pro Kopf. Rund 80 Prozent dieser Menschen lebten damals in den Industrieländern. Heute zählen schon 2,5 Milliarden Menschen zur Mittelschicht – und nur noch die Hälfte davon lebt in den reichen Ländern des Westens.

Frage: Wer sagt, dass dieser Trend anhält?

Messner: Seriöse Schätzungen von Forschern, die davon ausgehen, dass bis 2030 etwa fünf Milliarden Menschen über die Schwelle von 4.000 US-Dollar kommen und davon nur noch jeder Fünfte in Europa oder Nordamerika lebt.

Frage: Was bedeutet das für die Entwicklungspolitik?

Messner: Viele Staaten sehen sich längst nicht mehr als Empfänger von Geldern aus dem Westen. Sie werden wirtschaftlich unabhängiger und treten selbstbewusster auf. Damit entstehen – neben der Armutsbekämpfung, die immer noch für etwa 2 Milliarden Menschen weltweit von existenzieller Bedeutung ist – neue Kooperationsfelder.

Frage: Welche neuen Felder sind das?

Messner: Zum Beispiel Fragen, wie wir mit Rohstoffen umgehen, mit den Folgen des Klimawandels oder der Weltwirtschaftskrise. Wenn wir das nicht in den Griff bekommen, schlittern wir in lauter Krisensituationen rein. Das 21. Jahrhundert wird darum das Jahrhundert der globalen Gemeinschaftsgüter ...

Frage: ... und wohl auch der Kriege, wenn wir auf Regionen wie den Nahen und Mittleren Osten blicken, nach Afrika oder in die Ukraine.

Messner: Das ist leider wahr. Etwa 20 Staaten wie der Kongo, Somalia oder der Sudan gelten aufgrund von Gewalt und Anarchie als fragil. In weiteren 10 bis 20 Ländern droht ein Kollaps, nachdem dort autoritäre Strukturen zusammengebrochen sind. Das Spektrum reicht von Libyen bis in die Ukraine. Hier wären Strategien dringend nötig, aber gerade in diesem Bereich wissen wir viel zu wenig.

Frage: Genau das beklagen Helfer mit Blick auf Irak und Syrien. Es gibt aktuell heftige Debatten über die geplanten deutschen Waffenlieferungen an die im Nordirak gegen die IS-Miliz kämpfenden Kurden. Glauben Sie, dass die Politik diesen Herausforderungen gewachsen ist?

Messner: Obwohl solche Themen immer wichtiger werden, scheint die Zahl derer, die sich damit beschäftigen wollen, nicht zuzunehmen. Politische Karrieren macht man – auch im Zeitalter der Globalisierung – leider eher mit innenpolitischen Themen. Wir müssen auch mehr in die Forschung investieren, um besseres Wissen über schwierige internationale Probleme und deren Lösung zu generieren.

„Viele Staaten sehen sich längst nicht mehr als Empfänger von Geldern aus dem Westen.“

— Prof. Dr. Dirk Messner

Frage: Was halten Sie für angemessen?

Messner: In der EU haben wir uns vorgenommen, drei Prozent des Bruttosozialprodukts in die Forschung zu stecken, damit unsere Gesellschaften sich gut entwickeln können. Es wäre schon toll, wenn das Entwicklungsministerium, das 2014 etwa 6,4 Milliarden Euro investieren wird, sich sukzessive darauf ausrichten würde, ein Prozent seines Budgets in zukunftsorientierte Forschung zu verausgaben: das wären 64 Millionen Euro.

Grenzenloses Wachstum?

Expertin Dr. Imme Scholz über nachhaltige Entwicklung und ökologische Grenzen.

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Frage: Alle Jahre wieder tobt unter Helfern und Entwicklungspolitikern ein Streit über die richtigen Ansätze. Die einen sprechen sich für Budgethilfe aus, also dafür, die Gelder pauschal der Regierung des jeweiligen Partnerlandes zur Verfügung zu stellen ...

Messner: ... was dann funktioniert, wenn die Verantwortlichen transparent arbeiten und klare Ziele verfolgen. Und: Pauschal wird kein Geld vergeben. Es gibt Absprachen über Investitionsfelder und natürlich Qualitätskontrolle.

Frage: Andere wollen die Zivilgesellschaft stärken. Und in jüngster Zeit gibt es dann noch die Frage, wie weit Unternehmen in Entwicklungsprojekte mit einbezogen werden sollen.

Messner: In hochkorrupten Ländern ist es sinnlos, auf Budgethilfe zu setzen. Da müssen Sie über die Zivilgesellschaft gehen. Dies gilt auch für autoritäre Regime. Während der Zeit der Militärdiktaturen in den 1970er und 1980er Jahren in Lateinamerika haben wir auf diese Weise gute Erfahrungen mit der Arbeit etwa von Stiftungen gemacht. Was die Beteiligung von Unternehmen anbelangt: Privatwirtschaft ist ganz offenbar ein Motor von Entwicklung. Es kommt letzten Endes auf das Land und die jeweilige Situation an, welcher Ansatz am erfolgversprechendsten ist.

Frage: In Deutschland erhalten die Kirchen vom Staat eigene Mittel, um Hilfsprojekte durchzuführen. Ist dieser europaweit einmalige Ansatz noch zeitgemäß – nicht zuletzt angesichts der Imageprobleme, die die Kirchen hierzulande haben?

Messner: Von dieser Art der Finanzierung profitieren andere Nichtregierungsorganisationen genauso. Auch wenn ich in einigen Fragen, etwa bei der Bevölkerungspolitik, anders denke, fließt von den Kirchen ein ganz anderes Kapital von herausragender Bedeutung zurück: Nämlich das Bewusstsein, dass wir Menschen weltweit füreinander einstehen sollten und dafür in der Verantwortung sind. Und das sage ich jetzt nicht, weil ich beim katholischen Hilfswerk Misereor im wissenschaftlichen Beirat sitze. Die Kirchen schaffen soziales Kapital – auch für die Weltgesellschaft. Und darauf sind wir dringend angewiesen.

Das Interview führte Joachim Heinz.

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