„Aufklärung ist der beste Schutz“

  • Aachen - 22.08.2014

Über tausend Todesopfer hat der Ebola-Virus in Westafrika bereits gefordert. Auch in Sierra Leone greift die Epidemie um sich. Der deutsche Salesianerbruder Lothar Wagner leitet in der Hauptstadt des Landes ein Zentrum für Straßenkinder. Allen Warnungen zum Trotz bleibt der engagierte Ordensmann vor Ort – und begibt sich dabei tagtäglich in Gefahr.

Frage: Bruder Lothar, wie erleben Sie die Bedrohung durch Ebola?

Bruder Lothar: Die Menschen haben Angst und es gibt eine große Verunsicherung. Alles wird durch die Epidemie geprägt und bestimmt, der gesamte Alltag dreht sich nur noch um den Virus. Das Stadtbild ist geprägt von vermummten Menschen in Schutzkleidung. Das hat natürlich auch Konsequenzen für mein eigenes Empfinden, Handeln und Tun. Trotz der vorherrschenden Angst versuche ich, meinen Verstand nicht zu verlieren. Bei uns beginnt jeder Tag mit einer großen Lagebesprechung, die wir sonst nur einmal die Woche haben. Wir müssen täglich schauen, wo wir unser Programm modifizieren müssen.

Frage: Sie stehen in engem Kontakt mit der Landesregierung. Wie können Sie die staatlichen Maßnahmen im Kampf gegen die Epidemie unterstützen?

Bruder Lothar: Zum einen sicherlich durch unser Know-how in der Aufklärungsarbeit. Wir Salesianer Don Boscos sind Experten in der Prävention. Zurzeit ist mein Stellvertreter in der Task Force des Präsidenten als Berater engagiert, gerade, was die Vorsorgekampagnen betrifft. Zum anderen haben wir natürlich auch in unseren Einrichtungen Maßnahmen getroffen, aber auch in den Lebenswelten junger Menschen. Wir gehen auf die Straße oder auch von Haus zu Haus, um mit dem jungen Menschen in Kontakt zu kommen und über die Epidemie aufzuklären.

Frage: Welche konkreten Maßnahmen ergreifen Sie, um die Menschen vor der Krankheit zu schützen?

Bruder Lothar: Aufklärung ist im Moment der beste Schutz, die Menschen über die Symptome und Übertragungswege zu informieren: Haltet euch von Begräbnisfeiern fern, esst kein Fleisch von Affen oder Flughunden, vermeidet den direkten Körperkontakt zu Kranken, meldet euch, wenn Kopfschmerzen, Fieber oder Erbrechen auftreten und so weiter. Zusätzlich gehen wir von Haus zu Haus, sind mit unserem Bus unterwegs und machen Radiosendungen. Derzeit kümmern wir uns um 2.000 Straßenkinder, um junge Gefangene im Zentralgefängnis und um Mädchen, die Gewalt erfahren haben – und die müssen wir auch schützen. Deshalb werden Besucher unserer Häuser mit einem kontaktlosen Infrarot-Fieberthermometer untersucht und sie müssen die Hände desinfizieren. Außerdem müssen sie einen Fragebogen ausfüllen, der prüft, ob sie Kontakt mit einem Infizierten hatten.

Frage: Ihre Don Bosco Child Line ist normalerweise eine Telefonseelsorge für Kinder und Jugendliche. Seit Ausbruch der Ebola hat sie eine zusätzliche Funktion ...

Benjamin Koroma von der Don Bosco Telefonberatung in Sierra Leone Don Bosco Fambul/Kindermissionswerk

Bruder Lothar: Ja, richtig. Zu normalen Zeiten führen wir rund 50 Beratungsgespräche am Tag, meist über Liebe, Freundschaft, Sexualität – also Themen junger Menschen. Nun sind es fast 200 Beratungen täglich, Top-Thema ist Ebola. Neben der Hotline 116 mussten wir eine zweite einrichten, die Hotline 117. 24 Stunden sind mindestens drei Pädagogen an den Telefonen – auch nachts stehen die Leitungen nicht mehr still. Mit der Telefonberatung, die wir vor Jahren gemeinsam mit dem Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ aufgebaut haben, können wir auf ein sehr gut funktionierendes Hilfsangebot zurückgreifen.

Frage: Nicht nur am Telefon helfen und betreuen Sie Kinder und Jugendliche. Im Moment kümmern Sie sich auch um Jungen und Mädchen, die von Ebola betroffen sind. Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Bruder Lothar: Die Regierung von Sierra Leone hat uns gebeten, Kinder und Jugendliche aufzunehmen, die ihre Eltern durch Ebola verloren haben. Zudem nehmen wir junge Menschen auf, die infiziert waren und geheilt wurden, nun aber nicht mehr von ihren Familien aufgenommen werden. Oftmals haben die Familien Angst oder Furcht, außerdem gibt es einen tief sitzenden Hexenkult. Viele Menschen glauben, dass ehemals Erkrankte verflucht sind und vom Teufel besessen, oder dass sie von Gott bestraft werden und Unglück in die Familien bringen. Wir haben ein einjähriges sozialtherapeutisches Programm mit dem Ziel begonnen, von Ebola betroffene Kinder in ihre Familien zurückzuführen, oder – wenn das nicht geht – sie in eine Großfamilie oder Pflegefamilie zu integrieren. Unter finanziellen Gesichtspunkten ist das eine Herkulesaufgabe, für die wir jetzt 170.000 Euro aufbringen müssen.

Frage: Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre täglichen Aufgaben?

Bruder Lothar: Ich bin schon sechs Jahre in Sierra Leone und habe hier natürlich Wurzeln geschlagen. Freunde, Bekannte und meine Mitbrüder sind vor Ort, da ist es für mich ganz klar, dass ich da sein muss, wenn die Not am größten ist. Das ist ja auch Don Bosco: da sein, wo junge Menschen in Not sind. Das gibt mir Kraft. Natürlich denke ich auch aus meinem Glauben. Das ist jetzt kein Rumgefrömmel, aber der Kreuzweg Jesu wird jeden Tag neu gegangen und da will ich mich natürlich auch gerne positionieren. Welche Rolle nehme ich ein? Bin ich derjenige, der ein Schweißtuch reicht, oder derjenige, der Christus hilft, das Kreuz zu tragen? Auf die aktuelle Situation bezogen heißt das: Wo bin ich heute, wenn Kinder leiden? Was tue ich? Es sind kleine Millisekunden, die ich immer wieder erlebe, Gotteserfahrungen, die ich gerne festhalten will. Diese Millisekunden geben mir auch die Kraft, gut zu arbeiten. Aber ich bin auch ein Mensch und ich bin auf Unterstützung angewiesen, auf aufmunternde Worte, Wertschätzung und die erlebe ich natürlich auch durch Partner wie das Kindermissionswerk und das gibt natürlich noch einmal viel Kraft und Mut.

© Kindermissionswerk „Die Sternsinger“

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Weitere Informationen zum Don Bosco Zentrum Fambul und zur Situation vor Ort finden Sie bei Don Bosco Mondo , Don Bosco Mission und beim Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ .

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