„Tage und Nächte zwischen Leichen“

  • Münster - 02.09.2014

Faisl Mahmud Karow hält die Mappe mit beiden Händen vor seine Brust, ganz nah an sein Herz. „Meine Bilder“, steht darauf. Langsam legt er die Fotos dann nebeneinander auf den Tisch. „Mein Bruder, mein Neffe, meine Nichte“, sagt er. „Alle Verwandten, die in der Heimat lebten, habe ich verloren.“ Mahmud Karow lebt bereits seit einigen Jahren mit seiner Frau und seiner Tochter in Altenberge.

Anfang August, erzählt er, hätten Dschihadisten der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS oder ISIS) seine Brüder, Neffen und Cousins ermordet. Die 21 Mädchen und Frauen der Familie seien von ihnen entführt worden. Niemand weiß, was mit ihnen geschehen ist. Seine 70-jährige Mutter habe überlebt. „Sie hat fünf Tage und fünf Nächte zwischen den Leichen geschlafen“, sagt er unter Tränen, „mit kleinen Kindern“.

Die ISIS bedroht Menschen im Irak mit Vertreibung, Vergewaltigung, Sklaverei und Tod. Neben gemäßigten Muslimen sind besonders die religiösen Minderheiten der Christen und Jesiden davon betroffen. Deshalb hat sich Weihbischof Dieter Geerlings am Dienstag (02.09.2014) mit jesidischen und christlichen Familien aus dem Irak getroffen, die im Münsterland leben, aber Verwandte und Freunde im Irak haben. Geerlings ist Stellvertretender Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz und im Bistum Münster zuständig für die muttersprachlichen Gemeinden.

Es sei wichtig, „der Not im Irak ein Gesicht zu geben“, sagte Geerlings. Durch die Terrorgruppen habe der Krieg eine völlig neue Dimension erreicht. Die Kirche müsse dazu beitragen, dass die unmenschliche Situation menschlicher wird.

Männer ermordet, Frauen verschleppt

Familie Farec aus Coerde lebt seit 16 Jahren in Deutschland. Sie kommen aus dem Sindschar-Gebirge im Nordirak. Laut Bareket Khorto Farek haben die Menschen dort nie einen Unterschied gemacht zwischen Christen und Jesiden. „Aber die Islamisten, die Kinder töten und Erwachsene enthaupten, sind keine Menschen, sie sind Barbaren“, sagt er. Farec berichtet von einer Familie, die von ISIS-Kämpfern gefangen genommen wurde. „Sie hatten Hunger“, sagt er und senkt den Kopf. „Da zwangen die Islamisten sie, das Fleisch ihres eigenen Kindes zu essen.“

Farec kann kaum noch sprechen. Das Leid drückt auf seine Stimme. Seiner Tochter Nalin, die für ihn aus dem Kurdischen ins Deutsche übersetzt, wischt sich mit einem Taschentuch Tränen aus dem Gesicht. Die Mutter weint. Die Zuhörer antworten mit beklemmendem Schweigen. Ihre Gesichter sind betroffen, zeigen tiefe Sorgenfalten.

83 Menschen gehören zu Farecs Familie. Über die Hälfte von ihnen habe die ISIS gefangen genommen. Er weiß von einem Onkel, dessen sieben bis 14 Jahre alte Töchter entführt worden seien. Man weiß nicht, was mit ihnen ist. „Wahrscheinlich wurden sie vergewaltigt oder versklavt“, sagt Farec. Die andere Hälfte seiner Familie lebe in Flüchtlingscamps. Dort erhielten sie kaum Hilfe, „vielleicht eine Mahlzeit am Tag“.

Den Terror stoppen

Necat Bozan von der Gesellschaft Ezidischer AkademikerInnen (GEA) ist es ein Anliegen, dass das Thema nicht aus den Medien verschwindet. „Was im Irak geschieht, ist ein Völkermord an Jesiden und Christen“, sagt er. Menschen würden wahllos massakriert, zweijährige Kleinkinder geköpft, siebenjährige Mädchen vergewaltigt. „Unsere menschliche Pflicht ist es, nicht wegzusehen.“

Muna Korkis lebt in Münster. Die Christin stammt aus Tel Iskof, einer Kleinstadt nördlich von Mossul. Sie erzählt von zwei alten Frauen, die sich geweigert hätten, das Dorf zu verlassen, als die ISIS-Kämpfer kamen. Nach Korkis Darstellung misshandelten die Islamisten sie schwer und wollten sie zwingen, zum Islam zu konvertieren. Sie berichtet auch von einem Schwerkranken, der von Dorf zu Dorf vor der ISIS geflohen ist. Die Situation sei außerdem so schlecht, dass Menschen schon an leichten Erkrankungen stürben.

Weihbischof Geerlings forderte auf, nicht wegzuschauen: „Die Menschen brauchen unseren Schutz und unsere Hilfe.“ Die Debatte um Waffenlieferungen sei dabei „ein schweres ethisches Problem“. Die Deutsche Bischofskonferenz unterstütze dies eigentlich nicht. Es sei die letzte Möglichkeit, wenn nichts anderes mehr helfe. „Aber nachdem, was ich heute gehört habe ... Um den Terror zu stoppen, können wir nicht noch warten, bis die UNO Maßnahmen ergreift.“ Die Taten der ISIS verstießen gegen jedes Menschenrecht. „Der reine Pazifismus ist sehr schön, muss sich aber auch mit der Wirklichkeit auseinandersetzen.“ Er unterstütze das Wort der Deutschen Bischofskonferenz: Wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, müsse man Schutzverantwortung übernehmen.

Doch wenn man Waffen liefere, müsse man auch andere Hilfen vorantreiben: Humanitäre Hilfen, das Sammeln von Spenden, die Arbeit von Caritas International oder die langfristige Errichtung einer Schutzzone. Aber auch die Aufnahme von Flüchtlingen. „Die Bischöfe im Irak haben Angst, dass das Christentum ganz aus dem Land verschwindet.“

Jochen Reidegeld, stellvertretender Generalvikar, betonte, dass man vor der Not im Irak nicht kapitulieren dürfe. Dazu müsse man sich anrühren lassen von der Not des Einzelnen. Die Hilflosigkeit sei ungeheuer groß: „Da werden Familie und Freunde abgeschlachtet, und die Menschen hier können nichts dagegen tun.“

Faisl Mahmud Karow steckt die Bilder mit den Gesichtern seiner Verwandten eines nach dem anderen zurück in die Mappe. Das ist alles, was ihm von ihnen bleibt. Sie haben nicht einmal ein Grab, an dem er trauern könnte.

Am 16.9. findet im Paulus-Dom in Münster um 19 Uhr ein Friedensgebet mit Christen und Jesiden aus dem Irak statt.

Von Claudia Schwarz

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